Desertrain: Grunge Locomotive

Das Album „Grunge Locomotive“ der polnischen Hard Rocker „Desertrain“ fliegt auch schon ein paar Monde bei mir herum. Das ist einzig der Tatsache geschuldet, dass sich der VÖ hierzulande wiederholt verschoben hat. In Polen wurde die Scheibe bereits veröffentlicht, veraltet hören sich „Desertrain“ aber keineswegs an. Wer auf klassischen Hard Rock mit moderner fetter Produktion steht, ist hier richtig.

Ich gestehe, meine erste Begegnung mit dem Album des polnischen Quartetts (?) war ein Missverständnis. Ich sah die Lok auf dem Cover, las nur flüchtig drüber und war schon bei Desert Train gelandet. Ist selbstredend nicht richtig wie der erste Track dann klarstellt. Ein weiteres Missverständnis liegt in dem unbedarften Gebrauch des Rock-Schlagworts Grunge, wo die Band sich selbst zuordnet, und der Wüstenanspielung zur Stoner-Szene. Mit beiden Sounds haben die vier aus Wroclaw, was in unserem Sprachraum noch unter der Bezeichnung Breslau bekannt ist, zwar Überscheidungen, aber auch nicht mehr.

Alice in Chains, deren Sound man/frau hie und da heraushört, sind beziehungsweise waren ja auch nur in dem Sinne eine Grunge Band als dass Promoter die Seattle Szene vermarkten wollten. Sicher hatte ihr Heavy Rock eine Slacker-Attitüde, aber letztlich haben „Desertrain“ weder mit Nirvana noch mit Mudhoney klangliche Gemeinsamkeiten. Nicht mal mit den Screaming Trees. Auch egal. Desertrain stehen für sich selbst, sind keineswegs rückwärtsgewandt und rocken solide ab.

Es wird beinahe klassischer Hard Rock moderner Ausprägung geboten, da fallen mir als Referenzen vielleicht Lonely Camel, The Temperance Movement, Rival Sons ein, oder aber Supergroups wie die Dead Daisies, Blackstar Riders und Chickenfoot. Wer mit diesen Sounds etwas anfangen kann, der sollte bei dem wuchtig und klar produzierten Debüt „Grunge Locomotive“ mal ein Ohr riskieren, es lohnt sich.

„Desertrain“ haben „Grunge Locomotive“ bereits 2020 aufgenommen und in den GriMonD Studios eingespielt. Da hat die Band dem Studio auch gleich einen Song gewidmet und auch als Video verbraten. Leichte Riffing-Anklänge an Guns’n’Roses lassen sich da ausmachen und die gesangliche Nähe zum verstorbenen Alice in Chains Sänger Layne Staley ist in Passagen erneut deutlich zu hören.

Auch im Opener „Desert Rain“ erinnert einiges an die alten Seattle-Recken AIC: Gesangs, schweres Geriffe und schleppende Rhythmus. Da können Hörer:innen schon auf dem Grunge Zug aufspringen. Aber bereits „White Moon“ zeigt dann andere Einflüsse, die eher im schweren bluesigen Rock liegen als in der Stoner-Schiene laufen.

Track drei, „Psycho“, ist basslastig und schwer und bedient eine erdigen Biker Rock, anschließend macht „Between the Mountains“ einen amtlichen Stampfer klar und lädt zum Headbnangen ein. „Frustration“ macht sich hier absolut nicht breit, vor allem wenn der Sänger mal eine anders kolorierte Rockröhre rausholt. Es geht was im Hause „Desertrain“.

Zwar sind die meisten Songs im gehobenen Midtempo-Bereich angesiedelt, was zu einer gewissen Eintönigkeit führt, aber die Tracks sind nicht nur gut produziert, sondern auch stark eingespielt und lassen eindeutig Potential aufblitzen. „Burn Again“ klingt moderner, ist aber beileibe kein Nu Metal, „To the End“ wartet wieder mit wahrlich coolen, rauen Vocals auf und „Distance“ reitet voller Selbstvertrauen auf einem epischen Hard Rock Riff. Am Ende macht dann die neunminütige Powerballade „No Name Moment“ den stimmigen und atmosphärischen Ausklang für ein ziemlich gelungenen Hard Rock Album klar.

„Desertrain“ haben noch mit einigen Startschwierigkeiten zu kämpfen. Eine schlichte Facebook-Präsenz ist ja schon mal ganz schön, aber Infos zur Bandhistorie wären hilfreich. Es scheint sich um ein Quartett zu handeln, aber im „Grimond“-Video sind 5 Musiker zu sehen. Gab’s da Gastarbeit oder eine neues Bandmitglied? Auch der Vertrieb hierzulande scheint noch nicht so recht geregelt zu sein. Momentan sieht‘s so aus, als wolle die Band das Album selbst vermarkten, aber dann wäre Verfügbarkeit beim Online-Händler oder auch eine Bandcamp-Seite empfehlenswert. Gerade in einem Musik-Segment, das wie kaum ein anderes noch immer auf physische Tonträger setzt. Ich meine mich zu erinnern, dass schon mal ein Label am Start war… Wie auch immer, da ist noch Luft nach oben bezüglich der Präsentation und der musikalischen Variabilität.

Bleibt abschließend eigentlich nur noch zu bemerken, dass „Desertrain“ sicherlich eine starke Live-Band sein können. Erst dort zeigt sich die eigentliche Qualität, die Energie eines musikalischen Outfits; zumindest im gitarrenorientierten Rockbereich. So richtig auf Angriff stehen die Zeichen in Sachen Tourplanung zwar Pandemie-bedingt noch immer nicht, aber irgendwann geht’s wieder los.

Die polnische Band „Desertrain“ legt mit „Grunge Locomotive“ ein amtliches hartes Rockalbum vor, das irgendwo einige Neunziger-Bezüge hat, aber schon modern und zeitgemäß rüberkommt. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Die schlichten Lyrics werden der Band verziehen, heimatsprachlicher Hardrock verkaufte sich schon immer schlecht. Ab auf die Bühne, Erfahrung sammeln.

Album-Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

Desertrain: Grunge Locomotive
Genre: Hard Rock, Grunge, Stoner
Länge: ca 45 Minuten, Pl, 2020
Label: Grimond Records
Vertrieb: k. A., Eigenvertrieb
VÖ: 21.01.2022

Desertrain bei Facebook
GriMonD Studio

Desertrain bei youtube

Desertrain: Damian Kikola (vocals), Piotr Piter Bielawski (guitar), Szymon Sajmoon Makowiecki (bass), Lukasz Roman Romanowski (drums)

„Grunge Locomotive“ Tracklist:
Desert Rain, White Moon, Psycho, Between the Mountains, Frustration, Grimond, Burn Again, To The End, Distance, No Name Moment

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