Wüstenskorpione 1: Afrika befreien

Wenn man sich heute die ersten Panels von Hugo Pratts „Wüstenskorpione“ ansieht, versteht man schnell, warum die Serie seinerzeit neben „Corto Maltese“ zum Publikumsliebling avancierte: Klares, karges Setting und ein Haufen Haudegen, die sich mitten in der afrikanischen Wüste gegen den Feind stemmen. So werden Helden geboren. Allerdings waren 1969 wie Bob Dylan sang die Zeiten auch schon im Wandel: gebrochene, beinahe zwielichtige Antihelden tauchten auf. Da passte und passt Pratts Protagonist Wladimir Koïnsky bestens ins Bild. Bei Schreiber & Leser ist nun in feiner Edition der erste Band der „Wüstenskorpione“ mit zwei Abenteuern wieder aufgelegt worden.

Im Jahr 1940 hat der Krieg auch den afrikanischen Kontinent erreicht und in der nordafrikanischen Wüste zwischen Libyen (Italienische Kolonie) und Ägypten (seit 1922 unabhängig) kommt es immer wieder zu Scharmützeln zwischen italienischer Besatzungsmacht und der britischen Armee. Große Gefechte und Schlachten stehen in diesem Teil der Welt noch nicht auf der Tagesordnung, vielmehr das Abstecken der jeweiligen kolonialen Einflussbereiche mittels kleiner Nadelstiche.

Die Wüstenskorpione sind eine internationale Truppe von Elitesoldaten der britischen Armee, deren offizielle Bezeichnung Long Range Desert Group ist. Darunter sind der Beduine Hassan Beni Muchtar, der Grieche Kord und der polnische Soldat Wladimir Koïnsky. In dem Auftaktabenteuer „Der lange Weg nach Siwa“ sind die Skorpione damit beschäftigt, einen italienischen Transport zu überfallen und Kontakt mit der Sanussi-Bruderschaft aufzunehmen, die den Besatzern Widerstand bietet. Doch die Mission scheitert, es gibt einen Verräter. Den gilt es nun unter Lebensgefahr aufzuspüren, während Koïnsky und Co einer attraktiven Dame Geleitschutz geben sollen.

In der zweiten Geschichte „Piccolo Chalet“ führen Koïnsky und Hassan von Khartum aus eine Panzergruppe hinter die feindlichen Linien, um in Abessinien für Verwirrung zu sorgen. Der Weg führt an einem aufgegebenen Fort vorbei, in dem sich nur noch der italienischer Offizier Stella befindet, der die Anlage eigentlich sprengen sollte. Nun wollen Koïnsky und Stella ein legendäres Maschinengewehr ergattern. Unterwegs bekommen sie Gesellschaft des Kriegers Cush vom Stamm der Beni-Amer.

Heutzutage scheint Afrika ein bisschen aus der Mode gekommen, weil globale Krisenherde medial anders wahrgenommen werden, weil Fernweh, Exotik und Weltverbesserung andere Brennpunkte finden. Anders als in den 1970ern als die Aufarbeitung kolonialer Vergangenheit und das Bemühen um Entwicklungszusammenarbeit wichtiger Teil einer breiten gesellschaftlichen Debatte waren.

Kriegsabenteuer scheinen aus der Sicht unserer heutigen Gesellschaft ebenfalls ein wenig aus der Mode gekommen zu sein. Aber das mag täuschen, weil Krieg für viele heutzutage so entfernt und abstrakt ist. Und dennoch bleibt die unsichere, lebensgefährdende Situation eines Krieges eine individuell existentialistische Herausforderung, der sich Menschen, Helden wie Anti-Helden, stellen müssen. Das mündet in ein erzählerisches Genre, welches den klaren, archaischen Prämissen des Western gleicht und insofern zeitlos ist, wenn es sich nicht in Klischees verliert. Darin besteht bei Hugo Pratt, der seine Figuren mit so viel Empathie ausstattet eigentlich nie die Gefahr.

Sein „Anti-Held“ Wladimir Koïnsky ist dabei ebenso verwegen und undurchsichtig wie Corto Maltese, aber deutlich zynischer und aufgrund des beiläufig erwähnten Verlustes seiner Familie auch rachelüsterner. Immerhin bekommt Koïnsky dann ja auch Gesellschaft von Cush, einem ehemaligen Weggefährten Malteses, der in seine afrikanische Heimat zurückgekehrt ist und dem antiken Königreich nachdem er von Phugo Pratt benannt ist, alle Ehre macht.

Hugo Pratt soll mal gesagt haben, er müsste manchmal 50 Bücher lesen, um 20 Seiten Corto Maltese zu zeichnen. Ähnlich ging es mir mit der Recherche zu den „Wüstenskorpionen“, aber keine Bange, Leser:innen können die starken, in sich abgeschlossenen Geschichten auch ohne Vorwissen einfach genießen und sich wunderbar von den zeitlos klassischen Abenteuern packen lassen. Wären die „Wüstenskorpione“ ein Film, sie wären großes Kino und würden sich ihren Platz zwischen dem hehren Zeitgemälde „Lawrence von Arabien“, dem Haufen Höllenhunde in „Das dreckige Dutzend“ und den Gaunern in „Der Schatz der Sierra Madre“ genüsslich breit machen.

