Alles ist Arbeit: Strukturwandel oder Umschulung?

In der immer lesenswerten Reihe der Nautilus Flugschriften ist im März 2022 ein Buch zum Thema Arbeit und Kapitalismus erschienen. Die Autor:innen Mareile Pfannebecker und James A. Smith beschäftigen sich mit „Mühe und Lust am Ende des Kapitalismus“ wie der Untertitel der ebenso unterhaltsamen wie diskussionswürdigen Abhandlung zum Thema Arbeit. Die Frage bleibt: Was tun wir nach der Arbeit?

Der tschechische Autor Karel Čapek hat in den 1920er Jahren den Begriff Roboter erfunden. Abgeleitet vom tschechischen Wort „robota“, das soviel bedeutet wie Frondienst (Quelle Wikipedia), bezeichnete er damit künstliche Arbeiter, die gewisse Tätigkeiten, also Arbeit, verrichten, weil der Mensch dagegen revoltiert.

Heutzutage scheint das Gegenteil eingetreten zu sein. Im Spätkapitalismus, in dem wir uns – je nach Sichtweise- gerade befinden, ist jedwede Tätigkeit, ja auch die bloße Existenz selbst in dem Sinne zu Arbeit geworden, das sich damit Geld verdienen lässt. Freilich nicht für jeden und zu jeder Zeit.

Genauso verbreitet wie virtuelle Influencer-Dasein sind Mißbeschäftigung, also Arbeitsverhältnisse, die nicht ausreichen, um jemanden zu ernähren, und Entschäftigung, die auftritt, wenn jemand mit seiner einstmals einträglichen Tätigkeit überhaupt kein Geld mehr verdient und aus dem Sozialen System einer Gesellschaft herausgenommen ist.

Nehmen Sie mich als Beispiel: Als journalistischer Freiberufler gemeinhin selbständig und nicht mehr in der Arbeitsvermittlung gelistet. Dieser Blog erwirtschaftet kein Geld, ist aber genuin journalistische Arbeit. So schnell geht Entschäftigung.

„…von denen die Gesellschaft nichts verlangte, außer sie selbst zu sein und dafür hart zu arbeiten.“ (S. 99)

Die Autor:innen Mareile Pfannebecker und James A. Smith haben ihr Abhandlung 2020 veröffentlicht. Zudem Zeitpunkt hatte Amelia Horgan ihr auf diesen Seiten vorgestelltes Werk „Lost in Work“ noch nicht fertig. Hierzulande erschien die Übersetzung aber einige Wochen früher. Das ist keineswegs Konkurrenz, sondern gegenseitige Bereicherung. Beide Veröffentlichungen wurden in Großbritannien mit speziellem Blick auf die dortige Situation geschrieben, lassen sich aber leichthin auf westliche kapitalistische geprägte Gesellschaften übertragen.

Pfannebecker, die das Buch auch übersetzt hat, und Smith haben die Gelegenheit genutzt und ihrer deutschen Ausgabe ein aktualisiertes Vorwort zukommen lassen. Das ist schon klug, da sich mit der Covid-19-Pandemie etliche der beschriebenen und analysierten Prozesse und Tendenzen deutlich verstärkt oder geändert haben. Das Vorwort ist zwar nicht das Highlight in „Alles ist Arbeit“, aber es ist eine hochaktuelle, kraftvolle und notwendige Kritik am gegenwärtigen Arbeitsleben.

„Dies ist der springende Punkt in der Geschichte der Außenseiter*innen in der kapitalistischen Produktion: dass zunehmende Selbstkommodifizierung mit zunehmender Prekarität einherging und -geht.“ (S. 107)

Doch zurück zur Kernfrage von „Alles ist Arbeit“: Warum wir niemals nicht arbeiten und immer weniger davon leben können?“ Das Buch analysiert die Lebensarbeit als vorherrschende Vorstellung und Konzept, also als Regime. Das führt dazu, dass Freizeit zunehmend verschwindet, weil Arbeit nach der Erwerbstätigkeit weitergeht. Das meint nicht nur klassische Haus- und private Pflegearbeit, sondern auch Tätigkeiten, die mal Hobby waren.

