Effigie – Das Gift und die Stadt: Mäusebutter

Als im Jahr 1831 in der Hansestadt Bremen die letzte öffentliche Hinrichtung vollstreckt wurde, wurde die Giftmörderin Gesche Gottfried enthauptet. In seinem Debütfilm „Effigie – Das Gift und die Stadt“ nähert sich Regisseur Udo Flohr dem todbringenden Wirken des „Engels von Bremen“ und erzählt auch vom Aufbruch in die Moderne.

Im Jahr 1828 tritt die junge Gerichtsprotokollantin Cato Böhmer (Elise Thiemann) ihre Stelle beim Bremer Justizsenator an. Doch jener Senator, der sie postalisch eingestellt hat, weilt inzwischen in Brasilien. Der Nachfolger, Senator Droste (Christoph Gottschalch) muss erst überzeugt werden, die junge Frau auch zu beschäftigen.

Gleich die erste juristische Untersuchung führt die junge Protokollantin zusammen mit dem Kommissar Tonjes (Uwe Bohm) in das Haus des Bürgers Rumpf. Dort ist scheinbar Arsenik auf einer Speckschwarte gefunden worden und die Haushälterin Gesche Gottfried (Suzan Anbeh) wird verdächtigt, den Hausherrn vergiften zu wollen.

Der Kommissar ist leere Anschuldigungen gewohnt und tut das Gift als leichtfertig ausgebrachte Mäuseköder ab. Protokollantin Cato unterhält sich mit der attraktiven Haushälterin, die darauf besteht, im Justizgebäude eine Aussage zu machen, damit die Rufschädigungen ein Ende haben. Stattdessen mehren sich Catos Zweifel an der Rechtschaffenheit der ehrbaren frau Gottfried. Die hat zwar ein Herz für die Armen und Bedürftigen der Stadt, aber die Witwe hätte auch ein Motiv, schließlich war sie bis zum Tode des Gatten die Hausherrin in der Peltzerstraße, wo nun der Rademacher lebt.

Senator Droste hat derweil noch ganz andere Interessen im sinn als die Todesfälle. Er will Bremen eine Eisenbahnlinie verschaffen. Der Senator argumentiert, die Bahn würde dem neugegründeten Bremerhaven zu einer stärkeren Wirtschaftskraft verhelfen, während Kapitän Ehlers (Roland Jankowsky) weiter auf die bewährte Binnenschifffahrt setzt – und eine eigene Schifffahrtsgesellschaft begründen will.

Man möchte meinen, dass hochgiftige, gar tödliche Substanzen in einer Stadt schwer zu beschaffen wären, sofern sie nicht direkt aus der Natur geerntet werden. So geht auch der Forensiker Dr. Hoffschläger davon aus, dass „Mäusebutter“, der gebräuchliche Fraßköder für Kleinsäuger, nur in einer Apotheke und nur gegen eine entsprechende Berechtigung erhältlich sei. Im historischen Bremen ist das nicht der Fall. Die Mäusebutter ist frei verkäuflich beim Lebensmittelhändler zu erwerben.

Das Gemisch aus Schmalz und Arsen ist schon in geringen Dosen tödlich und als Arznei oder Rauschmittel nur mit äußerster Vorsicht zu genießen. Nun zeigt sich, dass Frau Gottfried scheinbar großen Bedarf an Mausebutter hat. Das ließe sich freilich harmlos begründen, nährt aber auch die Verdachtsmomente gegen die attraktive alleinstehende Frau, die bereits einige Ehegatten überlebt hat.

Der Fall der Gesche Gottfried, der Giftmischerin von Bremen, ist historisch belegt. Ihr werden 15 Giftmorde zugeschrieben. Der Autor Peer Meter beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der historischen Figur und hat sie in Sachbüchern, einer Graphic Novel und einem Theaterstück verewigt. Dieses Theaterstück, das ausschließlich im Verhörraum spielt, ist neben den historischen Prozessakten die Grundlage für Udo Flohrs Spielfilm-Debüt „Effigie – Das Gift und die Stadt“.

Die Adaption ergänzt noch stadthistorische Aspekte und die Erzählperspektive einer weiteren Frau, der Protokollantin. Das Theaterhafte kann und will „Effigie“ nicht ganz ablegen und es kommt der unabhängigen Finanzierung insofern entgegen, als dass Abstriche in der Ausstattung und im Setting notwendig waren. Ein historisch gelungenes Zeitbild entwirft das Drama dennoch. Allerdings fehlt dem Kammerspiel häufig jene Bildmächtigkeit, die eine Kinoleinwand rechtfertigt.

Inhaltlich wirkt der Modernisierungskonflikt zwischen Schifffahrt und Eisenbahn ein wenig überzogen und entwickelt sich eher parallel zur Kriminalhandlung als darin verzahnt. Dass die junge Protokollantin die Erzählperspektive und im Grunde auch die Ermittlungen vorantreibt, gibt dem historischen Krimi-Drama eine moderne Ausrichtung, die ebenso gewinnende wie enervierende Momente hat.

Grundsätzlich ist die Idee, diesen Konflikt zwischen zwei Frauen auszutragen, ziemlich gelungen und im Rahmen eines unaufgeregten Psychogramms sehenswert ausformuliert. Thrillerartige Spannung kommt in dem historischen Kriminalstück nicht auf, dessen sich bereits Rainer Werner Fassbender in Theaterstück und Film annahm, um es emanzipatorisch auszudeuten.

Effigie – Das Gift und die Stadt“ portraitiert die Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried und die Bemühungen ihr auf die Schliche zu kommen. Das Filmdebüt ist zwar etwas gemächlich inszeniert, hat aber durchaus sehenswerte Elemente und ein gutes Ensemble zu bieten.

Film-Wertung: 5 out of 10 stars (5 / 10)

Effigie – Das Gift und die Stadt
OT: Effigie – Das Gift und die Stadt
Genre: Drama, Historie, Bio-Pic
Länge: 85 Minuten, D, 2019
Regie: Udo Flohr
Darsteller:innen: Suzan Anbeh, Elisa Thiemann, Christoph Gottschalch, Uwe Bohm,
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Geek Frog,
Kinostart: 20.01.2022

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