Die aktuelle Weltlage schlägt mir nicht erst seit gestern auf den Magen. Daher präsentiert brutstatt.de in loser Folge Filmreviews aus dem Archiv, die sich unter dem Motto #WeltImKrieg mit Konflikten und ihren Folgen beschäftigen. Es gibt Filme, die lösen derart körperliches und emotionales Unbehagen aus, dass es kaum zu ertragen ist. Joshua Oppenheimers wichtiger, 2012 veröffentlichter Dokumentarfilm „The Act of Killing“ gehörte definitiv dazu. Auch seine neue Doku „The Look of Silence“, die sich ebenfalls mit dem indonesischen Massenmord aus den 1960er Jahren beschäftigt, entfaltet eine höchst verstörende Wirkung. Der filmische Fokus und auch die Machart von „The Look of Silence“ ergänzen „The Act of Killing“ um die Dimensionen der Überlebenden und der gesellschaftlichen Gegenwart in Indonesien.
Der Indonesier Adi sitzt vor dem Fernseher und starrt schweigend, gebannt, regungslos jene alten Männer an, die 1965/66 bei dem entsetzlichen Massaker an den Kommunisten mitgewirkt haben und sich nun vor laufender Kamera daran erinnern. Der Zuschauer lernt auch Adis Familie kennen: Seine alten Eltern, die in einfachen ländlichen Verhältnissen leben und ihre Existenz noch immer zu verstecken scheinen. Man beginnt zu ahnen, wie sehr die Traumata der Vergangenheit das Leben und auch die Gegenwart der Alten noch immer bestimmen. Ihr Sohn Ramli wurde bei dem Pogrom auf brutale Art und Weise hingerichtet.
Adi hat seinen Bruder nie kennengelernt, wurde erst einige Jahre nach dessen Tod geboren. Adis Kinder lernen in der Schule eine andere Lektion über die politische Säuberungsaktion in den 1960er Jahren: Der Lehrer schmückt die Grausamkeit und Antireligiosität der Kommunisten und die Notwendigkeit sich ihrer zu erledigen anschaulich aus. Und so versteht man, dass Adi versucht, mehr über die Vergangenheit und das, was seiner Familie geschehen ist, zu erfahren. Als mobiler Augenoptiker versorgt er alten Menschen mit Brillen, besucht sie zu Hause, passt ihre Sehstärken an und fragt nach früher. Auch jene Täter, die direkt oder indirekt an der Ermordung seines Bruders beteiligt waren.
Teile des indonesischen Militärs unternehmen am 30. September 1965 einen Putschversuch, für den die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI) verantwortlich gemacht wird. Unter der Führung des Militärs und des Generals Suharto wurden daraufhin von paramilitärischen Milizen und Zivilisten hunderttausende Kommunisten und Sympathisanten regelrecht abgeschlachtet. Der Westen sah duldend weg. Suharto übernahm anschließend auch die Regierungsmacht und in seiner neuen Staatsordnung wurde die politische Säuberungsaktion als Rettung des Vaterlandes verstanden.
Ein mobiler Optiker in Indonesien
Wie schon „The Act of Killing“ verstört „The Look of Silence“ vor allem mit jener lapidaren oder auch stolzen Selbstverständlichkeit, mit der die begangenen Gräueltaten von den Tätern geschildert werden. Anfangs wollen viele der alten Leute von der Vergangenheit nichts mehr wissen wollen. Durch Adis Anwesenheit und seine Fragen, der ihn im Gesprächsverlauf als Angehöriger eines Opfers erkennbar machen, entsteht jedoch ein zusätzliches psychologisches Moment der Täterbefragungen – eines der Konfrontation. Und zugleich sind die Filmmacher in „The Look of Silence“ von Beginn an Teil des Geschehens, wirken als Katalysator. Ohne Kamera, ohne Oppenheimers Thema keine Begegnung von Tätern und Überlebenden; kein Film, der die Frage auszuleuchten versucht, wie es sich als Überlebender in einer auf Lügen und Gewalt basierenden Welt überhaupt leben lässt.
