Die andere Seite: Abschürfungen und Infekte

Eine ehemalige Ärztin kämpft in der Wildnis und am Rande der Gesellschaft ums Überleben. Nina Hoss hangelt sich imposant von Tag zu Tag, von Mahlzeit zu Mahlzeit und von Unterschlupf zu Unterschlupf in dem Survival-Thriller „Die andere Seite“, der eigentlich keiner ist. Das zweite Regiewerk von Mariko Minoguchi ist ab dem 22. Oktober im Kino zu sehen.

Endlich ist es der blonden Frau (Nina Hoss, „Gold“) gelungen, im dichten Wald einen Hasen (oder ein Kaninchen) zu fangen, und gerade will sie das tote Tier ausweiden, da kommen Jäger vorbei und lassen die Hunde los, die offensichtlich etwas gewittert haben. Die Frau flieht, verletzt sich schwer am Bein und muss den Hunden schließlich die Beute überlassen.

In der abgelegenen Hütte gibt es dann doch nur eine aufgewärmte Konserve und eine erste Wundversorgung. Doch einige Tage später braucht die Frau Medikamente und wendet sich notgedrungen an eine Bekannte in einer nahe gelegenen Siedlung. Widerwillig hilft die Bekannte, doch die blonde Frau muss ihren Standort wechseln, nun, da sie auf sich aufmerksam gemacht hat.

Sie wendet sich gen Süden, kommt einige Zeit bei einer Alten auf einem Berghof unter und trifft schließlich auf ein Lager anderer Ausgestoßener, die sich hier zusammengetan haben und darauf warten, dass sich eine Möglichkeit ergibt, die Grenze zu überqueren. Doch immer wieder, so wird berichtet, räumt die Armee die Lager ab – oder eine Bürgerwehr. Und so muss die Ärztin mit einer jungen Hochschwangeren zusammen erneut fliehen.

„Die andere Seite“ zeigt ein Leben außerhalb der Gesellschaft in einer Welt, die nahe an unserer und doch dystopisch ist. Zugleich will die Ärztin wie ihre Leidensgenossen jenseits der Grenze, auf die andere Seite, kommen, da, wo sie nicht verfolgt wird.

Wunden selbst nähen wie Rambo

Autorenfilmerin Mariko Minoguchi („Mein Ende. Dein Anfang.“) hält das Publikum in ihrem spannenden Überlebensthriller bewusst im Ungewissen, in der Orientierungslosigkeit, die auch die Protagonistin aushalten und durchleben muss. Es stellt sich heraus, dass ein tödliches, hochinfektiöses Virus gewütet hat. Die Ärztin ist infiziert, hat aber bisher überlebt, anders als ihre Familie. Die Regierung ist dazu übergegangen, Infizierte zu internieren. Wer ein Leben in Lagern nicht führen will, muss sich von der Gesellschaft absondern.

Das Szenario mag nicht von ungefähr an die gerade erst einige Jahre zurückliegende Covid-19-Pandemie erinnern, es mag auch mit Motiven der weltweiten Flüchtlingsbewegungen operieren, und so rückt eine finstere Vision der nahen Zukunft ins Bild, die nur wenig neben der unseren existieren könnte. Das hat viele Elemente eines Survival-Thrillers („Into the Forest“, „Wild – Der große Trip“, „Essential Killing“, „Wrecked“), wie das Publikum ihn eventuell gelegentlich gesehen haben mag.

Und dennoch schwingt in „Die andere Seite“ auch diffuse Gesellschaftskritik wie etwa in „Alabama Moon“ oder „Leave No Trace“ mit. So verliert sich das Spannungsmomentum im Filmverlauf etwas. Das wirkt bisweilen etwas unausgegoren, das Kritische eher unterschwellig als tatsächlich ausformuliert. „Die andere Seite“ weiß aber immer zu fesseln mit dunklen, atmosphärischen Bildern und einer Kameraführung, die nahe dran ist an einer hochpräsenten Hauptdarstellerin. Nicht von ungefähr erinnert das Setting auch ein bisschen an Tim Fehlbaums Horror-Sci-Fi „Hell“, haben beide zusammen doch das Script zu „Tides“ verfasst.

Nun ist „Die andere Seite“ als Genrebeitrag nicht sonderlich außergewöhnlich und als Film zur Pandemie zu diffus und als Gesellschaftsdrama zu sehr im Abseits, um gänzlich zu überzeugen, aber der filmische Entwurf ist wagemutig und für deutsche Film-Verhältnisse schon beachtlich.

7 von 10 Konservendosen

Die andere Seite
OT: Die andere Seite
Genre: Thriller, Drama
Länge: 109 Minuten, D, 2026
Regie: Mariko Minoguchi
Schauspiel: Nina Hoss
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: X Verleih
Kinostart: 22.10.2026

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