Fluss: Alles fließt

Mit seinem jüngsten Film „Fluss“ beendet der Dokumentarfilmer Timo Großpietsch einerseits die Film-Trilogie „Stadt – Land – Fluss“, die er vor elf Jahren mit einem Porträt von Hamburg begonnen hat und zeichnet andererseits auch ein eigenständiges Porträt von der Elbe, die in diesem Film, der auf eine Erzählstimme verzichtet, von der Quelle bis zur Mündung beobachtet wird. Zu sehen ist “Fluss“ ab dem 11. Juni 2026 im Kino.

Das Gewusel fließenden und sprudelnden Wassers ist ein seltsames Bild. Es fällt schwer da eine Orientierung auszumachen und wer einmal beim Baden ungewollt unter Wasser gerät wird sich schnell an das unangenehme Gefühl erinnern, einem unbekannten Element ausgesetzt zu sein.

Und dennoch ist Wasser die Quelle allen Lebens auf der Erde, dem „blauen Planeten“. Wasser als Elemente bewegt sich nach bekanntem Schulwissen in einer Art Kreislauf. Es verdunstet, wenn es erhitzt wird, es wird im Himmel zu Wolken, die regnen sich wieder ab und das Wasser trifft wieder auf die erde. Dort sammelt es sich und und macht sich auf den Weg zu Seen und letztlich zu den Meeren dieser Welt. Dort verdunstet das Wasser wieder und der Kreislauf beginnt von neuen. Freilich verdunstet auch Wasser in Pfützen, versickert im Boden und wird von Pflanzen aufgenommen und wieder ausgeschieden.

„Panta Rhei – Alles fließt“

Auf seiner großen Wanderung innerhalb des Kreislaufs aber ist Wasser in Flüssen organisiert. Ein nicht ganz unbedeutender Fluss in Europa ist die Elbe. Der etwa 1100 Kilometer lange Fluss entspringt im tschechischen Riesengebirge und fließt zunächst als „Labe“ durch Tschechien und als Elbe durch Deutschland, wo der Strom bei Cuxhaven in die Nordsee entwässert. Nach ihrem Einzugsgebiet ist die Elbe der viertgrößte Fluss Europas.

Dokumentarfilmer Timo Großpietsch folgt der Elbe von ihrer Quelle bis hin zur Mündung und macht zwischendurch immer wieder Halt, um unterschiedliche Aspekte der Wassernutzung an einem Fluss filmisch festzuhalten. Das geschieht faszinierender Weise ohne eine Erzählstimme, die das Publikum mit auf die Reise nimmt. Statt dessen wirken die Bilder für sich selbst und entwickeln, auch unterstützt von kongenialer atmosphärischer Musik, ihren eigenen Charme und ihre eigene Magie.

Die Musik stammt wie schon bei „Stadt“ (2015) und „Land“ (2021) erneut von dem polnischen Jazzpianisten Vladyslav Sendecki. Teilweise ist es erstaunlich welche repetitiven und charismatischen muster sich aus Bild und Ton ergeben. So etwa bei der Marmorbearbeitung in der Nähe von Dresden, oder auch bei einigen der vielen Dronenflüge über den Elbstrom.

„Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“

„Fluss“ beginnt mit Archivaufnahmen von Wanderern, die zur Elbquelle unterwegs waren und dort im Riesengebirge (tschechisch Krkonoše) bei Špindlerův Mlýn (deutsch Spindlermühle) auf einen befestigten Brunnen stoßen, der den blick ins Gebirgsinnere ermöglichen soll. Wie so häufig sind Quellen eher unscheinbar. Der Flussverlauf durch das Gebirge ist an mehreren Stellen zu unterschiedlichen Zwecken aufgestaut. Der film macht Halt und begleitet Arbeiter auf ihren täglichen Routinen.

Überhaupt ist „Fluss“ keine Naturbeobachtung, ergeht sich nicht in Flora und Fauna, sondern ist eine kulturelle Annäherung, die versucht den Begriff Fluss in Wechselwirkung mit dem menschlichen Leben zu begreifen. So kommen unterschiedlichste Aspekte zum Tragen, die im Fluss- und Filmverlauf ausgelotet werden. Dazu bedient sich Timo Großpietsch unterschiedlicher Mittel und Wege. Fast alles ist extra für den Film aufgenommen worden. Doch „Fluss“ greift auch auf Archivaufnahmen zurück und kompiliert diese in faszinierender Weise. Editiert wird of in Split-Screen-Aufnahmen, die ihre eigene Ästhetik erzeugen und dadurch schon ein wenig artifiziell wirken. So wie es das Technikverständnis nahelegt, das den Fluss und seine Möglichkeiten ingenieurswissenschaftlich begreift.

Alles bewegt sich fort und nichts bleibt.“ 

So etwa bei Wasserkraftwerken, den Kiesabbaugebieten und dem Atomkraftwerk bei Brokdorf. Auch in Brokdorf ließe sich Geschichte am Flusslauf aufzeigen, doch die Proteste gegen den Atomstrom in den 1980ern kommen in „Fluss“ nicht zum Tragen. Dafür die ehemalige innerdeutsche Grenze und mit ihr die teilzerstörte Eisenbahnbrücke bei Dömitz. Ähnlich überraschend wie die Geschichtsstunde ist auch der Ausflug mit dem Ingenieurskorps der Bundeswehr und die Überquerung der Elbe mit schwimmenden Brückenteilen.

Es gibt also viel zu sehen und zu entdecken in „Fluss“, das das Leben von uns Menschen beeinflusst und prägt und wechselwirkt mit mit der Gesellschaft. So wie auch die Wasserqualität der Elbe im Laufe der Jahrzehnte ein Abbild des menschlichen Wirtschaftens ist.

„Stadt, Land, Fluss“ ist ein schlichtes Quizspiel, bei dem die Teilnehmenden zu einem jeweils ausgewählten Anfangsbuchstaben Nennungen in der jeweiligen Kategorie finden müssen. Daraus nun eine Filmtrilogie zu machen, die sich dokumentarisch mit den jeweiligen Räumen und deren Beziehung zum modernen menschlichen Leben beschäftigt, ist schon ein tolles Projekt. Und eigentlich sollte die Doku-Trilogie auch mal als solche geschaut werden. Möglicherweise böte sich auch ein Doppel-Feature mit Filmessay „River“ an.

Nun allerdings bekommt zunächst der Fluss jene Aufmerksamkeit, die ihm zusteht. Timo Großpietsch ist ein filmisch und inhaltlich faszinierendes Porträt der Elbe gelungen, das so sehr spezifisch ist, aber zu gleich auch sehr allgemein die verschiedensten (kulturellen) Aspekte von Fließgewässern aufzeigt. Das ist schon sehr schön, auch wenn mensch nicht Geographie studiert hat.

8 von 10

Fluss
OT: Fluss
Genre: Dokumentarfilm
Länge: 83 Minuten, D, 2026
Regie: Timo Großpietsch
FSK: ab 0 Jahren, ohne Altersbeschränkung,
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 11.06.2026

offizielle Filmseite (Mit Terminen und Vorführungsorten)

Die Elbe bei Wikipedia

Timo Großpietsch bei Wikipedia

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