River: Alles fließt

Unbestreitbar gehören die Filmaufnahmen in „River“ zum Spektakulärsten was je über fließendes Wasser gefilmt wurde. Und doch greift diese bildliche Annäherung an den Film zu kurz. Wer einen klassischen Dokumentarfilm oder konkrete Wissensvermittlung erwartet, sollte sich den Weg ins Kino sparen. Wer sich hingegen einlassen will in eine assoziative Reise mit dem fließenden Wasser und davon inspirierten Klängen und Texten, wird mit einem überbordenden Gesamtkunstwerk konfrontiert. Ab 21.04.2022 im Kino.

Wasser hat die Atmosphäre unseres Planeten seit Urzeiten geprägt. Dabei kommt den Rinnsalen, Bächen und Flüssen eine fast bildhauerische Qualität bei der Formung der Erdoberfläche zu. Das hat über die Erdzeitalter zu fantastischen Flussläufen geführt. Zudem hat der Fluss als Ader des Lebens auch immer eine Wechselwirkung mit der menschlichen Zivilisation gehabt. Dies Verhältnis der Menschen zum Fluss als Naturphänomen hat sich m Lauf der Zeit gewandelt.

Während Flüsse in alten Zeiten als Gottheiten verehrt wurden, wird die Kraft des fließenden Wassers heutzutage nutzbar und dienstbar gemacht. Viele der aktuellen Umweltprobleme hängen auch damit zusammen, dass Flüsse reguliert werden. Vielleicht wäre es an der Zeit Flüsse wieder zu befreien?

„Steter Tropfen höhlt den Stein.“ (Sprichwort)

So zumindest fragt sich der begleitende Text von Natur-Schriftsteller Robert Macfarlane, der aus dem Off von Charakterdarsteller Willem Dafoe („Poor Things“) vorgetragen wird. Neben den atemberaubenden Luftaufnahmen von Bächen, Flüssen und Strömen weltweit ist der lyrische essayistische Test der zweite von drei Bausteinen, die „River“ so einzigartig machen.

Der dritte wesentliche Aspekt des Gesamtkunstwerkes „River“ ist die Musik zum Film. Zwar ist „River“ kein Konzertfilm, aber die vom Australian Chamber Orchestra eingespielte Musik ist eigens dazu gedacht, das fließende des Wassers und die Bilder auf einer weiteren Sinnesebene weiterzutragen. Zum Konzept gehört es auch, dass das ACO mit der Musik auf Konzert-Tournee geht.

Ungezähmte Fluten

Doch in diesem Text geht es vornehmlich um den Film. Die Regisseurin Jennifer Peedom und ihr Ko-Regisseur Joseph Nizeti knüpfen mit „River“ an das erfolgreiche Konzept von „Mountain“ (2017) an. Geplant ist eine Trilogie über die Natur. Für das Portrait des fließenden Wassers greift der Film auf Bildmaterial von etlichen meisterhaften Filmteams auf der ganzen Welt zurück.

Spektakuläre Luftaufnahmen werden also von spärlich gesetzten, lyrisch formulieren, bisweilen abstrakten Gedanken begleitet, die auf dem akustischen Hintergrund sphärischer und hymnischer Musik schweben. Die Filmmacherin Peedom hat nach eigener Aussage nicht weniger vor als zu überwältigen und das gelingt durchaus.

Flussgeister und Staudämme

An dieser Stelle kommt die Erwartungshaltung des Publikums zum Tragen. Wie eingangs erwähnt, ist „River“ kein klassischer Dokumentarfilm, keine Naturdoku über den Bach der niederdeutschen Tiefebene, sondern ein Versuch über reine Naturbetrachtung hinauszugehen und philosophische, ästhetische und künstlerische Aspekte ein den Film einzubeziehen, die vom Phänomen „Fluss“ beeinflusst sind.

Das geht durchaus auf das alte griechische Motto „Alles fließt“ („panta rhei) zurück, die Heraklit zugeschrieben wird. Diese Natur- und Seinsbetrachtung hat ihren Grundgedanken in der Einheit aller Dinge. So auch das Kunstwerk „River“, das aufgebaut ist wie ein poetischer Essay, in dem Gedanken relativ locker entlang einer Idee formuliert werden und so einen Raum für eigene Gedanken, Zusammenhänge und Fantasien lassen.

„Heutzutage haben viele Städte einen Fluss in ihrem Herzen“

Meisterhaft hat diese literarische Form der amerikanische Denker Ralph Waldo Emerson (1803 – 1882) beherrscht. Die schwedische Autorin Kerstin Ekman, bekannt für ihre Krimis, hat mit „Der Wald: eine literarische Wanderung“ (deutsch 2008) eine ähnliche Annäherung an die Natur versucht wie dies nun auch „River“ tut.

Bisweilen mag die offen poetische Ausgestaltung überladen, esotherisch oder kathedral wirken. Das liegt auch daran, dass die Filmmacher absichtlich abstrakt und wenig konkret sind. Im Abspann lässt sich halbwegs nachvollziehen, woher die Aufnahmen stammen mögen, während des Film folgen die Bilder unkommentiert ihrem eigenen Rhythmus, der eher von Erdzeitaltern und Entwicklung geprägt ist als von geografischen Begebenheiten. Und „River“ erzählt auch mehr oder minder chronologisch von dem Einfluss der Flüsse auf die menschliche Kultur und Zivilisation.

Ich gestehe, dass ich filmische Essays und bildliche Gedichte hinreißend finde und mich immer freudig auf solcherlei Abenteuer begebe. Dies bezüglich ist „River“ das vielleicht das beste Beispiel für einen mitreißenden Gedankenstrom. Den erstaunlichen Bilderwelten gebührt dabei immer der Vorrang, doch Musik und Texte sind viel mehr als bloßes Beiwerk. Viel perfekter lässt sich ein filmisches Essay kaum umsetzen.

Film-Wertung: 10 out of 10 stars (10 / 10)

River
OT: River
Genre: Filmessay
Länge: 75 Minuten, AUS, 2021
Regie: Jennifer Peedom, Joseph Nizeti,
Mitwirkende: Australian Chamber Orchestra, Robert Macfarlane, Willem Dafoe,
FSK:
Vertrieb: Film Kino Text
Kinostart: 21.04.2022

Deutsche Filmseite