Corto Maltese: Schwarzer Ozean

Der große Abenteurer des europäischen Comics ist wieder unterwegs. In dem neuen Corto Maltese Band „Schwarzer Ozean“, der im Februar bei Schreiber & Leser erschienen ist, geht der Weltenbummler einmal mehr auf Schatzsuche. Dabei haben Autor Martin Quenehen und Illustrator Bastien Vivès den ikonischen, von Hugo Pratt erdachten Antihelden auch gleich in eine moderne Zeit verfrachtet. Und siehe da: Corto Maltes ist ein Archtetyp – zeitlos, ewig jung, unsterblich.

Als Pirat kann man sich kaum leisten, einen Ehrenkodex zu haben. Das merkt Corto Maltese als die die Bande, die sein Boot angeheuert hat, um im südchinesischen Meer eine Yacht zu kapern, dann doch rabiater zur Sache geht als abgemacht. Corto gelingt es den alten Japaner, dem die Yacht gehört, zu retten und die Gauner abzuhängen.

Doch die Gefahr ist längst nicht gebannt, denn der gerettete Doktor Fukuda, gehört zur faschistischen japanischen Bewegung „Black Ocean“ und behauptet einen Schatz zu bewachen. Dessen Jahrhunderte altes Buch „“Wahrhafte Kommentare zum Reich der Inka“ spricht auch von sagenhaften Goldschätzen.
Als Fukuda getötet wird und weil sich Corto nicht vom Japanischen Geheimdienst anwerben lässt, macht sich der Pirat eigenständig mit dem Buch auf den Weg nach Südamerika, doch die Überfahrt verläuft holprig und unerwartet.

Corto Maltese war schon immer ein Abenteurer. Seit Comic-Künstler Hugo Pratt den jungen Matrosen 1967 in der „Südseeballade“ im Pazifik mitten hineinwarf in das Weltgeschehen kurz vor dem ersten Weltkrieg. Immer wieder ist Corto zunächst eher Beobachter bis er dann doch in die Ereignisse hineingezogen wird und daraufhin beginnt zu handeln. Die Motive des „Kapitäns ohne Schiff“ sind nicht immer sofort nachvollziehbar und doch hat der Mann seinen Ehrenkodex, seine Vorstellung von Richtig und Falsch, abseits von der geltenden Gesetzeslage.

Nur logisch also, Corto Maltese in moderneren Zeiten, im Jahr 2001, zu einem Outlaw zu machen, der vor allen sich selbst treu bleibt. Die Story in „Schwarzer Ozean“ beackert klassisches Abenteuer-Terrain so wie die Goldgräber in den Anden noch immer ihre Stollen in die Berge treiben. Erstaunlicherweise funktioniert die Geschichte ziemlich gut und bleibt dem Geiste Pratts und dem Mythos Corto Maltese treu.

Die deutschsprachige Neuauflage der klassischen Comic-Reihe von Autor und Zeichner Hugo Pratt in hochwertigen Hardcover-Ausgaben ist mit 12 Ausgaben sowohl in klassischem Schwarz-Weiß als auch in einer kolorierten Edition inzwischen abgeschlossen. Die Serie allerdings geht weiter. Das Kreativduo aus Zeichner Ruben Pellejero und Szenarist Juan Diaz Canales hat inzwischen drei weitere Corto Maltese Abenteuer vorgelegt. Deren neuen Abenteuer fügen sich in die Chronologie der Pratt‘schen Figur ein.

Ein modernes Abenteuer

Anders „Schwarzer Ozean“: Das Abenteuer um den Inka-Schatz und die japanischen Faschisten könnte eine alleinstehende Episode, ein „One Shot“ sein und bleiben, allerdings hat Vives in dem Arte-TV-Beitrag im September 2021 bereits über neue Abenteuer philosophiert. „Schwarzer Ozean“ ist eben auch aus der Maltese-Chronologie gehoben und beinahe ein Jahrhundert später angesiedelt. Zwar haben die Terroranschläge am 11. September 2001 keine direkte Auswirkung auf das lesenswert konstruierte Abenteuer, aber sie sorgen dafür die Story markant zu verorten, tragen zum gelungenen Zeitkolorit bei und sorgen für ein paar überraschende Begegnungen.

Autor Martin Quenehen ist von Haus aus Historiker, auch Radiomoderator und in der französischen Comic-Szene eher ein Neuling. Sein „Schwarzer Ozean“ ist erst das zweite Szenario, das er für den Casterman-Verlag entwarf. Anders der vier Jahre jüngere Zeichner Bastien Vivès, der bereits etliche und sehr unterschiedliche Comic-Arbeiten veröffentlicht hat. Vivès gilt schon lange als das große Talent der francobelgischen Comicszene und 2017 hat die Taz den jungen Zeichner interviewt.

Viele von Vivès Comics sind in deutscher Sprache noch nicht erscheinen, aber der Verlag Reprodukt hat bereits etliche der Alben und Reihen veröffentlicht. Unter anderem auch die Serie „Für das Imperium“ zusammen mit Comic-Künstler Merwan, dessen „Mechanica Caelestium“ wiederum bei Schreiber & Leser zu finden ist.

