Der Magier im Kreml: Blick hinter den neuen eisernen Vorhang

Russland bleibt für viele Menschen ein Rätsel, und die Politik in der postsowjetischen Phase hatte sich mal liberalisiert, aber davon ist das Reich im Osten unter Wladimir Putin weit entfernt. Wie es dazu kam, dass Putin quasi ein neuer Zar wurde, erzählt die Bestsellerverfilmung „Der Magier im Kreml“ aus der Perspektive eines einflussreichen Beraters. Nun ist das mit Paul Dano und Jude Law hochkarätig besetzte Drama auch für das Home-Entertainment erschienen.

Es ist nicht einfach, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden in dem Politdrama „Der Magier im Kreml“. Das Publikum muss sich entscheiden, wie es mit der Handlung und der literarischen Analyse der Geschehnisse umgeht. Dabei hat der italienische Politikberater Giuliano da Empoli sich ausgiebig mit der russischen Gesellschaft und Politik seit dem Zusammenbruch der UdSSR beschäftigt. Statt einer sachlichen Analyse wurde daraus ein Bestseller über den halbwegs fiktiven Spin Doctor namens Wadim Baranow (Paul Dano), der zum engsten Berater von Wladimir Putin (Jude Law) wird und die Rückkehr Russlands in eine autoritäre Regierungsform mitgestaltet und begleitet hat.

Während Putin beispielsweise auch im Roman und der – wie es heißt – eng an der Vorlage gestalteten Verfilmung von Olivier Assayas immer Putin ist, ist der Berater Baranow an Wladislaw Surkow angelehnt, der Putins Berater war. Während der Medienmogul Boris Beresowsky real existiert, ist Öleigentümer Dimitri Sidorow an Michail Chodorkowsky angelehnt. Doch das ist im Grunde nur deshalb von Belang, weil es zeigt, dass eine fiktionale Erzählung versucht, hinter die Vorhänge der Macht zu blicken. Da sind Dialoge und Szenen durchaus nachvollziehbar, aber niemand weiß um die realen Vorbilder oder die erzählerischen Kniffe, um Sachverhalte zu verdeutlichen.

Was in Russland zählt, ist die Nähe zur Macht

Gleichwohl legt „Der Magier im Kreml“ mit seiner Darstellung der russischen Geschichte seit Ende der 1980er Jahre einen akkuraten Abriss vor und versteht es auch, machtpolitische Spielzüge aufzuzeigen und so Zusammenhänge herzustellen, die über mehrere Jahrzehnte reichen und zu einem guten Verständnis des aktuellen Zustands Russlands hinreichen.

Wenn der amerikanische Journalist und Russlandexperte Rowland (Jeffrey Wright) nach Moskau reist, um eine Biografie über den Schriftsteller Jewgenij Samjatin zu schreiben, werden die Bilder von der Figur aus dem Off erzählt. So wie auch später Baranow seine Sicht der Dinge aus dem Off erzählt, während sich die Situationen entfalten. Das hat zunächst etwas Distanziertes, mit dem sich das Publikum auseinandersetzen kann.

Andererseits ist es ein weithin üblicher und legitimer Weg, Literatur auf die Leinwand zu bringen und die Wirkmächtigkeit der Worte beizubehalten. Nicht immer lassen sich kongeniale Bilder und Szenen finden, wie etwa in Paul Thomas Andersons kongenialer Literaturverfilmung von Thomas Pynchons „Inherent Vice“. Samjatin und der Diskurs über ihn nun wieder führen den Ami und Baranow zusammen, so dass dieser seine Biografie erzählen kann. Aber es setzt auch den Ton, denn der Literat, der etliche Erzählungen, aber nur zwei Romane geschrieben hat („Wir“ und „Attila, die Geißel Gottes“, die auch auf Deutsch vorliegen), fiel seinerzeit bei Stalin in Ungnade, weil er das Totalitäre im sowjetischen Sozialismus benannte.

Russland braucht einen anderen Polkitikertyp

Nun mag man auch Entlarvendes von Baranow erwarten, und seine Analyse von Zeitgeist, Gesellschaft und politischen Entwicklungen ist ebenso schillernd wie faszinierend, auch und gerade, weil sich der Erzähler selbst inmitten der Geschehnisse befindet. Freilich weit genug vom eigentlichen Machthaber entfernt, um ihn in die Analyse einzubeziehen. Denn genau das ist es, worum es in „Der Magier im Kreml“ eigentlich geht: zu verstehen oder zu ergründen, was der neue russische Zar Wladimir Putin eigentlich vorhat. Und immer wieder fällt daraufhin der Verweis, in Russland funktioniere Macht anders. Und auch immer wieder das Narrativ, dass die Russen nach einem starken Herrscher verlangten. Dabei hat Putin, seit er von Boris Jelzin seinerzeit zum Ministerpräsidenten berufen wurde, systematisch den eigenen Herrschaftsbereich und die eigene Macht ausgebaut. Der Vergleich mit dem Zar und jener zwischen Baranow und Rasputin hat also durchaus seine Berechtigung. Aber das mag jeder selbst sehen.

Politik ist das einzige Spiel, das sich lohnt

Der französische Autorenfilmer Olivier Assayas hat sich im Laufe seiner Karriere unterschiedlichsten Sujets zugewandt, immer wieder aber auch gesellschaftliche und politische Themen aufgegriffen. Selten so explizit wie in dem Thriller über den Terroristen „Carlos“ und manchmal als Film über das Erwachsenwerden in „Die wilde Zeit“, doch in „Der Magier im Kreml“ wird aus der Lebensbeichte im Männergespräch ein Zeiten- und Sittengemälde, das durchaus etwas Episches an sich hat. Dazu tragen auch die großartigen Darstellerleistungen bei und der Verzicht auf einen allzu sarkastischen Tonfall, wie er immer wieder auftaucht, wenn Politik zum Thema wird, wie beispielsweise in „Der Tod von Stalin“.

Jude Law gibt den russischen Präsidenten mit einer kumpelhaften Verschlagenheit, die ebenso authentisch wirkt, wie sie dem Darsteller Freiheiten lässt. Paul Dano nun wieder legt seinen Baranow zurückhaltend an wie den Pierre Besuchow, den er in der Neuadaption von „Krieg und Frieden“ darstellte. Baranow freilich scheint in seiner ruhigen, abwartenden Art eher kalkuliert zu sein, wobei sich schwerlich sagen lässt, was ihn letztlich antreibt, denn der Berater ist keineswegs graue Eminenz im Hintergrund, sondern aktiver Ausführungsgehilfe, bis er es nicht mehr ist.

Wer sich auf die ruhige und literarische Erzählweise in „Der Magier im Kreml“ einlassen kann, wird mit einem sehenswerten Porträt des neuen und aktuellen Russlands belohnt. Die Geschichte reicht vom Zerfall der Sowjetunion bis hin zur Annexion der Krim anno 2014 und zeigt Mechanismen und Akteure der Macht in Russland. Solch einen Einblick erhascht man höchst selten.

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Der Magier im Kreml
OT: Le Mage du Kremlin
Genre: Drama, Politik
Länge: 137 Minuten, F/USA, 2025
Regie: Olivier Assayas
Vorlage: Gleichnamiger Roman von Giuliano da Empoli
Schauspiel: Paul Dano, Alicia Vikander, Jude Law
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Leonine
Kinostart: 09.04.2026
DVD- & BD-VÖ: 02.07.2026

Fotos by Carole Bethuel

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