Vielleicht fühlte sich Pratt dem literarischen Ansatz des B. Traven sogar verbunden? Jenem Autor zahlreicher Abenteuer-Romanen wie eben „Der Schatz der Sierra Madre“. Wobei faktisch nicht geklärt ist, wer tatsächlich hinter dem literarischen Pseudonym steckt. Vielleicht ist das aber auch nur mein subjektives Empfinden angesichts der weiten afrikanischen Wüste. Letztlich verortet dieser Referenzrahmen die „Wüstenskorpione“ nur einigermaßen stimmig.

Hugo Pratt begann 1969 mit der ersten von insgesamt fünf Geschichten der „Wüstenskorpione“, jener Haudegen um den polnischen Tausendsassa Wladimir Koïnsky. Veröffentlicht wurden die Stories als Fortsetzungen in Zeitschriften. Bereits in den 1980er Jahren brachte der Wiener Verlag Comicothek die Wüstenskorpione (großteils?) in Albenform auf Deutsch heraus. In der Neuausgabe von Schreiber & Leser, die wie alle Werke von Hugo Pratt bei S&L in der schwarz-weißen Klassik-Ausgabe und in der autorisierten Kolorierung von Patrizia Zanotti vorliegen, gibt es nun eine nagelneue Übersetzung und auch Etliches an Skizzen- und Begleitmaterial zu der Comic-Serie. Die Edition ist also wie zu erwarten und von „Corto Maltese“ bekannt, herausragend und hochwertig.

Erzählerisch und künstlerisch ist Pratt in den beiden Geschichten von „Wüstenskorpione Band 1“ auf der Höhe seines Schaffens. Tagebuch–Einträge überbrücken die weiten Strecken der „Wüstenskorpione“ durch den schwarzen Kontinent auch für die Leser:innen. Über Pratts Zeichenkünste zu philosophieren wäre fast unanständig: klassischer „Graphic Novel“-Seitenaufbau mit vier Bildzeilen, detaillierte starke Charaktere, effektiver Szenenaufbau, Hintergründe mit wenigen Strichen umrissen.

Inhaltlich nimmt „Wüstenskorpione“ in Hugo Pratts Werk sicher eine Sonderstellung ein, da es definitiv diejenige seiner Arbeiten ist, die am ehesten biografisch geprägt ist. Als abgebrühter Erzähler spielt sich der Autor nicht in den Vordergrund, sondern nutzt die eigene Lebenserfahrung. „Wüstenskorpione“ spielt – zumindest in den ersten Abenteuern – in einer Zeit und einer Region, die Pratt maßgeblich geprägt haben. Sein Vater wanderte in den 1930er in das italienisch besetzte Abessinien aus. Die Familie zog nach.

Mussolinis faschistisches Italien besetzte das stolze Königreich Abessinien am Horn von Afrika quasi als historisches Revanchefoul, nachdem die Italiener bei ihren großmannssüchtigen Kolonialismusbemühungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts eben hier empfindliche Niederlagen kassierten und scheiterten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der junge Hugo musste in Abessinien auf Vaters Geheiß mit 14 Jahren bereits zu den Truppen und begegnete hier vielfältigen Menschen, Uniformen, Kulturen und wohl auch Lebensentwürfen. Doch Pratt verliert in Afrika auch den Vater, der in Kriegsgefangenschaft stirbt. Von all diesen Erfahrungen zehrt der Erzähler und Zeichner Pratt bereits in frühen Arbeiten, besonders aber in „Corto Maltese“ und hierhin kehrt er mit „Wüstenskorpione“, die auch ein bisschen an die legendäre Fremdenlegion erinnern, zurück.

In „Wüstenskorpione“ belebt Hugo Pratt quasi direkt die Lebensumstände seine Jugend in Abessinien und erzählt vom Krieg in Afrika. Wie auch in seiner wirklichen Leben, als er gegen Ende des Krieges für die Alliierten arbeitet, nimmt er bewusst und kraftvoll die Perspektive der Befreiungsarmee ein und stellt sich gegen den Faschismus und die Besatzung Abessiniens (des heutigen Äthiopiens) seines italienischen Heimatlandes. Von dem Globetrotter und Weltbürger Hugo Pratt hätte man nichts anderes erwartet.

Wie so oft bei Hugo Pratt sind die Abenteuer der „Wüstenskorpione“ in Zeit und Raum und Geschichte so perfekt eingepasst wie die notwendigen historischen Infos in Pratts Geschichten. Leser:innen kommen immer auch klüger und nachdenklicher aus den authentischen Stories zurück. Wer sich für das Ende des Kolonialismus und den afrikanischen Kontinent interessiert kommt um diese klassischen Abenteuer-Geschichten kaum herum.

Wüstenskorpione Band 1
OT: Gli Scorpioni del Deserto (1969), Piccolo chalet (1975)
Inhalt: 1. Der lange Weg nach Siwa, 2. Piccolo Chalet
Genre: Comic, Abenteuer, Krieg, Historisches,
Autor & Zeichner: Hugo Pratt
Kolorierung: Patrizia Zanotti
Übersetzung: Resl Rebiersch
Verlag: Schreiber & Leser, gebunden, 128 Seiten
VÖ: 07.07.2020

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