Mister Miracle: die Quellen der Macht

Wer nicht gerade auf Superhelden-Comics von Beginn der 1970er steht, oder jüngst eher jenseits des Mainstreams in DCs Superhelden-Welt unterwegs war, wird sich wundern, wer denn dieser mysteriöse Superheld „Herr Wunder“ sein soll. Die Sache ist verwirrend, aber aber keine Panik, die Angelegenheit ist schnell geklärt. Mit „Die Quelle der Macht“ legen Autor Brandon Easton und Zeichner Fico Ossio quasi eine „Origin Story“ des neuen „Mister Miracle“ hin. Ein actionreicher Spaß, der es in sich hat.

Mister Miracle“ ist ein weltbekannter Entfesselungskünstler, der zu immer neuen atemberaubenden Stunts und Kunststücken getrieben wird, einfach nur, um den Laden am Laufen zu halten. Die Schattenseite des Erfolgs ist, dass die Verantwortung steigt. Mitarbeiter wollen bezahlt werden, Fanartikel wollen verkauft sein und die Popularität darf keineswegs abnehmen.

Kein Wunder also, dass sich Shilo Norman alias „Mister Miracle“ in Titanketten gefesselt vom Rand der Erdatmosphäre fallen lässt. Was allerdings kaum einer noch auf dem Schirm hat, Mister Miracle ist auch ein Superheld. Als Manager und Freund Vito mit Shilo über schwindenden Beliebtheit redet, eröffnen sich zwei Möglichkeiten, wieder in das Interesse der Öffentlichkeit zu rücken.

Erstens häufiger als Held unterwegs zu sein oder zweitens sich zu demaskieren. Shilo scheut diesen Schritt; auch und gerade, weil er Afroamerikaner ist. Er ist mit den verächtlichen und furchtsamen Blicken der Mitmenschen aufgewachsen, und die Anonymität der Maske gibt ihm Sicherheit und auch Freiheit sich unbeschwert zu verhalten.

Doch dann lernt Mister Miracle die taffe Feuerwehrfrau Denise kennen und Shilo hätte gern ein Date. Da sind dann Verschwiegenheitsklauseln am Werk, die jede Romantik killen. Aber dabei braucht der egozentrische Shilo keine Hilfe. Er verbockt das Date.

Superkräfte um Affen zu unterhalten

Doch Mister Miracle hat kaum Zeit darüber nachzudenken, denn er wird angegriffen. N’vir Free, die Tochter des ehemaligen „Mister Miracle“, Scott Free, und der Göttin Big Barda spricht Shilo das Recht ab, „Miracle“ zu sein und will ihn vernichten. Dazu hat sie auch zombieartige Monster vom Höllenplaneten Apokolipse dabei, die Core.

Spätesten jetzt wird es Zeit in die Herkunft und Ideengeschichte hinter Mister Miracle abzutauchen. Denn sonst greift allgemeine Verwirrung um sich. Anfang der 1970er wechselte das Comic-Genie Jack Kirby von Marvel Comics zu DC. Kirby ist vor allem bekannt für die Helden und Figuren, die er mit Stan Lee erschuf (Fantastic Four, Avengers, Thor, etc.) , aber auch beim großen Konkurrenten war Kirby einfallsreich und fantasievoll unterwegs.

Er schuf eine eigenen Meta-Comic-Welt mit neuen Göttern und Helden, die eigentlich Titanen und Halbgötter sind. Den „New Gods“ war auch ein finsterer Gegenspieler vergönnt, Darkseid. Daneben erschuf Jack Kirby eben auch „Mister Miracle“ einen Entfesselungskünstler mit göttlicher Kraft, die zum Teil aus seiner Herkunft stammt, zum Teil aus einer Motherbox, die „kosmische“ Kraft enthält.

Scott Free war der Entfesselungskünstler, der zum Superhelden wurde. Aber Scott war nicht der erste „Mister Miracle“. Das war Thaddeus Brown. Der wiederum ist der Großvater von Shilo Norman, dem „Mister Miracle“ aus „Die Quelle der Macht“.

