Holz – Holz: Album Review

Wer sich so bewusst eine eigene Nische sucht, weiß vermutlich, was er will und was er da tut. Insofern jetzt nicht lange um den Elefanten im Raum herumtanzen: Holz sind ein Trio aus Kassel, das Stoner Rock mit deutschen Texten macht. Wer dabei schon abwinkt, ist nicht lange genug Punk gewesen. Wenn’s rockt wie Hölle, achtest du ohnehin nicht mehr auf Wörter. Aber das muss jede:r selbst hören. Ab 18.11.2022 neu bei Tonzonen Records.

Es gibt ja unterschiedliche Arten, wie die Kritikerzunft an die Kulturgüter herangeht. Ich habe Kollegen, die sichten vorab Infos, schaffen sich Referenzrahmen drauf und holen Meinungen von Kollegen ein, um sich dann erst dem Objekt der Begierde zu widmen. Kann man Vorbereitung nennen. Kann man auch lassen.

Ich bin Geograph von Haus aus. Wie die Professoren unermüdlich kalauerten: „Der Geographie Anfang und Ende ist die Anschauung im Gelände.“ Soll heißen, bilde dir selbst eine Meinung. Dafür ist mir mein erster unverstellter Eindruck wichtig. Und bei „Holz“ rappelt es in der Kiste!

Stoner Rock mit deutschen Texten

Zugegeben, anfangs habe ich mit Gesang und Texten gefremdelt. Dann konzentrierst du dich auf die Musik. Und die zieht einfach mit. Ein Album wie aus einem Guss. Druck, Produktion, Flow und auch der Gesang sind eine Einheit, die organisch gewachsen scheint.

Ich stutze dann bei der Bemerkung im Promotext: „2011 gegründet, irgendwann implodiert, jetzt wieder da“. In späteren Durchläufen hört die geneigte Zuhörer:in aber genau das. Holz sind ein klassisches Trio: Schlagzeug, Bass, Gitarre. Gitarrist Leonard Riegel übernimmt auch den Gesang. Die Rhythmussektion aus Basser Blümke und Drummer Nickel ist extrem tight. Die Breaks und Tempowechsel sind auf den Punkt und die Produktion ist erstaunlich satt für ein Debüt. Da sind also gestandene Musiker am Werk, die wissen, was sie da tun. By the Way: beim Label Tonzonen ist auch noch die Band „Das andere Holz“ unterwegs. Nicht verwechseln.

Stoner Rock hat seine innovativen Tage längst hinter sich, doch die Faszination des tiefergestimmten Wüstenrocks ist alles andere als tot. Das haben auch die Kollegen von Samavayo im Frühling 2022 mit ihrem Album „Payan“ eindrucksvoll bewiesen. Tatsächlich klingen „Holz“ durchaus anders und eigen. Was im Wesentlichen dem Gesang und den deutschen Texten geschuldet ist.

Der Dämon ist sofort hellwach

Es liegt in der Natur der Sache, dass der Prophet im eigen Lande am wenigsten gilt. Deutsche Texte in Genres, in denen das unüblich ist, werden kritischer beäugt. Und sicherlich hätte ich als Norddeutscher und Schreiber, die eine oder andere Zeile – unabhängig vom Inhalt – anders formuliert. Aber wtf? Ich bin hier nicht der Künstler. Das Ergebnis überzeugt.

Es beginnt mit dem als Video ausgekoppelten „Nacht“: finster, maelstromartig, mit unerwarteter Beschleunigung und viel Wucht. Sehr drängend, sehr groovy, fuzzy – schön. „Bitte“ startet mit einem Trommelwirbel und ist ein Uptempo-Stampfer, der mit gelungener Dynamik begeistert. Der „Dämon“ erwacht ruhig und atmosphärisch, beinahe bluesig. Daraus wird eine langsame, fette Nummer, die laute und leise Parts abwechselt.

