Spider-Man vs. Morbius: versponnene Vampir-Tagebücher


Das Schöne daran, wenn ein neuer Superheld auf der Leinwand erscheint, ist die Tatsache, dass die Comic-Verlage dann noch einmal in ihren Archiven suchen und so manchen passenden Titel wiederveröffentlichen. Zum Filmstart des Sony Pictures Films: „Morbius“ haben Marvel und Panini Comics einen einsteigerfreundlichen Sammelband zusammengestellt, der noch einmal zeigt, welchen Bezug der Lebende Vampir zum Spider-Man Universum hat.

In den 1970ern hielten Horror-Charaktere Einzug in die Superheldenwelten der großen Comic-Verlage. Das hat auch damit zu tun, das sich die Richtlinien des so genannten Comic Codes etwas lockerten. Diese hatten jahrzehntelang dafür gesorgt, dass Comics auf jeden Fall nur jugendfreie Inhalte veröffentlichen. Der „Wonder Woman“-Erfinder und Psychologe Marsten beispielsweise musste sich vor dem Gremium verantworten, weil die Zensoren meinten, sexualisierte Anspielungen in den Geschichten zu lesen. Abseits von Sex und Gewalt waren auch Grusel und Horror Themen, die dem Comic Code zum Opfer fielen.

Marvel legte dann in den 1970ern eigene Serien mit dem Gruselklassikern Graf Dracula und Frankenstein vor und erschuf auch einige eigene Horror-Figuren. Ein der prominentesten ist wohl Michael Morbius, der lebende Vampir, der Spider-Man in die Quere kommt. Demnächst (aktuell liegt der Kinostart im Januar 2022) bekommt Morbius einen eigenen Spielfilm mit Jared Leto in der Hauptrolle.

A Monster Called …Morbius

Panini veröffentlich in „Spider-Man vs. Morbius“ nicht nur den ersten Auftritt des Vampirs in der Spider-Man Ausgabe 101, sondern auch einen epischen Ausflug in den Untergrund, den Star-Autor Todd McFarlane in den 1990ern erdachte. Abschließend ist noch eine außergewöhnliche, sehr menschelnde Spidey-Story zu lesen, in der Morbius im Jahr 2003 wiederauftaucht. Also genug Abwechslung um gut zu unterhalten. Wer mehr Lesefutter über Morbius braucht, sollte auch die abgeschlossene Serie „Morbius – Held aus der Finsternis“ in Betracht ziehen, die ebenfalls gerade bei Panini veröffentlicht wurde.

Der erste Auftritt von Michael Morbius findet sich in einem „Amazing Spider-Man“-Storybogen, der damit beginnt, dass Peter seine Kräfte wegheilen will, um ein normales Leben zu führen. Doch stattdessen wachsen ihm weitere Arme, so dass er nun eine achtbeinige Spinne ist. Im Prinzip geht es dem Forscher Michael Morbius ähnlich, der leidet an einer seltenen Blutkrankheit und wird durch ein missglücktes Experiment zum Vampir. Dabei wird der Forscher zum Mörder und muss fliehen. Ein Schiff bringt Morbius nach New York wie weiland den Grafen Dracula nach London. Hier kreuzen sich die Wege von Spider-Man und Morbius.

Die Story, die Autoren-Ikone Stan Lee in der 100sten Spidey-Ausgabe beginnt, setzt Ray Thomas, ebenfalls eine Marvel-Legende fort. Wie so oft bei Stan Lee spiegeln sich die Ereignisse und die Charaktere auf ganz eigene Weise. So auch hier. Wie so oft beiSpider-Man sind die Schurken keine expliziten Bösewichte, sondern eher getriebene Gestalten die eher zufällig zu Bedrohungen werden.

Die klassische Story wird von Zeichner Gil Kane großartig und mit viel Drive umgesetzt. Kane gehört zu den ersten, die ihre Figuren muskulärer definieren und auch das Action-Element lebendiger in die Panels integrieren. Insgesamt hat die Geschichte einen typischer Marvel Look aus der Zeit, aber der ist über die Jahrzehnte schon zu einem Markenzeichnen und einem künstlerischen Ausdruck geworden.

Sub-City

Einen eigenen Look bringt auch Zeichner Todd McFarlane mit, der in den 1990ern als Kreativer die Spider-Man Serie zu neuer Fan-Begeisterung führt. Der spätere „Spawn“-Erfinder holt in der Geschichte „Sub-City“, die sich über zwei US-Ausgaben erstreckt, nicht nur den verzweifelt blutsaugenden Morbius wieder zurück sondern auch das umstrittene Symbionten-Kostüm von Spider-Man. Peter glaubt damit besser getarnt zu sein, wenn er den Kreaturen, die Obdachlose von den Straßen rauben, in den Untergrund der Stadt folgt. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Gestalterisch hat McFarlane mit seiner Paneldynamik der bizarren, feinen Stichführung und der düsteren Stimmung hier ein ganz eigenes Ding am Laufen. Da ist schon viel von dem zu erkennen, was später bei „Venom“ und vor allem „Spawn“ zur Fanbegeisterung beiträgt. Aus heutiger Sicht, ist die Geschichte aber aufgrund der Visuals eindeutig in den Neunzigern zu verorten. Das ist so typisch und so zeitverhaftet, dass es bisweilen auch unfreiwillig überdreht wirkt. Ich persönlich würde behaupten, dass Kanes Stil deutlich eleganter gealtert ist, aber das bleibt sicherlich Geschmackssache.

Here There Be Monsters

Abschließend erzählt Autor Paul Jenkins ein Geschichte aus der Sicht eines stillen Beobachters, der unfreiwilliger aber begeisterter Zeuge wird, wie Spider-Man Michael Morbius auf den Fersen ist. Die kurze Geschichte hat eindeutig die Qualität einer bockstarken Graphic Novel. Der erzählerische Schwerpunkt liegt nicht auf der Superhelden-Action, sondern auf dem menschlichen Aspekt.

Das Artwork von Paolo Rivera ist sehr gemäldehaft gehalten. Die Zeichnungen kommen ohne Konturstrich aus und das Paneling ist erstaunlich offen. Der rotstichige Filtereffekt über der Szenerie sorgt für eine gewisse vampireske Finsternis und einen ebenso eigenen wie stylischen Look, der kongenial zu der außergewöhnlichen Geschichte passt.

Sicherlich hat nicht jeder Comic-Fan hat nostalgische Anwandlungen und kann den Geschichten und vor allem den Artwork in „Spider-Man vs. Morbius“ etwas abgewinnen. Allerdings sind hier gestandenen Szenegrößen am Werk und die Geschichten bieten einen starken Einstieg in den Charakter des lebenden Vampirs Michael Morbius. Es lohnt sich also in dem Sammelband „Spider-Man vs. Morbius“ die große Bandbreite der Comickunst zu erkunden.

Comic-Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Spider-Man vs. Morbius
OT: Amazing Spider-Man 100-102, Spectacular Spider-Man 14, Spider-Man (1990) 13-14
Genre: Superhelden, Horror
Autoren: Paul Jenkins, Roy Thomas, Stan Lee, Todd McFarlane
Zeichner: Gil Kane, Paolo Rivera, Todd McFarlane
Farben: Paolo Rivera, Gregory Wright
Übersetzung: Michael Strittmatter
ISBN: 9783741616266
Verlag: Panini Comics, Softcover, 164 Seiten
VÖ: 07.12.2021

„Spider-Man vs Morbius“ bei Panini Comics

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