Ansichten am Donnerstag # 48: Warum ich auch einen Oscar gewonnen habe…

Jetzt noch lange über die Oscar-Verleihung (2010) zu schwadronieren ist definitiv zu spät. Aber darum geht es auch gar nicht. Ich gönne allen Preisträgern ihren Erfolg, und normalerweise interessiert mich das im Wesentlichen aus beruflichen Gründen. Aber bei einem Oscar-Gewinner habe ich praktisch mitgewonnen – Jeff Bridges. Ich bin Oscar.

Erwähnen sollte man vielleicht noch zwei Aspekte, bevor ich meine Lobhudelei starte. Zum einen die historischen Tatsache, dass Kathrin Bigelow als erste Frau den Regie-Oscar gewonnen hat. Zum anderen sollte man vielleicht tatsächlich endlich über eine Änderung der Statuten nachdenken, was den „Auslands-Oscar“ angeht. Nach dem bisherigen Modus dürfen nur Mitglieder abstimmen, die alle fünf nominierten Beiträge auch gesehen haben.

Das führt dann im Zweifelsfall dazu, dass „El Secreto de sus Ojos“ den Preis gewinnt, obwohl sich viele einig sind, dass der nicht in der gleichen Liga spielt wie „Das weiße Band“ und „Un Prophet“. Das ist jetzt kein nationalrevanchistisches Argument, sondern eine Anregung die in amerikanischen Kritiker-Kreisen schon länger kursiert. Um das klarzustellen, ich gönnen den Argentiniern den Preis durchaus.

Academy Award für Jeff Bridges in „Crazy Heart“

Vielmehr gibt es zu der 82. Academy Award Ceremony eigentlich nicht zu sagen, außer dass mit Jeff Bridges nicht nur ein grandioser Schauspieler (auch die Konkurrenz war großartig) ausgezeichnet worden ist. Als Bad Blake spielt er in „Crazy Heart“ vielleicht die intensivste Rolle seiner Karriere; mit so viel Inbrunst und Authentizität, dass man kaum glauben mag, dass Bridges seit 32 Jahren glücklich verheiratet ist. Dass er bei seiner Rollenauswahl nach dem Prinzip vorgeht, er spiele in den Filmen, die er selbst gerne sehen will, nimmt man ihm hingegen sofort ab.

Dabei ist beileibe nicht jeder Film mit Jeff Bridges auch gut, aber er ist immer gut. Darin ähnelt er dem großen französischen Schauspieler Philipe Noiret, der es seinem beruflichen Selbstverständnis schuldig war, alles zu spielen, was ihm angeboten wurde, und der so manchen langweiligen, gar überflüssigen Film mit seiner Darstellung geadelt hat.

Der „Crazy Heart“-Oscar ehrt also nicht nur diese eine Rolle, sondern auch ein bisschen das Außenseitertum, die Verlierer und die Eigenwilligen. Jene, denen Jeff Bridges in vielen, gerade seiner späteren, Rollen ein Gesicht, ein Leben gibt. Das ist der Moment mit dem ich mich als Filmfan identifizieren kann und will. Da bin ich auch für das Mitleiden vor der Leinwand ausgezeichnet worden, da bin ich Oscar. Frei nach der Werbekampagne „Du bist Deutschland“.

Und so bleibt mir nur meine schaurig schrägsten Lieblingsrollen von Jeff Bridges zu erwähnen:

Jack Lucas in „The Fisher King“ (1991), für die unerreichte Arroganz.
Der Dude in „Big Lebowski“ (1998), für den wunderschönen Milchbart.
Noah in „Tideland“ (2005), für die schönste aufgedunsenen Leiche.

Aber dafür gibt’s noch keine Oscar-Kategorien.

Viel Spaß im Kino.

(ursprünglich veröffentlicht bei Cinetrend.de am, 11.03.2010)

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