Wüstenblume: Afrikanisches Trauma

Da ich vor ein paar Tagen einen Film von Sherry Horman vorgestellt habe, kam mir Wüstenblume ins Gedächtnis. Aus dem Archiv die sehenswerte Verfilmung der Lebensgeschichte von Warie Dirie von 2009. Biografische Filme sind immer risikobehaftet, der Grat zwischen dokumentarischer Genauigkeit und funktionierender Filmhandlung ist schmal und manch einer stolpert unterwegs. Umso lobenswerter, dass „Wüstenblume“ die richtige Mischung findet und trotz Massenkompatibilität das Anliegen des Films eindringlich vermitteln kann.

Waris Dirie, auf deren gleichnamiger Biografie „Wüstenblume“ fußt, hat ein bewegtes Leben gelebt: Sie ist als Nomadenkind ((Soraya Omar-Scego spielt die junge Waris) in Somalia aufgewachsen und aus der Familie ausgebrochen, als sie verheiratet werden sollte. Doch die Flucht zur Großmutter nach Mogadischu treibt sie nur in eine neue wirtschaftliche Abhängigkeit. Sie lebt als Hausangestellte bei ihren Verwandten in der somalischen Botschaft in London; zurückgezogen, beinahe eingesperrt.

Als der Bürgerkrieg in ihrer Heimat ausbricht, entschließt sich Waris (Liya Kebede), obwohl mittellos und der englischen Sprache nicht mächtig, nicht zurück nach Somalia zu gehen, sondern ihren eigenen Weg zu gehen. Als illegale Einwanderin schlägt sie sich in London halbwegs durch. Durch die zufällige Bekanntschaft mit der Verkäuferin Marylin (Sally Hawkins), die noch immer von einer Karriere als Tänzerin träumt, findet Waris eine Bleibe und einen Job als Reinigungskraft in einem Fast-Food-Restaurant.

Dort wird der Fotograf Terry Donaldson (Timothy Spall) auf sie aufmerksam, doch Waris kann mit dem Angebot zunächst nichts anfangen. Als sie sich schließlich entschließt, sich fotografieren zu lassen, beginnt für Waris die steile Karriere als Model.

Soweit der Haupterzählstrang des Films, der immer wieder von Rückblenden in die Kindheit des Nomadenmädchens unterbrochen wird, dass als Kind eine bei den Nomaden übliche Genitalbeschneidung mitmachen musste. Erst als junge Frau in London, ausgelöst von Marylins offener Art, dämmert Waris, dass ihr Schicksal nicht alltäglich ist, sondern ein unmenschlicher Gewaltakt im Namen althergebrachter Sitten.

Mit der eigenen Unabhängigkeit und dem wachsenden Erfolg wächst auch Waris‘ Lebendigkeit und Individualität und sie entscheidet sich am Ende, ihre Genitalverstümmelung öffentlich zu machen. Durch diesen mutigen Schritt wird das Topmodel zu einer engagierten Streiterin gegen diesen unmenschlichen Ritus, der nicht nur von den Vereinten Nationen als Menschenrechtsverletzung angesehen wird.

Sherry Horman („Altes Land“), die in „Wüstenblume“ Regie führt, hat die Autobiografie selbst in ein sensibles und gleichzeitig unterhaltendes Drehbuch umgewandelt, das sich dem Trauma der Hauptperson stetig nähert, dabei aber nie die Persönlichkeit und Stärke der Frau aus dem Auge verliert. Der Zuschauer wird eher sanft und in Schüben in den Schrecken gezogen, der zwar die wichtige Aussage des Films ausmacht, aber nie über die Lebenskraft der Waris Dirie dominiert. Letztlich entsteht so das stimmige Portait einer starken Frau.

Dass der Film über weite Strecken lebensfoh und leicht erscheint, liegt auch an der Figur der Marylin, die Waris eine innige Freundin wird. Durch ihren schnodderigen Ton und ihre lebenslustige Bodenständigkeit wirkt sie wie das Gegenteil der ruhigen, anmutigen und verunsicherten Waris. Sally Hawkins („Happy Go Lucky“, „Maudie“) verkörpert das unglaublich charmant und mitreißend. Bleibt nur zu hoffen, dass die deutsche Synchronisation dieser Schnoddrigkeit gerecht wird.

„Wüstenblume“ ist ein sehenswerter Film, der durch Atmosphäre und eine gut erzählte Geschichte überzeugt. „Wüstenblume“ ist aber auch ein wichtiger Film, gerade weil er auf ein „Mainstream“-Publikum zielt und so viele Menschen auf eine Menschenrechtsverletzung stößt, die immer noch in vielen Kulturen gängig ist.

Film-Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

„Wüstenblume“
OT: Desert Flower
Genre: Biographie, Drama,
Länge: 120 Minuten
Regie: Sherry Horman
Darsteller: innen: Liya Kebede, Timothy Spall, Sally Hawkins
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Majestic, 20th Century Fox
Kinostart: 24.09.2009
DVD-& BD-VÖ: 26.03.2010

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