„Mit keinem Künstler sei die deutsch-deutsche Geschichte enger verbunden als mit Wolf Biermann“, konstatiert die biografische Doku „Biermann – Warte nicht auf bess’re Zeiten“ von Jens Meurer. Davon mag sich das Publikum selbst überzeugen, wenn „Biermann“ am 28. Oktober in die Kinos kommt.
Für alle, die jung genug sind, es nicht mehr erlebt zu haben, sei noch einmal festgestellt, dass Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt wurde in die Bundesrepublik und die Deutsche Demokratische Republik. Jene staatssozialistische Republik war bis zur deutschen Einheit 1990 ein souveräner Staat. Und während der beiden Republiken waren durchaus Konkurrenz und Systemvergleich und kalter Stellvertreterkrieg wahrzunehmen.
Arbeiterkind Wolf Biermann wurde in Hamburg geboren und nach Kriegsende von seiner Mutter quasi in den Osten geschickt, denn hier sollte das bessere Deutschland aufgebaut werden. Dass ausgerechnet der meinungsstarke Liedermacher dann zu unbequem für das sozialistische System wurde, war möglicherweise so nicht absehbar.
Dass Wolf Biermann nach einem genehmigten Auftritt in Köln 1976 die Wiedereinreise in die DDR verweigert wurde, war schon ein Kuriosum.Und ein Stolperstein für viele Intellektuelle und Künstler in der DDR. Hernach kam es zu weiteren Ausbürgerungen von Leuten, die sich solidarisiert hatten. Der Biermann nun wieder landet über Station auch in Paris, denn man hatte ihm die Heimat genommen, später schließlich doch in seine Geburtsstadt Hamburg zurück, wo er, heute 90-jährig, noch lebt.
„Es ist ein Missverhältnis, dass so ein kleines Arschloch so eine große Betonkiste in der Staatsbibliothek hat.“ (Biermann)
Das kann ein Dokumentarfilm schon auch begleiten und aufbereiten mit einem Künstler, der noch lebendig und aktiv ist. Daraus lässt sich sicherlich auch etwas ablesen über die Zeiten und die Sitten und die Befindlichkeiten. Und so beginnt die Vorstellung Biermanns auch mit dessen jüdischen Vorfahren und einem Bahnschwellenklau, der dann doch geahndet werden muss.
Es ist nicht so, dass Wolf Biermann immer sehr sympathisch wirkt. Darum ist es ihm nicht zu tun. Es geht ihm um das Einmischen, das Einstehen für das, was wichtig und wesentlich ist. Es geht darum, mit der Kunst aufzuzeigen, was faul ist im Staate Deutschland. Erst drüben, dann drüben. Denn auch wenn Dokumentarfilmer Jens Meurer vor allem die frühen DDR-Jahre und die Ausbürgerung betont, war der Protestsänger jemand, der sich auch in der Bundesrepublik eingemischt hat, etwa gegen die Atom- und Rüstungspolitik.

Viel lieber aber erzählt der Film von der Systemkritik in der DDR von innen heraus und dem immer schwierigeren Arbeiten, weil Biermann sich den Mund schwerlich verbieten ließ. Dabei wäre aus dem Sänger keiner geworden, hätte ihn nicht die Liebe aus Frankreich inspiriert und auch geformt, selbst wenn der Biermann das anders ausdrückt. Zeitzeugen und Kollegen wie Armin Müller-Stahl attestieren dem Sänger, er wäre schon immer unbequem gewesen und hätte genervt. Wenn mensch ihn dann so poltern hört, so exaltiert und theatralisch exklamieren zur akustischen Gitarre (oder ohne), dann kann mensch das wohl nachvollziehen.
Gesang für meine Genossen
Filmisch hat „Biermann“ so seine Durststrecken. Alldieweil der Film in einer noch unfertigen Fassung vorgeführt wurde, in der der Abspann aus Platzhaltern bestand, lässt sich schwer sagen, ob da noch nachgebessert wurde. Es ist nicht anzunehmen. Im Grunde erzählt die Doku in Rückblenden chronologisch, springt aber auch bisweilen und fasst die Lebensabschnitte nicht immer passgenau ab. Aber wer wollte sich daran stören, auch und gerade, wenn es um einen geht, der immer dazwischengeht. Und Jens Meurer („Seaside Special“) fragt auch mal soufflierend nach.
Vor einigen Jahren gab es ein dokumentarisches Porträt über Bettina Wegener, als Liedermacherin nicht weniger einflussreich und wertgeschätzt. Ich gestehe, mir ist Frau Wegener sympathischer als Herr Biermann, aber darum geht es an dieser Stelle nicht. Die Doku von Lutz Pehnert beackert ähnliches Terrain und eine ähnliche Zeit, und auch wenn der Biermann da wichtiger sein mag, der Film „Bettina“ ist sehenswerter als der „Biermann“, vielleicht weil schon am Titel offensichtlich ist, dass hier eine männliche Distanz und dort eine weibliche Nähe zu finden sind, während die Zeitläufte durch das Filmmaterial spazieren und marschieren.
Nun muss nicht jedes Künstlerporträt kritisch sein, und es gibt genug Beispiele, dass die unvoreingenommene Begleitung von Porträtierten auch zu sehenswerten Beiträgen führt. Wer nun also mit dem Wolf Biermann so gar nicht vertraut ist, der findet hier Einstieg und Weiterdenken in ein unbequemes und engagiertes Leben.
6 von 10 Nylonseiten
Biermann – Warte nicht auf bessre Zeiten
OT: Biermann – Warte nicht auf bessre Zeiten
Genre: Doku, Musik, Zeitgeschehen, Biografie
Länge: 120 Minuten, D, 2026
Regie: Jens Meurer
Mitwirkende: Wolff Biermann, Armin Müller-Stahl, Pamela Biermann
FSK: ab 0 Jahren, ohne Altersbeschränkung
Verleih: Majestic
Kinostart: 28.10.2026