Durch die zunehmende Automatisierung ist in vielen Berufen die Identifikationsmöglichkeit weggefallen. Das führt dazu, dass ungelernte Angestellte weitgehend die Aufgaben von Facharbeitern übernehmen können. Deren Qualifikation wird als negativer Effekt der Automatisierung entwertet.

Eine weitere Entwicklung in der kapitalistischen Arbeitswelt führt dazu, dass Menschen aus festen Arbeitsverhältnissen vertrieben werden. Stattdessen herrscht Gig-Ökonomie und die Bullshit-Jobs (nach David Graeber) nehmen überhand.

Letztlich sind die Menschen zunehmen dazu verdingt, sich selbst als Produkt zu begreifen und zu Geld zu machen. Das braucht Fähigkeiten wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts jungen Mädchen an den Tag legten, deren Bestrebung es sein musste, an sich selbst zu arbeiten.

„Wie soll ich sie ansprechen?“ „Sei einfach du selbst. Aber übertreib‘s nicht.“ (aus TV-Serie „Friends“)

Aus diesem einer Romangattung entsprungenen Typus wird später für die „Hausfrauen“ und heute für die Facebook-Benutzer:innen die provozierte, gesellschaftlich anerkannte Maxime, „dass unentgeldliche Arbeit zu verrichten eine natürliche, unvermeidliche und sogar erfüllende Tätigkeit ist“ (S. 93.) Das wird nur noch getoppt, weil heutzutage gezwungenermaßen jede:r selbst Bankangestellter, Lebensmittelverpacker und Fahrkartenverkäufer ist.

Die Frage bleibt: Was kommt nach der Arbeit? Was kommt statt der Arbeit? Erstaunlicherweise ermitteln Pfannebecker und Smith in der utopischen und Anti-Arbeits-Literatur etliche Moralvorstellungen, die von einem umtriebigen Freizeitbegriff ausgehen. Ein Müßiggang oder eine Verweigerung scheint da keinen Platz zu haben. Daraus folgt konsequent: Mensch muss herausfinden was der denn will, wenn er nicht arbeitet.

„Wenn wir nicht wollen, dass der digitale Kapitalismus unsere Sehnsüchte für sich arbeiten lässt, ist ein Strukturwandel erforderlich, keine individuelle Umschulung.“ (S. 160)

Dazu ein Zitat aus dem Cyborg Maifesto von Haraway: „Die Maschine ist kein es, das belebt, beseelt oder beherrscht werden müßte. Die Maschine sind wir, unsere Prozesse, ein Aspekt unserer Verkörperung. Wir können für Maschinen verantwortlich sein; sie beherrschen oder bedrohen uns nicht. Wir sind für die Grenzen verantwortlich, wir sind sie“. (S. 171.) oder um es mit der deutschen Punkband Turbostaat zu sagen: „Du sollst mich nicht Roboter nennen!!“ („Nach fest kommt ab“, 2007).

Es ist nicht immer einfach, Sachbücher auf den Punkt zu bringen; und eigentlich muss das auch gar nicht sein. Wesentlich wichtiger ist, ob „Alles ist Arbeit“ eine fundierte Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema der Arbeitswelt bietet und so Diskussions- und Denkansätze ans Licht der Öffentlichkeit bringt. Die philosophische und (pop-) kulturelle Betrachtung hat Einiges für sich und ist zudem sehr unterhaltsam. Die Analyse und Erklärung weiß wie oft bei Diskussionsbeiträgen eher zu überzeugen als der mehr oder minder utopische Ausblick. Aber wie im Buch so schön über utopische Schriften gesagt wird: Deren Zweck bestehe darin „das Begehren zu lehren, besser zu wollen, mehr zu wollen und vor allem auf andere Weise zu wollen“.

Alles ist Arbeit: Mühe und Lust am Ende des Kapitalismus
OT: Work wants Work – Labour and Desire at the End of Capitalism, Zed Books, 2020
Genre: Sachbuch,
Autor:innen: Mareile Pfannebecker, James A. Smith
Übersetzung: Mareile Pfannebecker
In der Reihe: Nautilus Flugschriften
ISBN:9783960542902
Verlag: Nautilus Verlag, Paperback, 220Seiten
VÖ: 21.03.2022


Verlagsseite zu Alles ist Arbeit

Autorenfotos mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



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