In „50 Meilen geradeaus“ kocht die Verzweiflung hoch und der Protagonist ist auf dem Weg nach unten; oder einfach weg. „Ich komme nicht zurück“. Musikalisch wird das mit psychedelischer Gitarrenarbeit umgesetzt, ohne am Grunddruck zu sparen. „All der Farbe“ mutet instrumental an, weil der Gesang erst nach 2 Minuten einsetzt, wenn andere Bands sich schon längst wieder hingesetzt haben. Erneut ein unerwartetes Momentum in vermeintlich sicheren Hörwelten. „Garten“ ist einfach nur fett und schön. Der Song triggert alle Stoner-Kästchen und sägt sich in die Gehörgänge. Lang und breit und weit. Hier wird kein Schrebergarten besungen sondern ein verlorenes Paradies. Episch.

Von wegen Wartesaal

Im Grunde genommen haben mich „Holz“ jetzt schon, nach gut der Hälfte des Albums. Zwar nicht beim ersten Durchlauf, aber Musik, die schnell hängenbleibt, ist auch schnell wieder vergessen. Holz wächst.

Auf ins letzte Drittel: „Glaube was du willst“ kommt mit weniger Fuzz und Schub daher, ist aber ein starker Rocker mit einer Gesangsmelodie, an der die Zweifler nochmal ihre Kyuss-Kenntnisse abchecken können. „Nichts“ überzeugt mit feister, knarziger Bassline und sicherem Halten der Spannung, darüber thront eine fiese Gitarre. „Warten“ ist ein treibender Rocker mit an Gesang, der an der richtigen Stelle gedoppelt wird, und einem schönen Twist im Text. Dann räumt „Zerstören“ ab und beschließt das Album mit einer aggressiven Wucht, die tatsächlich anders als bisher gehört auf den Punkt kommt. Dann ist Stille…

Im Punk oder im Schlager war es noch nie ein Ausschluss-Kriterium, dass Bands in heimischer Sprache gesunden haben. Der Impuls ist klar und dringlich und trägt definitiv zur besseren Verbindung mit dem Publikum bei. Also was? Es ist auch nicht so, dass die Vocals gegenüber dem Rest abstinken würden. Es liegt in der Natur des Stoner Rock, dass hier keine Heavy Metal Sirene am Start ist und auch keine virtuosen Gesangsmelodien zelebriert werden.

Tatsächlich hört sich die eine oder andere Gesangspassage originalgetreu an wie bei Kyuss und Konsorten. Und denen unterstellt auch keiner, John Garcia hätte es nicht drauf. Die Genresetzungen bei Holz sind so präzise wie der gesamte Auftritt. Bis hin zum „Implodieren“ im Promotext. Treffsicher getextet.

Stimmiges Bandkonzept & schwere Musik

Zwei Bemerkungen zum Cover habe ich dann doch noch. Davon ausgehend, dass Rot-Grün-Blindheit für viele Männer ein Problem darstellt wird beides gleichermaßen „braun“ aka „hautfarben“ gesehen. Farbenblinde fragen sich wahrscheinlich schon, in welchen Sack sie ihre Abstimmungsscherben denn werfen sollen. Wofür wird überhaupt nochmal abgestimmt?

Aber „Ästhetik ist auch Männersache“ wussten schon die Rodgau Monotones auf ihrem legendären Debüt-Album „Wollt ihr Musik oder was“ (1982). Die Herren Holz aus Kassel sind ja schließlich auch Hessen, vielleicht nicht von Natur aus, aber per Standortwahl. Wenn ich mir das irre pinke, limitierte Vinyl von Holz so anschaue, ist jenes der gelindere Augenschmaus.

Ich bin überzeugt. Holz holen die Abrissbirne raus und entfachen einen alles niederwalzenden Wüstensturm. Die deutschen Texte tragen definitiv zur Alleinstellung bei. Es ist vielleicht nicht alles super auf dem titellosen Debut (?), aber alles ganz weit vorne. Vor allem stimmt die Energie und sollte für fulminante Gigs sorgen. Holz hinterlassen mehr als eine Visitenkarte, dies ist ein bleibender Eindruck, der sich in vielfacher Hinsicht ins Hirn bohrt.

Album-Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Holz: Holz
Genre: Stoner Rock
Länge: 43 Minuten, 10 ‚Songs, D, 2022
Interpret: Holz
Label: Tonzonen
Vertrieb: Soulfood
Format: Vinyl, CD, Digital
VAlbum-VÖ: 18.11.2022

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