Durch sein filmisches Konstrukt, seine Montage und seine offensichtlich dramaturgischen Elemente heben der amerikanische Filmmacher Joshua Oppenheimer, sein Team und seine anonymen indonesischen Mitstreiter die Ereignisse der „Saison der Hackmesser“ auf eine übergeordnete Ebene und ergänzen so „The Act of Killing“ (den man als Zuschauer nicht kennen muss, um „The Look of Silence“ zu verstehen) um neue, wichtige Perspektiven. Was im Umkehrschluss bedeutet, der Zuschauer muss sich weit mehr mit der Präsentation des Dargebotenen und damit mit der indonesischen Gegenwart auseinandersetzen. Was erzählen die Bilder? Was erzählen sie nicht? Warum bleiben so viele aus dem Filmteam anonym? Warum leben die Täter in Wohlstand? Woher rührt dieses unverrückbare Selbstverständnis der Rechtschaffenheit?
Die Saison der Hackmesser
Dabei zeigt „The Look of Silence“ exemplarisch auch Ursachen auf: Furcht der Überlebenden, Drohung auf Seiten der Täter, Unwissenheit und Verdrängung in deren familiären Umfeldern und über allem noch immer die wirkmächtige Propaganda, die Suhartos Regime über die kommunistischen Teufel in die Welt setzte. Noch bis 1998 ist jede Kritik an der nachweislich verzerrten, offiziellen Darstellung der Ereignisse verboten. Noch heute werden die Überlebenden diskriminiert und die Täter sind noch immer in den Machtstrukturen des Landes zu finden.
Joshua Oppenheimer filmte seit 2001 in Indonesien. Zunächst, um die Arbeitsbedingungen auf einer Palmölplantage zu dokumentieren („The Globalisation Tapes“, 2002). Der Filmmacher wird mit der Furcht auf Seiten der Arbeiter konfrontiert, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Das ist insofern relevant für die beiden folgenden Filme „The Act of Killing“ und aktuell „The Look of Silence“ relevant, weil die „Angst vor Kommunismusverdacht“ eine direkte Folge jenes Massakers von vor 50 Jahren ist.
Für „The Act of Killing“ traf der amerikanische Dokumentarfilmer Joshua Oppenheimer etliche Täter von 1965/66 und lies einige von ihnen ihre Taten schildern und nachstellen. Die erschütternde Wirkung dieser Bilder liegt gerade in der scheinbaren Naivität des Mediums Film und dem krassen Widerspruch zwischen Interviewsituation und menschenverachtenden Gewalt. Schon während Oppenheimer jene Täter seit 2003 ausfindig machte und filmte, hatten Überlebenden darum gebeten, diese Zeugnisse anzuschauen. Daraus entwickelte sich „The Look of Silence“. Diese Dreharbeiten entstanden teilweise parallel zu „The Act of Killing“, teilweise 2012 bevor der Film veröffentlicht wurde, weil sich Filmmacher Oppenheimer bewusst war, anschließend nicht mehr sicher nach Indonesien reisen zu können.
Es ist immer noch nachgerade verstörend und schwer zu ertragen, die ehemaligen Täter reden zu hören. Die geschilderte Bestialität, vor der sich einige seinerzeit schützten, indem sie Menschenblut der Opfer tranken, um nicht verrückt zu werden, bleiben unfassbar. Reue sucht man auf Täterseite weiterhin vergebens, auch wenn man als Zuschauer durch Adis Perspektive versucht, ihr heutiges Verhalten auf irgendeine Weise nachzuvollziehen, zu erklären. Woran sich die Frage anschließt, was der nachgeborene Bruder eigentlich zu erreichen hofft? Schon die bloße Möglichkeit einer Auseinandersetzung über das Massaker an den Kommunisten, über die eigene Geschichte ist am Horizont kaum zu erkennen. Das Schweigen wiegt schwer.
„The Look of Silence“ ist ein ebenso wichtiger Film wie „The Act of Killing“. Beide erzählen auf völlig unterschiedliche, jeweils aber extrem verstörende Weise von derselben Geschichte.
9 von 10
The Look Of Silence
OT: The Look of Silence
Genre: Doku, Politik, Terrorismus,
Länge: 99 Minuten, USA, 2014
Regie: Joshua Oppenheimer
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Koch Media (Plaion Pictures)
Kinostart: 01.10.2015
DVD-VÖ: 28.01.2016



