Der junge Inspektor Morse – Staffel 5: Methode oder Intuition?

Fans und Freunde gehobener Krimi-Unterhaltung mussten sich lange gedulden bis hierzulande die englische Erfolgsserie „Der junge Inspektor Morse“ fortgesetzt wurde. Nach rund zweieinhalb Jahren Pause geht es nun mit der fünften Staffel des Krimi-Juwels weiter. Nach der TV-Ausstrahlung bei ZDFneo ab September 2020 veröffentlicht Edel: Motion die Serie, die im Oxford der 1960er Jahre spielt, nun für das Home-Entertainment auf DVD.

Geneigte Leser:innen dieser Seiten kennen das: Bei fortlaufenden Serien, also auch bei „Der junge Inspektor Morse“ kommt an dieser Stelle zunächst die grobe Orientierung, bevor sich brutstatt.de der aktuellen fünften Staffel widmet. Wer die Serie also bisher verfolgt hat, kann die nächsten Zeilen überlesen.

Who dunnit?

„Der junge Inspektor Morse“ (OT: „Endeavour“) ist eine britische Krimi-Serie des Senders ITV, die von Show-Runner Russel Lewis verantwortet wird und im Oxford der 1960er Jahre spielt. Darin zeigt ein junger Polizeibeamter ein ausgeprägtes Gespür für kniffelige Mordfälle und macht so eine Karriere als Ermittler bei der Mordkommission. Den Charakter des Polizisten Endeavour Morse erfand seinerzeit der Krimiautor Colin Dexter.

Dessen hochgelobte und mehrfach ausgezeichnete Krimis, die zu den Klassikern des „Who dunnit?“ („Wer war’s?) gehören, bildeten die Grundlage für eine sehr erfolgreiche TV-Krimi-Serie. In den 1980ern ermittelte John Thaw als „Inspektor Morse“ in Oxford. Die Serie lief von 1987 bis 2000 über 12 Staffeln mit großem Erfolg (nur nicht in Deutschland) und genießt heute noch Kult-Status, ebenso wie Morses Dienstwagen – ein Jaguar. Sein Assistent war seinerzeit „Lewis“, der später als Inspektor in einer eigenen – ebenfalls erfolgreichen – Krimi-Serie „Lewis – Der Oxford-Krimi“ beim Sender ITV zurückkehrt und von 2006 bis 2015 ermittelte.

Kriminelle Sechziger

Die Serie „Der junge Inspektor Morse“ ist nun quasi ein Prequel zu der Original-Serie und setzt zu Beginn der Polizeikarriere von Endeavour Morse in den 1960er an. Autor Colin Dexter (gestorben 2017) hatte bei der Serie, in der er zu Lebzeiten bisweilen auch Cameo-Auftritte hatte, nur beratende Funktion. Die Drehbücher und stammen allesamt von Russel Lewis, ebenso viele der Charaktere. Weil wir gerade dabei sind, hier eine Kontinuität im Krimi-Universum herzustellen: Die Schauspielerin Abigail Thaw, die in der Serie „Endeavour“ die Journalistin Dorothea Frazil spielt, ist die Tochter von Morse-Darsteller John Thaw.

Die Serie besteht aus spielfilmlangen, in sich abgeschlossenen Kriminal-Fällen, die Zuschauer:innen ohne Vorwissen genießen können. Die Entwicklungen der Charaktere zu verfolgen macht jedoch deutlich mehr Spaß. Bislang umfassten die einzelnen Staffeln jeweils vier Folgen, in Staffel 5 sind es sechs Fälle. Allerdings ziehen sich einige rote Fäden und Leitmotive durch die Serie, die auch chronologisch fortlaufend ausgerichtet ist. Staffel eins begann in der Mitte der 1960ern und die aktuelle fünfte Staffel ist im Jahr 1968 angekommen. So entwickeln sich auch die Figuren, was zu den großen Stärken der Serie gehört.

Die Kerntruppe der Ermittler und ihre Familien gehen durch Höhen und Tiefen und bekommen in der Serie jeweils ihren Raum, so dass „Der junge Inspektor Morse“ über das Kriminalistische hinaus auch immer ein sehenswertes Zeitporträt und ein starkes charakterbasiertes Drama ist. Um es vorweg zu nehmen: Das Warten hat sich gelohnt, denn mit einigen Abstrichen ist auch die fünfte Staffel von „Endeavour“ erneut Serienunterhaltung auf außerordentlich hohem Niveau und Fans kommen voll auf ihre Kosten. Wer die vorangegangenen Entwicklungen ein bisschen auffrischen möchte, findet bei brutstatt.de die Rezensionen von Staffel 1, Staffel 2 und Staffel 4.

