Future Jesus & the Electric Lucifer: Kosmo Cure

Das Konzept des Kölner Trios „Future Jesus And The Electric Lucifer“ ist ziemlich abgefahren und mischt unter den Vorzeichen progressiver Sounds so ziemlich jede Stilrichtung, die nicht bei drei auf dem Baum ist. Ende April im Selbstverlag veröffentlicht und bei Timezone vertrieben ist „Kosmo Cure“, das zweite Album von „Future Jesus & the Electric Jesus“. Die Frage bleibt: Wer ist „And“?

Sorry für den dusseligen Scherz, der sich anbietet, wenn einTrio sich nach zwei Gestalten benennt und sich auch optisch dem kauzigen Humor verschrieben hat. Mir scheint das Futuristische in dem optischen Konzept ist irgendwo zwischen Monty Python und dem absurden russischen Sci-Fi-Film „Kin Dza Dza“. Hier trifft Dada auf Mad Max, insofern ist die Versuchung der biblischen Heilsgestalt durch den gefallenen Erzengel durchaus einprägsam.

Wichtig bleibt am Ende die Musik, und die hat es in sich. „Future Jesus & the Electric Lucifer“ bestehen seit 2015 und aus drei Musikern: Florian Hoheisel an Gitarre und Synthie, Richard Eisenach am Bass und Tammo Nüßler am Schlagzeug. Wobei gerade im Beat-Bereich ziemlich viel Elektronik zum Einsatz kommt, so dass wohl auch ein Anteil Programmierung zum Tragen kommt. Ach ja, Gesang im eigentlichen Sinne gibt’s keinen. Dafür aber diverse Sprach-Samples.

Alle drei sind gestanden Musiker und auch mit anderen Outfits unterwegs gewesen. Ich könnte jetzt aufgrund des Crossover-Ansatzes, der keine Sperrzonen kennt, eine geistige Nähe zu Tschaika 21/16 herstellen, aber das wäre wenig zielführend, weil die musikalischen Referenzrahmen zu unterschiedlich sind.

Versuchungen in der futuristischen Klangwüste

Worum geht’s also bei „Future Jesus & The Electric Lucifer“? Im Grunde genommen wird hier progressiv verschachtelt abgerockt, wobei sich die Band mit ihren Breaks, Wechseln und Verschleppungen gelegentlich auch schon mal selbst im Weg steht.

Das Promomaterial nennt Krautrock und Electro der Marke Daft Punk als Ansatzpunkte und liegt damit nicht weit entfernt, allerdings haben gerade Daft Punk schon den „Vorteil“, insgesamt deutlich tanzbarer zu sein. Eben weil nicht ständig progressive Temposchübe und Seitenpfade betreten werden.

Wie auch immer, die Ausrichtung ins Elektronische und auch die tanzbaren Beats wissen zu gefallen. Da hätte ich auf ein paar Prog-Elemente verzichten können. Wären da mehr und längere Dancefloor-kompatible Strukturen vorhanden, es ließe sich trefflich abfeiern, quasi raven. So scheint der Elektroluzi gelegentlich Stromstöße zu kriegen, die zu unkontrollierten Zuckungen führen. Aber langweilig wird es auf den 41 Minuten von „Kosmo Cure“ auf gar keinen Fall.

Ein Album in acht Kapiteln

Das Album beginnt mit „Rocket“ (auch als Video ausgekoppelt) und geht schon tanzbar los in den Weltraum. Doch bevor sich die Hörerschaft eingrooven kann, ist schon das erste Break am Start, lässt die Rakete doch nicht komplett abheben. Dann geht es dekonstruiert weiter und fiept und krautet ordentlich.

„The Blue Star“ wäre eigentlich das Ziel der Rakete gewesen. Die dortige Bewohnerschaft feiert heftige Dub-Sounds, die dem Unitone Label in den Neunzigern feist zu Gesicht gestanden hätten. Doch erneut ändert sich die Oberfläche des neuen Planeten und wird elektronische düster und ambient, ohne gänzlich untanzbar zu werden. Mir kommt da „The Future Sounds of London“ in den Sinn. Insbesondere das noch immer empfehlenswerte Album „Dead Cities“ (‚96).