Spannend bleibt bei der Adaption einer klassischen und Ikonischen Figur, wieviel Kern erhalten bleibt und wieviel neue Eigenheit die Figur und die Geschichte vertragen. Das ist ein bisschen so wie bei einer musikalischen Cover-Version. In Folk, Jazz und Blues ist es durchaus üblich, eigene Interpretationen „klassischen“ Liedguts vorzulegen, warum also nicht auch in anderen Medien? Im US-amerikanischen Mainstream-Superhelden-Comic etwa wurde mit den Jahrzehnten soviel herumgebastelt, dass da so ziemlich jede Variante, oder Realität oder Zeitebene schon einmal ausprobiert wurde.

Ein erfahrener Abenteurer

Corto Maltese freilich ist zwar auf seine Weise auch ein Superheld, entspringt aber einer anderen Erzähl- und Comictradition, der des europäischen Autorencomics. Weshalb es schon fast verpönt ist, oder unter Fans zumindest zwiespältig diskutiert wird, ob Serien weitergehen sollen, wenn die Autoren und/oder Zeichner nicht mehr selbst am Werk sind. Bestes und prominentestes Beispiel ist sicherlich der „Asterix“, den Zeichner Goscinny zunächst alleine fortführte als Autor Uderzo verstarb. Seit ein paar Jahren und Ausgaben liegt die Verantwortung für die Serie nun ganz bei einem neuen Kreativgespann, Szenarist Jean-Yves Ferri und Zeichner Didier Conrad.

Bei den Comic-Adaptionen von Leo Mallets „Nestor Burma“-Romanen liegt die Sache nun wieder etwas anders: die französische Comic-Ikone Jaques Tardi erschuf kongeniale und hochgelobte „Nestor Burma“-Comics nach den Kultromanen. Und auch hier sind nun andere Künstler am Werk. Zeichner Francois Ravard und Szenarist Emmanuel Moynot („Ratten im Mäuiseberg“ ). In allen Fällen bleibt der Kern der Figuren und der Geist der Geschichten erhalten, ob Leser:innen sich auf die Neuen einstellen mögen, muss jede:r selbst entscheiden.

Auch wenn bei brutstatt.de bislang nur zwei Hugo Pratt Titel vorgestellt wurden („Wüstenscorpione 1“ & „Corto Maltese – Abenteuer einer Jugend“), schätze ich Hugo Pratts stilprägende Arbeiten ganz erheblich, freue mich aber als Fan auch immer über neue Impulse für klassische Themen.

Eine Schatzsuche

Zurück zu Corto: Dessen seetaugliche Kopfbedeckung weicht einer sportlichen Schirmmütze, einer Baseball Cap. An der Silhouette ändert das freilich wenig, zumal der markante Ohrring geblieben ist. Vielleicht ist die Figur bei Bastien Vivès etwas weicher, androgyner und somit moderner geworden. Ein großer Schweiger und Einzelgänger aber war Corto Maltese schon immer.

Stilistisch unterscheidet sich Vivès durchaus von Hugo Pratt. Die Seiten wirken nicht so minimalistisch, die Konturen sind nicht so prägnant und statt Pratt`scher Schwarz-Weiß-Zeichnungen oder den aquarellhaft kolorierten Seiten von Patrizia Zanotti arbeitet Vivès mit graugetuschten Flächen. Das ist sehr stimmig und kraftvoll und dynamisch. Für sich genommen ist „Schwarzer Ozean“ eine schön anzuschauende Graphic Novel. Und doch findet der Vergleich und der Unterschied zu Pratts Stil bei der Leserschaft automatisch und unbewusst statt. Wichtig dabei bleibt, dass dieser moderne Corto authentisch ist.

„Schwarzer Ozean“ bei Schreiber & Leser ist ebenso gehaltvoll ausgestattet wie der Rest der Corto Maltese Reihe. Es gibt ein berufenes Nachwort des Verlagsleiters bei Castermann, wo die Corto Maltese Bände im Original erscheinen und eine Reihe von farbigen Charakterstudien, die einen Eindruck vermitteln wie dieser Band in Farbe ausgesehen hätte. Wobei die ersten Seiten ja von Patrizia Zanotti dezent koloriert wurden.

Schwarzer Ozean“ ist keine klassische Fortsetzung der Abenteuer-Reihe nach Hugo Pratt und will es auch gar nicht sein. Stattdessen ist Vives und Quenehen gelungen eine zeitgemäße Interpretation auf die Seiten zu bannen, die den unabhängigen Geist des Pratt’schen Welten in modernere Zeiten überträgt und es schafft den ewigen Abenteurer Corto Maltese ohne Substanzverlust aus seiner Zeit zu nehmen. Eine zeitlose, höchst lesenswerte Abenteuergeschichte.

Comic-Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Corto Maltese: Schwarzer Ozean
OT: Corto Maltese: Océan Noir, F, 2021
Genre: Comic, Abenteuer
Autor: Martin Quenehen
Zeichner: Bastien Vivès
Farben: Patrizia Zanotti (nur Anfangsseiten)
Corto Maltese erschaffen von Hugo Pratt
Übersetzung: Resl Rebiersch mit Ömur Gül
Verlag: Schreiber & Leser, Hardcover, 184 Seiten

Corto Maltese bei Schreiber & Leser
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