Thames Valley Police wird 1968 zusammengelegt

Zum Serienauftakt von „Der junge Inspektor Morse – Staffel 5“ bekommt die Polizei von Oxford erst einmal Veränderungen zu spüren, die sich bereits am Ende der Vorgängerstaffel angekündigt haben. Die Dienststellen von Stadt und Landkreis und benachbarten Landkreisen werden zusammengelegt. Dafür wird ein neues Gebäude gebraucht und es muss Personal abgebaut werden. Für Endeavour Morse (Shaun Evans) bedeutet das ein Wiedersehen mit den ungeliebten Kollegen, bei denen der seine Polizeilaufbahn nach abgebrochenem Studium begann. Und die Zeiten werden auch im beschaulichen Oxford unruhiger. Die örtlichen Gauner bekommen Konkurrenz und das soziale Proteste kommen auch in der Uni-Stadt auf.

Während Chief Superintendant Bright (Anton Lesser) hofft, seinen Chefermittler DCI (Detective Chief Inspektor) Fred Thursday (Roger Allam) als Ausbilder und Koordinator in der neuen Dienststelle halten zu können, trägt sich Thursday selbst mit dem Gedanken in Rente zu gehen. Das kündigt er Morse gegenüber auch vorsorglich an, und drückt ihm bei nächster Gelegenheit die Mentorenschaft für den neuen Constable Fancy (George Peek) aufs Auge. Morse ist genervt von dem Rookie und obwohl Fancy motiviert ist, macht er mangels Erfahrung Fehler.

Muse

Im Auftaktfall „Muse“ (OT: „Muse“) verschwindet ein wertvolles Fabergé-Ei, das am Lonsdale College versteigert werden soll. Die Presse munkelt schnell, dass ein berüchtigter international gesuchter Kunstdieb der Täter war. Morse bleibt skeptisch und als der Auktions-Veranstalter ermordet wird, läuft Morse zu gewohnter Form auf. Der Fall gehört nicht zu den Highlights der Serie, aber die Auftaktfolge hat ja immer auch die Funktion, den Zuschauer:innen zu vermitteln, wo die Charaktere stehen und das Setting erneut zu etablieren. Das gelingt mit der Suche nach Fabergé-Ei und Mörder ganz vorzüglich. Insgesamt hat der Fall ein paar Reminiszenzen an Hitchcocks Klassiker „Über den Dächern von Nizza“, führt ins Boheme-Milieu und wartet mit einer soliden Auflösung auf. (8/10)

Kartusche

Anschließend bekommt Thursday in „Kartusche“ (OT: „Cartouche“) Besuch von seinem Bruder Charlie und dessen Familie, der gibt sich zwar wohlhaben, braucht aber Thursdays finanzielle Unterstützung, um das Import-Export-Geschäft am Laufen zu halten. Morse untersucht den Fall eines vergifteten Wachmannes zu untersuchen, der umgekommen ist, als der glamouröse Horror-Filmstar Emil Waldemar in einem Kino für seinen neuen Film wirbt. Dann wird Morse zum Stadtführer für Thursdays attraktive Nichte abkommandiert, was bei beiden für eine Überraschung sorgt. In gewisser Weise wandert „Kartusche“ auf den Spuren einer anderen Krimi-Größe, die Reminiszenzen an die große Zeit der gruseligen Stummfilme und die altägyptische Symbolik können Zuschauer:innen auch als Hommage an Agatha Christie verstehen. Vor allem aber, weht die distinguierte, postkoloniale Stimmung jener Tage durch die Ermittlungen und machen „Kartusche“ zu einer unterhaltsamen Sache und Morses amouröse Verstrickungen sorgen für eine gewisse Leichtigkeit. (8/10)