Song Nummer drei „Different Wavelength“ surft tatsächlich eine andere Welle und geht ordentlich in Richtung französisches Electro-House à la Daft Punk. Da geht’s dann noch ab und wird weiter hinten gehörig vertrackt. Schade, um den potentiellen Hit. Allerdings, und nur dass das klar ist, mir gefällt auch das Abseitige, Dekonstruierende der Band.

„Station 5“ fängt locker mit klarer Gitarre an, wird dann aber finsterer und entwickelt einen Beat, der letztlich sogar in Uptempo-Rhythmik verfällt. Dabei wird das Gegniedel ziemlich penetrant, etwas irre und proggig. Das muss man wollen.

Wenn das dritte Augen nicht mehr ausreicht

Wenn die Band als nächstes mit „4Th Eye“ einen Elektrofunk zelebriert, schmeißt mich das schon ordentlich aus dem Flow. Mag erneut Absicht sein, aber „4th Eye“ fremdelt ein bisschen mit den restlichen Songs. Wobei es nach dem fast obligatorischen Break dann auch wieder eher westernartig weitergeht.

„Weatherstone“ verwittert dann fast klassisch gitarrenlastigen Prog-Rock Gefilden. Ich kann nicht behaupten, dass die Gitarrenarbeit abwechslungsreich wäre, aber es entwickelt sich durchaus ein fast hypnotischer Sog aus den vermeintlich schlichten Gitarrenfiguren. Stimmiges Lied, das mich auf irgendeine Weise an die Holländer „Kong“ erinnert. Das Quartett wird bei Wikipedia zwar als Prog-Metal geführt, aber ich habe da von diversen Gigs, die „quadrophonisch“ vorgetragen wurden, deutlich tanzbare und technoide Elemente im Gehörgang.

Heilung aus dem Weltraum

Der Titelsong „Kosmo Cure“ wabert sich durch ein „In the Beginning“ –Sample, steigert sich von Ambient Electronic zu Jungle und kommt einem „Sound-Manifest“ der Band vielleicht am Nächsten.“Kosmo Cure“ ist ebenfalls als Video ausgekoppelt. Zum Abschluss gibt es dann noch eine eher abseitige Nummer. „Inner Monolog“ mag die tonale Umsetzung eines solchen sein, und wo eine Oper mit einer Overtüre startet, die die Themen des Abends schon mal anreißt, fasst dieser Abschluss-Song nochmal die ganzen unterschiedlichen Aspekte der Musik von Future Jesus & the Electric Lucifer zusammen.

Alles in allem ist „Kosmo Cure“ durchaus vielschichtig und abwechslungsreich angesiedelt und wer seine Musik mit einem ordentlichen Weirdo-Anteil mag, sollte ein Ohr riskieren. Ich habe das Gefühl, auf den Bühnen der Republik könnte „Future Jesus & the Electric Lucifer“ für Remmi-Demmi sorgen. Auf Tonträger ist mir das eher zu überladen. Weniger mag bisweilen mehr sein, in dem Sinne, dass mit dem diversen Teilen innerhalb einzelner Songs auch immer ein bisschen Flow flöten geht. Und auch wenn das Trio vielleicht andere Absichten hat, ganz stark sind FJEL vor allem wenn es groovt wie Hölle.

Album-Wertung: 7

Future Jesus & the Electric Lucifer: Kosmo Cure
Genre: Progressive, Electro, Rock
Länge: 14 Minuten, D, 2022
Interpret: Future Jesus & the Electric Lucifer
Label: DIY
Vertrieb: Timezone Distribution
Format: CD, LP, Download
Album-VÖ: 22.04.2022

Bandseite
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FJ&EL bei Bandcamp

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