Das Wunder von Taipeh: Einfach nur Kicken

Es ist im Rückblick immer wieder erstaunlich wie sehr sich Gesellschaften gegen Gleichberechtigung sträuben. Tatsächlich war es Frauen in Deutschland bis ins Jahr 1970 verboten, Fußball zu spielen. Aber wer die Zeit verschläft, der muss sich nicht wundern, wenn ihn die Ereignisse überrollen, so wie den Deutschen Fußballbund 1981, als der Verband eine Frauen-Nationalmannschaft nach Taiwan schicken sollte und dusselig aus der Wäsche guckte, weil es keine gab. John David Seidlers launige Doku „Das Wunder von Taipeh“ erzählt von den Anfängen des Frauenfußballs in (West-)Deutschland.

Tatsächlich ist der Titel eine Anspielung an „Das Wunder von Bern“, womit der erste Fußball-Weltmeistertitel der deutschen Männer-Nationalmannschaft 1954 gemeint war. Parallelen zu dem Frauenfußball-Turnier 1981 mögen die Zuschauer:innen selbst ziehen. Dabei ist der Sieg bei dem inoffiziellen Turnier in Taiwan nur der Aufhänger, um zu erzählen, wie der allseits beliebte Sport quasi der Hälfte der Bevölkerung vorenthalten wurde.

Mit dem zeitlichen Abstand von rund einem halben Jahrhundert mutet es schon kurios an, mit welcher Bevormundung und welchen Scheinargumenten den Mädchen und Frauen seinerzeit das Ballspielen verboten wurde. Undamenhafter Kampfsport sei das, das schöne Geschlecht solle doch lieber Leichtathletik betreiben, bevor es zu unschönen körperliche Deformierungen käme.

Als der Fußballsport sich dann für die Frauen öffnete, fehlte es komplett an Infrastruktur und Unterstützung des Dachverbandes, so mussten die Pionierinnen des Frauenfußballs in Deutschland vor allem gegen Vorurteile und gegen Funktionäre kicken und wurden dafür nicht selten noch in sexistischer weise belächelt.

Die Doku von John David Seidler hängt sich im Prinzip an das spielerinnen-Treffen jener Mannschaft von Bergisch Gladbach, die 1981 quasi als Ersatz für die offizielle Nationalmanschaft zum Turnier nach Taipeh fahren durfte. Glücklicherweise fanden sich damals Sponsoren, da der DFB den Damen keine Finanzielle Unterstützung zukommen ließ.

Doch es geht in der Doku auch um den Liga-Alltag in diesen Tagen, die Entwicklung von Tresenmannschaften über Regionale Wettbewerbe hin zu nationalen Meisterschaften, die Rolle von Spielertrainerin Anna Tabant-Haarbach, die eine der Prägenden Figuren des Frauenfußballs in Deutschland ist. Zu Wort kommen jene der damaligen Kickerinnen von Bergisch –Gladbach, die vor die Kamera wollten oder konnten.

In Interviewsequenzen, die zeigen wie sehr die Frauen zum großen Teil auch heute noch dem Sport verbunden sind, entsteht ein launiges Bild von einer Aufbruchsstimmung, die zugleich gesellschaftlicher Umbruch, Gleichberechtigung und Selbstermächtigung ist. Untermalt wird das Ganze mit Archivmaterial und damaligen Originalkommentaren.

Neben den Frauen der Weltmeistermannschaft kommt auch Theo Zwanziger zu Wort. Der ehemalige DFB-Präsident, der sich gerne weltoffen gibt, hat nicht nur die WM-Vergabe nach Katar heftig kritisiert, sondern geriet auch wegen Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit der WM im eigenen Lande 2006 ins Gerede. Das Verfahren wurde im Zuge der Covid169-Pandemie im März 2020 ausgesetzt und im April 2020 trat die Verjährung ein. Eventuell ist das Interview also ein paar Tage älter, was belegen würde, das der Filmmacher Seidler länger an der Doku gearbeitet hat. Ansonsten hätte man eventuell besser einen anderen Interviewpartner genommen, um die Entwicklungen beim DFB hinsichtlich des Frauenfußballs zu kommentieren.

„Das Wunder von Taipeh“ führt zwar etliches an Archivmaterial an, vieles ist aber nicht unbedingt in leinwandtauglicher Qualität vorhanden. Was auf der TV-Bildschirm an Grobkörnigkeit noch zu verkraften ist, muss auf der großen Leinwand schon grenzwertig schlecht erkennbar sein. Dabei hätten gerade Kino-Evens sicher eine große Strahlkraft für junge Mädchen und Frauen haben können, sich mit Fußball, Gesellschaft und Emanzipation zu beschäftigen. Der Kinostart fiel nun leider auch weitgehend Pandemie-bedingt ins Wasser. Was bleibt, ist diese unterhaltsame Doku für den Hausgebrauch und für das Vereinsheim. Mehr Zuschauer:innen seinen den Damen gewünscht, sobald die pandemische Großwetterlage es zulässt. Vor allem weil deren Liga noch nicht demonstriert hat, wie unwichtig die Zuschauer für den Ablauf sind.

Frauen zurück an den Herd! Das wird nicht mehr passieren. In Zeiten und Gesellschaften, in denen Frauen selbstverständlich auch traditionelle Männerdomänen bereichern, braucht sich kein Platzwart mehr zu sorgen, die Mädels könnten den Rasen ruinieren. „Das Wunder von Taipeh“ ist kein filmische Offenbarung, aber eine sehr sehenswertes und wichtiges Zeitportrait.

Film-Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

Das Wunder von Taipeh
Genre: Dokumentarfilm, Sport, Zeitgeschichte
Länge: 85 Minuten, D, 2020
Regie: John David Seidler
Mitwirkende: Anne Trabant-Haarbach, Petra Landers
FSK: ohne Altersbegrenzung
Vertrieb: Corso Film, Mindjazz Pictures,
Kinostart: 27.02.2020
DVD-VÖ: 19.06.2020

Update: 31.08.2020: heute abend zeigt 3Sat die Doku unter dem Titel „Die Weltmeisterinnen“ im Free-TV, somit ist der Film wohl momentan auch in der Mediathek verfügbar.

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