Passagiere

Der dritte Fall „Passagiere“ (OT: „Passengers“) ist dann das erste kriminalistische Highlight der fünften Staffel. Eine vermisste junge Frau führt die Polizei auf die Spur eines alten Vermisstenfalles. Dabei scheint eine stillgelegte Eisenbahn-Strecke eine wichtige Rolle zu spielen. Nicht nur, weil sich hier Tatorte befinden. Morse fragt sich indes, ob er es mit einem Serienmörder zu tun hat. Derweil kommt auch eine Whiskylieferung abhanden und Thursday untersucht die Sache. Er hat den Oxforder Obergauner Eddie Nero in Verdacht, in der Sache drinnen zu stecken. Und die Oxforder Poliztei bekommt einen ersten Eindruck, wie die künftige Zusammenarbeit mit den Kollegen aus dem Landkreis aussehen könnte. Die sollen nämlich eine Einsatzruppe leiten und benehmen sich eher selbstherrlich als professionell. Da kommt Neuling Fancy arg in die Bredouille, doch die pfiffige Sergeantin Trewlove hilft Fancy aus der Patsche. Die parallelen Ermittlungen sorgen für Spannung in Serienaufbau und der Handlungsstrang mit dem Eisenbahn-Vermissten lässt eine Düsternis erahnen, die schon beinahe postmodern rüberkommt und auch schon mal an skandinavische Noir-Thriller erinnert. (9/10)

Farben

Mit der Ankunft einer Model-Truppe, die ein Fotoshooting auf einem Militärstützpunkt nahe Oxford macht, der demnächst stillgelegt werden soll, zieht nicht nur modische Farbe in die Uni-Stadt ein, sondern auch Rassismus. Denn in „Farben“ (OT: „Colours“) wird eines der Models getötet und der farbige Soldat wird zum Hauptverdächtigen. Außerdem dient Thursdays Sohn in dem Regiment, das auf dem Stützpunkt stationiert ist, und ist mit dem Verdächtigen befreundet. Das Militär hat so seine eigene Auffassung von Recht und Ordnung. Die Ermittlungen verlaufen eher zäh. Erschwerend komm hinzu, dass Thursday anderweitig beschäftigt ist und Morse und sein Kumpel DS Strange (Sean Rigby) den Fall zwar gemeinsam leiten sollen, aber sich immer uneiniger werden, je weiter die Ermittlungen fortschreiten. In der Stadt kommt es gleichzeitig zu einem rasisstischen Anschlag. „Farben“ ist ein clever und verworren konstruiertes Kriminalrätsel, das sehr typisch für die Serie und für Colin Dexters Romane ist, vielleicht ist „Farben“ sogar die vertrauteste Folge dieser Staffel. Abgesehen von den tollen Location Scouting, sind es vor allem die privaten Verwicklungen und Reibereien der Hauptfiguren, die die psychologische Spannung in dieser Folge hochhalten und zu überzeugen wissen. (8/10)

„Quartett“

Die Folge „Quartett“ (OT: Quartett“) beginnt mit einem Spiel ohne Grenzen, das für die Eurovision, das länderübergreifende Fernsehen live aus Oxford aufgezeichnet wird. Fancy gehört zur englischen Mannschaft, verletzt sich aber und Morse muss für den jungen Kollegen einspringen. So bekommt der Gerichtsmediziner DeBryn (James Bradshaw) als erstes mit, dass ein Kind aus unerklärlichen Gründen in Lebensgefahr gerät und nicht mehr ansprechbar ist. Wie sich herausstellt, sind in Oxford internationale Spione am Werk, die aufzufliegen drohen. Während sich Morse in die Untiefen der Nachrichtendienste begibt, hat Thursday anderes zu erledigen.

Wer zu den Freunden britischer Krimi-Serien zählt, wird feststellen, dass auch in der Retro-Krimi-Serie „Grantchester“ eine Spionage-Folge im benachbarten Oxford gibt (Episode 2, Staffel 2), die bereits 2016 gedreht wurde. Nun nimmt „Quartett“ die Thematik ebenfalls auf und es gibt gewisse Parallelen, allerdings sind die im Wesentlichen dem universitären Setting geschuldet und das geopolitische Umfeld ist nahezu ein Jahrzehnt später ein anderes. Zudem hat „Endeavour“-Autor Russel Lewis in dieser Folge beinahe die doppelte Zeit einer Grantchester-Episode zur Verfügung, um seine Spione zu positionieren. Im direkten Vergleich fällt die Folge dennoch etwas schwächer aus als der Rest von Staffel 5. (7/10)

