Waste a Saint – Hypercarnivore: Album Review

Der Klang kommt vor den Gedanken. Der Sound gibt eine Richtung vor. Und dennoch kann ich mir auf Bandnamen und Albumtitel, die gleichwohl selbsterklärend sind, nicht gerade einen Reim machen. Wie auch immer: „Waste a Saint“ aus Trondheim in Norwegen legen mit „Hypercarnivore“ ihr Debutalbum vor und zelebrieren Hardrock der Siebziger mit deutlichem Stoner-Einschlag. Wer schon mal durch Norwegens Gebirge gegurkt ist, weiß, dass da schon mal Steinschlag bis hin zur Geröll-Lawine zu erwarten ist. So auch auf der akustischen Rundreise durch das Territorium der übermäßigen Fleischvertilger.

Ich gestehe seit Jahrzehnten auf Fleischkonsum zu verzichten und daher von dem karnivoren Ansatz der Band nicht gerade überzeugt zu sein. Andererseits komme ich auch mit dem Satanismus-Blödsinn des Black Metals klar und weiß um die Wichtigkeit markigen Auftretens (im doppelten Sinne) im Rock-Bereich. Weil das Cover Artwork auch ein bisschen an die Ornamentik von Baroness erinnert und hinsichtlich Bildwelten auch Kvaelertak schnell als Eckpfeiler auftauchen, ist dann wieder alles im grünen Bereich.

The Trondheim- Connection

Der Bandname mag auf das lange vergebliche, zumindest aber mühselige christliche Missionieren der nordischen Leute im Mittelalter hindeuten und so auch eine kulturelle Heimatverbundenheit vermitteln. Musikalisch ist da ohnehin Verbundenheit zur Trondheimer Musikszene zu erkennen. Immerhin stammen the one and only Motorpsycho aus dieser Ecke der Welt.

„Waste a Saint“ haben sich 2015 als Trio gegründet, ohne dass ein fester Schlagwerker dabei war. Die Lücke hat dann Vebjørn Numme geschlossen. Der Drummer legt auf „Hypercarnivore“ wuchtig vor. Und das ist auch notwendig, denn die kraftvolle Rockröhre von Sängerin Bogey braucht eine starke Basis um sich voll zu entfalten. Basser Ole füllt die Soundlöcher die Gitarrist Alexander mit seinen verzerrten Gitarrenriffs offen lässt. Zusammen ist das Quartett ziemlich tight auch dank der Synthie und Percussion-Elemente. Ich würde mal behaupten, die Zeit im Proberaum und bei der Entwicklung des Songmaterials hat sich gelohnt: „Hypercarnivore“ rockt ordentlich.

Los geht’s auf dem Album mit „Shoot Your Way Out“ eine stampfende Midtempo-Hymne mit bockstarkem Riff und melodiösen Teilen. So gehen Opener von Rockscheiben. Soundmäßig ist die Ausrichtung zur Genüge umrissen, um noch Platz für Abfahrten zu lassen. So wie im zweiten Song „The Healer“. Erstaunlicherweise wird nur ein bisschen aufs Gaspedal getreten und nach dem Opener wirkt „The Healer“ nachgerade experimentell: epische Soundkaskaden, eher post-metallische Gitarrenarbeit, Sprechgesang in den ruhigeren Parts und mehrstimmiger Chorus.

Retro Stoner Rock skandinavischer Güte

Hypnotisch beschreibt „Textbook People Pleaser“ recht treffend. Es geht bluesig zur Sache, die Vocals strahlen mächtig und die Sythies sorgen für eine unerwartete Klangfarbe. „I See you disappear“ lässt dann erstmals die karnivore Bestie von der Leine. Uptempo Prog-Rock mit fettem Gitarrensythie und einer zugleich melodischen aber auch groovenden Grundspannung. „We = Me“ rockt dann heavy, treibend und retro in die Abgeh-Ecke des Tanzbodens. „Superego“ toppt den Vorgänger noch mit massiven Drums und einem waschechten Stoner-Riff.


„By Proxy“ gewährt dem Hörer dann doch wieder keine Pause, sondern setzt auf Stop & Go Dramatik. Souveräne Laut-Leise-Wechsel bei denen ordentlich aufs Gaspedal getreten wird. Wer jetzt noch zweifelt, ob er in der richtigen Musiksparte gelandet ist, hat selbst Schuld und wird mit dem Album wohl auch nicht mehr glücklich werden. „Breaking through“ ist genau die Art von mit dem Kopf durch die Wand, die einfach neugierig ist, was sich auf der anderen Seite befindet. Der Song startet mit einem giftig bellenden Bastard von Gitarrenriff, geht dann in sphärische Klänge und ruhige, melodiöse Klanglandschaften über und entlockt Sängerin Bogey sogar Melodien, die eher an Björk oder andere klarere Stimmen erinnern. Mir fällt da absurderweise die deutsche Band Juli mit ihrer Sängerin Eva Briegel ein. Keine schlechte Referenz, den auch „Waste a Saint“ sorgen für „‘ne geile Zeit“.

Starkes Album ohne Filler

Zum Abschluss wabern sich „Waste a Saint“ in „Feet to the Fire“ in die richtige Stimmung um mit den Sternen zu rocken. Ich sag jetzt mal nicht Hawkwind, aber wer Ohren hat kann selbst hören. Schönes Album, das keine Füllsel enthält. Die Songs sind auf ähnlich hohem Niveau und mir fällt schwer etwaige Favoriten zu benennen. Vielleicht mag ich „I see You Disappear“ und „Breaking through“ ein wenig lieber als den Rest, aber wen interessiert’s.

Female Fronted Retro Rock ist vielleicht noch kein eigens Subgenre, aber wo die Blues Pills die Richtung weisen und The Neptune Power Federation rockige Rituale abhalten ist Platz genug für Waste a Saint. Ausgefeilte Songs und flotte Arrangements innerhalb des Sounds machen „Hypercarnivore“ zu einem unterhaltsamen Album, das bisweilen mächtig abgeht. Die Band hat ganz sicher noch Einiges am Kochen.

Album-Wertung 8 out of 10 stars (8 / 10)

Waste a Saint: Hypercarnivore
Genre: Stoner Rock,
Länge: 38 Minuten, N, 2022
Interpret: Waste a Saint
Album Formate: CD, Vinyl, Ditital
Label: All Good Clean Records
VÖ: 22.04.2022

Besetzung:
Bogey Stefansdottir (Gesang)
Alexander Skomakerstuen (Gesang, Synth & Backing Vocals)
Ole Nogva (Bass, Synth & Backing Vocals)
Vebjørn Numme (Schlagzeug)

Bandcamp –Seite Waste a Saint
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