Wenn Musik denn eine Reise ist, haben die norwegischen Psychrocker Kanaan ihr gelobtes Land längst erreicht. Da war das Trio bereits mit dem furiosen Album „Downpour“ von 2023 angekommen. Nun folgt mit dem neuen selbstbetitelten Album „Kanaan“ das bisherige Opus Magnus der instrumentalen Dreifaltigkeit – und es ist ziemlich heavy ausgefallen. Bei Jansen Records aufgelegt und ab dem 16. Oktober zu erwerben, oder zu mieten oder zu hören oder zu erleben, oder was auch immer ihr mit eurer Musik so macht.
Just vor und um die Veröffentlichung ihres neuen, zehnten (dazu kommen wir noch) Albums sind Kanaan auf ausgedehnter Konzertreise und waren auch hierzulande unterwegs. Und wenn Kanaan aufspielen, ist stürmische See garantiert. Zumindest erinnern die wild wogenden Crash-Becken von Schlagzeuger Ingvald an wogende Wellen und raue Winde. Dabei halten es Kanaan mit ihrem Heavy Psyh Rock – wie die Band das selbst nennt – eher progressiv und auch ein bisschen jazzig.
Das Jazzige ist in der Bandentwicklung irgendwie übergeblieben und hat zu Karrierebeginn deutlich mehr Sound und Raum eingenommen. Stetig hat sich das Trio aus Oslo zu psychedelischen und zu Recht heavy rockenden Strukturen hinbewegt. Dabei nimmt das gemeinsame Improvisieren immer noch einen Gutteil des Kanaan-Sounds ein.
Das Trio besteht seit rund einer Dekade und die Besetzung ist konstant, wenngleich zumindest der Schlagzeuger umtriebiger ist, noch ein anderes Projekt am Start hat (oder hatte) und aktuell bei Motorpsycho am Schlagzeug zu wirken scheint (möglicherweise auch nur bei Auftritten). Kanaan sind Gitarrist Ask Vatn Strøm, Schlagzeuger Ingvald Vassbø und Bassist Eskild Mørtl Myrvoll. Gesang gibt’s keinen und niemand, der dem Trio Gehör schenkt, vermisst welchen. In den zehn Jahren des Bandbestehens haben Kanaan nach eigener Zählung nun ihr 10. Album am Start.
Im Schneewittchensarg vom Hardangervidda runter rasen
Viele der Alben sind „nur“ digital erschienen, und ich hätte Veröffentlichungen, die „Sessions“ im Titel haben oder explizit Material, das nicht auf die Alben gepackt wurde, nicht unbedingt als Album bezeichnet, aber streng genommen sind sie das wohl. Wer sich also bei den Reviews zu „Earthbound“ und „Downpour“ über brutstatts Zählweise wundert, findet hier also Aufklärung. Vor „Kanaan“ gab es noch ein Koop-Album von Kanaan & Ævestaden (ebenfalls digital und als um Live-Songs bereicherte Deluxe-Version).
Und jetzt endlich zum Wesentlichen, dem neuen Album: Hatten Kanaan auf „Downpour“ ihren Sound ganz gehörig heavier ausgelebt, so ist das auch auf dem aktuellen Album zu hören. Und erneut startet das Trio mit zwei vergleichsweise kurzen und feisten Rocksongs, bevor die ausgedehnten Klangreisen beginnen. Die haben zwar auch ihre heavy Parts, sind aber in der Songanlage und der musikalischen Ausrichtung klassischer Prog Rock – in epischer Breite und wahnwitziger Länge.
Nicht umsonst hat „Kanaan“ in 44 Minuten „nur“ 4 Songs zu bieten. Das abschließende epische „The Wonderrer (Part 1-4)“ nimmt wie bei den frühen Rush-Alben eine Vinyl-Seite ein. In 21 Minuten lässt sich über vieles wundern und der Song ist ein absoluter Überhammer voller Dynamik und Riffs und Breaks und atmosphärischen und wütenden Passagen. Eben ein Opus Magnus, das mensch erstmal zum Klingen und zum Rocken bringen muss.
Wie einfach und einnehmend wirkt da die knackige Hymne auf den „Schneewittchensarg“. „P1800“ ist ein legendäres Volvo-Sportcoupé, das in der Kombivariante mit Shooting Brake den hinreißenden deutschen Spitznamen bekam. Wie es sich für ein flottes Gefährt gehört, geht der Song in unter 3 Minuten einfach direkt auf die Rennbahn und stellt den Rundenrekord auf, noch bevor das Verfolgerfeld überhaupt gestartet ist. Der Song „P1800“ ist genauso kultig geil wie die Karre.
Trolle im Rolls Royce
Anschließend nimmt „Silver Cloud Blues“ das klassische Blues-Schema auseinander und sorgt mit sägender Fuzzgitarre für ein hypnotisches Riff, das auf einem bizarr geilen Bonham-Shuffle reitet. „Whipping Post“ lässt gleichfalls grüßen. Ich möchte mal meinen, die Band bleibt bei den Songtiteln im automobilen Assoziationsraum und vertont das bequeme Reisen im Rolls-Royce Silver Cloud. Es ist aber letztlich egal, denn bevor es in den letzten 90 Sekunden zum Endspurt geht, habe ich bereits Nackenschmerzen.
„Ouroboros“ ist ja bekanntlich die Schlange (oder der Drache), die/der sich in den eigenen Schwanz beißt. Als Symbol für den Kreislauf und Wandel von Materie und Seele gleichermaßen geht es in den folgenden 13 Minuten von ruhigen sonnigen Wiesen auf eine Reise hin zu Sabbath-artiger Wuchtigkeit und doomiger Umwälzung und wieder zum Ausgangspunkt. Kreislauf oder Spirale? Sprich Entwicklung. Das muss jede:r selbst entscheiden. Für das Album ist der Song eindeutig eine Bewegung zur nächsten Stufe, nämlich dem bereits gehuldigten Epos „The Wonderer“.
Und so stehe ich und staune, was denn da aus dem archaischen Trio-Format gewachsen und vom nordischen Fjell auf die verdutzten Prog- und Rock- und Psych-Fanscharen hinabgefahren ist in flotten Streitwagen mit Fabeltieren im Gepäck. Das unbetitelte (selbstbetitelte) zehnte Album von Kanaan ist mehr als eine Landmarke, das ist ein Klassiker.
10 von 10
Kanaan: Kanaan
Genre: Heavy Psych Rock
Länge: 44 Minuten, 4 Songs, N, 2026
Interpret: Kanaan
Label: Jansen Records
Format: CD, digital, Vinyl
VÖ: 16.10.2026
Kanaan bei Bandcamp
Album bei Jansen Records
Instagram mit Kanaan
Kanaan are: Ask Vatn Strøm – electric and acoustic guitars Eskild Mørtl Myrvoll – bass, synthesizers, Mellotron, additional guitars, no-input mixer Ingvald Vassbø – drums, percussion