Ikarus

Zum Serienfinale gibt es einen richtigen Showdown in vielen Belangen. Vor allem aber zeigt sich nun offener, wer den Obergauner Eddie Nero aus Oxfords Unterwelt verdrängen will. Da bahnt sich eine brutale Machtübernahme an. Morse und Trewlove ermitteln unterdessen in „Ikarus“ (OT: „Ikarus“) undercover. Als Lehrerehepaar getarnt suchen die beiden Polizisten auf einer Privatschule nach Spuren eines auf mysteriöse Weise verschwunden Lehrers. Dann taucht die Leiche eines Schülers auf, von dem alle dachten, er wäre der Lehreinrichtung verwiesen worden.

Der Tod des Schülers wirft neue Fragen auf und, dass Eddie Neros Sohn in jener Klasse ist, die Morse unterrichten soll, verwirrt den Ermittler zusätzlich. Die am Anfang der Staffel angekündigten Veränderungen fordern nun ihren Tribut. Wie schon in den vorangegangenen Staffeln gelingt es auch dieses Mal ein furioses Finale aufzufahren. Hochspannung ist bis zum Schluss garantiert und das Rätselraten über die Tode und die Zusammenhänge weist einmal mehr auf Dinge, die da kommen mögen. Ähnlich wie in „Nimmerland“ zum Abschluss von Staffel 2 laufen Morse, Thursday und Co kurz vor dem Ende noch einmal zur Hochform auf. Die Handlung ist verschachtelt, gibt Anlass für Verschwörungstheorien und bringt alles losen Fäden kunstvoll und hochspannend zusammen und zu einer wunderbaren Auflösung. Ein Ende, das Lust auf Kommendes macht. (9/10)

Insgesamt weiß die fünfte Staffel von „Der junge Inspektor Morse“ vor allem mit den persönlichen Verwicklungen und Veränderungen zu punkten. Die Kriminalfälle sind wie immer souverän, bildstark und clever inszeniert und sorgen für gewisse erzählerische Einheiten. Die Leitmotive aber sind in Staffel 5 noch stärker als zuvor das dramatische Salz in der Genresuppe.

Dabei werden wie gehabt Zeitmotive und Ereignisse aufgenommen und handwerklich perfekt eingearbeitet, ebenso wie es das Location Scouting immer wieder schafft neue faszinierende, pitoresque und stimmungsvolle Drehorte zu finden, die noch nicht durchgenudelt wirken. Das ist nach 40 Jahren TV-Krimi der in Oxford spielt eine wirklich hohe Kunst. Außerdem fällt auf, dass die Zeiten rauer werden und auch die Polizei darunter leidet, sowohl die einzelnen Polizisten wie auch die Ordnungsmacht als Institution. Wandel ist gefordert und nicht jeder ist der Zukunft zugewandt.

Fans von „Der junge Inspektor Morse“ brauchen keine Bestätigung, dass die Krimi-Serie zu den herausragenden Formaten des Genres gehört. Ermüdungserscheinungen Fehlanzeige, stattdessen kaum merkbares Weiten der Erzählperspektive und sehr gelungenes Ausloten der einzelnen Charaktere. Zwar trägt vor allem Shaun Evans als Hauptdarsteller die Serie, aber es gibt in „Der junge Inspektor Morse“ keine schludrigen kleine Rollen, alle haben ihre Momente. Das ist eine ausgesprochen seltene Qualität der Serie. Staffel Sechs kommt.

Serien-Wertung: 8.5 out of 10 stars (8,5 / 10)

Der junge Inspektor Morse – Staffel 5
OT: Endeavour, Season 5
Genre: TV-Serie, Krimi,
Länge: ca. 540 Minuten (6x 90 Min.) + Bonus, UK, 2018
Idee & Drehbücher: Russel Lewis, nach Charakteren von Colin Dexter
Regie: Brad Hood, Andy Wilson, Geoffrey Sax et al.
Darsteller: Shaun Evans, Roger Allam, Sean Rigby, Anton Lesser, Abigail Thaw, Dakota Blue Richards
FSK: ab 16 Jahren
Vertrieb: Edel Motion,
DVD-VÖ: 15.10.2010

Copyright der bilder bei itv/edel/

„Der junge Inspektor Morse“ beim ZDF

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