Anonymität als die Freiheit unerkannt zu bleiben

Vor ein paar Jahren erweckten Autor Tom King („Strange Adventure“) und Zeichner Mitch Gerards Scott Free in einer abgeschlossenen Serie als Held zu neuem Leben. Erschienen bei Panini in dem Megaband „Mister Miracle: Darkseid ist“. Nun sorgen Brandon Easton und Fico Ossio für die nächste Inkarnation des Wunderknaben. In den USA, wo deutlich mehr Titel und Serien bei DC erschienen, sind die „Mister Miracle“ und die anderen Kirby Erfindungen deutlich plausibler in das DC Universum eingebunden als hierzulande. Siehe dazu auch Wonder Woman 5 „Kinder der Götter“. Die Leserschaft wurde dort schon portionsweise mit dem Kirby Kosmos vertraut gemacht.

Bei uns verlegt Panini nicht immer alle Titel, weil es dafür schlicht keine interessierte Leserschaft gibt. Abseits vom Superhelden-Mainstream wird es ohnehin etwa spezieller. „Die Quelle der Macht“ hat die Möglichkeit eine Brücke zu bauen. Auch das macht den Titel so interessant.

Das Artwork ist durchaus gefällig. Sehr muskulös und sehr actionbetont. Da gibt es viele Effekte und Splashpages, Sounds und Lichtreflexe. Kaum eine Seite, die ohne Explosionen auskommt. Das Paneling ist dabei variabel und abwechslungsreich, der Seitenaufbau aber immer nachvollziehbar und gut zu lesen.

Action, Jackson

Die Farbgebung ist schon recht bunt, aber oft auch sehr düster und mit dunkeln Hintergründen versehen. Die Rückblende von Thaddeus bespielweise nimmt dann die Körnigkeit alter Zeitungscartoons auf. Die Charaktere von Fico Ossio sind gefällig und charmant und erstaunlich ausdrucksstark. Insofern ist das Artwork schon mal die halbe Miete und hilft auch über Untiefen in der Geschichte hinweg.

Brandon Easton ist zwar ein kluger Autor, aber es ist immer schwierig einen Charakter vorzustellen, der eine bekannte Heldenrolle übernimmt. Das schwingt immer die Erwartungshaltung der Leserschaft an den Vorgänger mit und das ist ein Pfund, mit dem die Künstler wuchern müssen. Denn so populär wie „Mister Miracle“ in den Geschichten bereits ist, ist er bei der aktuellen Leserschaft keineswegs.

Dabei zudem noch neue Impulse zu setzen ist durchaus kompliziert. Die afroamerikanische Identität Shilos mag ein wenig den Zeitgeist oder die Forderung nach Diversität widerspiegeln. Die Frage der Demaskierung ist tiefergehend. Bei Marvel gab es darüber einen Heldenkrieg („Civil War“) mit etlichen Handlungssträngen und tiefgreifenden Konflikten. Hier nun muss „Mister Miracle“ nicht nur zwischen Berühmtheit und Privatleben abwägen, sondern auch zwischen Macht und Freiheit. Das ist schon spannend und klassischer Superhelden-Stoff. Warum sich Panini Entschlossen hat, den Originaltitel „Source of Freedom“ mit „Preis der Macht“ zu übersetzen, mag sich jede:r selbst fragen.

„Mister Miracle“ wird wohl auch in der Wiederbelebung seiner zweiten (oder dritten, wie aufmerksame Leser:innen wissen) kein super populärer Held bei DC werden. Aber gerade darin liegt der Charme dieser abgeschlossenen und modernen Superhelden-Story. Es geht um Identität, Herkunft und darum, die Macht vor den Bösen zu beschützen. Der Zeichenstil und die Farbgebung der turbulenten, in sich abgeschlossenen Geschichte ist sehr dynamisch und kraftvoll. Das macht schon Spaß.

Comic-Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Mister Miracle:Die Quelle der Macht
OT: Mister Miracle – The Source of Freedom 1-6, DC Comics, 2021-22
Genre: comic, superhelden
Autor: Brandon easton
Zeichenr: Fico Ossio
Farben: Rico Renzi
Übersetzung: Jörg Fassbender
Verlag: Panini Cimics, Softcover, 156 Seiten
VÖ: 13.09.2022

Mister Miracle- Quelle der Macht bei Panini Comics
Mister Miracle in der englischen Wikipedia

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