Der junge Inspektor Morse – Staffel 7: Aufrecht oder krumm?

Mit der siebenten Staffel der britischen Krimi-Erfolgsserie „Der Junge Inspektor Morse“ blickt nicht nur Endeavour Morse auf ein neues Jahrzehnt. Die 1970er beginnen für Morse mit Urlaub in Venedig und einer opernhaften neuen Liebe. Dafür läuft es im Job so ganz und gar nicht. Doch das finden die geneigten Fans am besten selbst heraus. Zeitgleich mit der Binge-Ausstrahlung der siebenten Staffel auf ZDFneo veröffentlicht Edel Motion „Der junge Inspektor Morse Staffel 7“ als DVD für das Home-Entertainment.

Doch vor das Vergnügen hat der Rezensent die Pflicht gestellt und verweist an dieser Stelle erneut auf die Herkunft und die Eckdaten dieser seit 2012 laufenden Erfolgsserie. Wer da keine Infos braucht, mag die drei folgenden Absätze überspringen., Wer es genauer wissen will, fängt vielleicht zum Einstieg mit der Rezension von „Der junge Inspektor Morse Staffel 1“ an.

Die Serien-Hintergründe

„Der junge Inspektor Morse“ (OT: „Endeavour“) bezieht sich auf die Anfänge der Polizeikarriere des weltbekannten Ermittlers Endeavour Morse. Der mehrfach mit Preisen ausgezeichnete, 2017 verstorbene Krimi-Autor Colin Dexter schilderte Morse in etlichen Romanen als reifen Kriminalbeamten. Aus der erfolgreichen TV-Serie „Inspector Morse“ ging das Spin-off „Lewis – Der Oxford-Krimi“ hervor, in dem Morses ehemaliger Assistent Lewis nun als Inspektor ermittelt. Auch dieses Serienhighlight des klassischen „Who Dunnit?“ (Wer war’s?) ist inzwischen in Rente geschickt und liegt bei Edel Motion als Komplett-Box vor.

„Endeavour“-Drehbuchautor Russel Lewis führt die Tradition der klassischen Krimisaber fort, die in der Hochschulstadt Oxford spielen, indem er ab 2012 eine junge Version des erfolgreichen Ermittlers erdacht, alles mit Segen des Autors, der in Hitchcock-Manier noch bis zu seinem Tod noch in den Episoden aufzutauchen pflegte. Die Staffeln bestehen zumeist aus vier spielfilmlangen Folgen, die jeweils einen Kriminalfall enthalten. Zuschauer:innen können also bedenkenlos jederzeit einfach einsteigen und einschalten, aber es macht wesentlich mehr Spaß, wenn man die vorangegangenen Entwicklungen auf der Dienststelle und in den Privatleben der Charaktere kennt.

Das Stamm-Personal in „Der junge Inspektor Morse“ ist bis zur aktuellen siebenten Staffel weitgehend gleichgeblieben. Allerdings haben die Ereignisse der sechsten Staffel, in der es auch darum ging die Dienststellen von Oxford Stadt und Landkreis endlich zu fusionieren, Morse inzwischen in eine Außenseiterrolle getrieben, in der er wiederholt mit seinem Beruf hadert. Zwischenzeitlich hatte sich der junge Detective Sergeant (DS) Morse in eine Provinz-Dienststelle versetzen lassen. Und mit den Kollegen von der Landkreisdienststelle hatten die Oxford City Jungs mächtig Knatsch. Soviel zur Vorgeschichte. Auf in die wilden 1970er.

Orakel“

Im Staffelauftakt der siebenten Saison von „Der junge Inspector Morse“ verbringt Endeavour Morse (Shaun Evans) den Silvesterabend stilvoll in der Oper von Venedig. Während der Aufführung von „Die Braut des Dämons“ nimmt der Polizist eine einsam wirkende Schönheit wahr, die im Balkon schräg unter ihm sitzt. Daraus wird eine nicht so zufällige Bekanntschaft und eine heftige Romanze.

Währenddessen hat es Detective Inspector Fred Thursday (Roger Allem) in „Orakel (OT: „Oracle) mit einem Mord am Kanal zu tun. Scheinbar hat ein pfeifender Mörder sich an einer jungen Frau vergangen, die auf dem Heimweg war. Thursday verdächtigt den Freund des Mädchens und DS Strange (Sean Rigby) ist mit der scheinbaren Überführung des alibilosen Täters einverstanden. Ganz anders Morse als er aus dem Urlaub wiederkommt. Morse stimmt keineswegs mit Thursdays Schlussfolgerungen überein.

Wochen später gibt es ein weiteres weibliches Opfer. Als für ein neues Bildungsformat beim Fernsehen Moderatoren gesucht werden, wird auch eine aussichtsreiche Kandidatin tot aufgefunden, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitet. Am Institut forscht man nach übersinnlicher Begabung und eine der Probantinnen scheint den ersten Mord „gesehen“ zu haben. Fragt sich, wie belastbar solch eine Zeugenaussage ist? Morse geht jedem Hinweis nach und lernt dabei auch den keineswegs britischen Gentleman Ludo Talenti kennen. Es scheint, als bahne sich da eine neue Freundschaft an.

Insgesamt beginnt das neue Jahrzehnt für die Polizisten in Oxford ausgesprochen finster. Das toppt sogar noch die düstere sechste Staffel. Was nicht nur an den fürchterlichen Gewalttaten liegt, sondern auch an der unterkühlten Stimmung auf der Wache. Shaun Evans führt auch Regie und das Drehbuch legt einige Handlungsstränge und Möglichkeiten an, die im Laufe der Staffel, die (eventuell) pandemiebedingt, nur drei Fälle enthält. Die Ufermorde sollen die Polizei über die gesamte Staffel beschäftigen. (8/10)

Lieferservice“

Zunächst aber bekommt es Oxford in „Lieferservice“ (OT: „Raga“) mit einem Fall von Rassismus zu tun. Auf den Straßen der Universitätsstadt herrscht neuartiger und rabiater Wahlkampf. Die kurzgeschorenen und Hosenträger-tragenden Anhänger eines konservativen Politikers wettern lautstark gegen farbige Einwanderer aus anderen Teilen des Empire, die ihnen die Arbeit rauben würden.

Dann verschwindet einer der Betreiber eines pakistanischen Restaurants mit Lieferservice auf einer abendlichen Tour und wird kurz darauf tot aufgefunden. Absurderweise wurde der Mann zu einer Adresse gerufen, die es gar nicht gibt. Ein telefonisches Missverständnis, oder eine bewusst gestellte Falle?

Morse legt sich nicht nur ständig mit Thursday an, dessen Integrität er anzweifelt, sondern fällt auch bei Polizeichef Bright (Anton Lesser) in Ungnade, weil Morse in der Ufermörder-Sache für Verwirrung sorgt. Während Brigth sich zunehmend um die Gesundheit seiner krebskranken Frau sorgt, lenkt sich Morse in seiner Freizeit mit seinem neuen Freund Ludo und dessen Frau ab.

Es gelingt dem Drehbuch von Russel Lewis ganz gehörig, die Langzeit-Fans der Serie mit der abgekühlten Stimmung zwischen Morse und dem Rest der Detectives zu verwirren. In dieser Härte und Konsequenz ist das Publikum die Missstimmungen bei der Oxforder Polizei nicht gewohnt. Dabei liegen die Sympathien keineswegs immer auf Seiten des titelgebenden Helden. Dessen extrem unversöhnliche, aufrechte Haltung ist schon eine harte Nuss und keineswegs charmant. Der Kriminalfall an sich ist etwas weniger spektakulär und kniffelig, dafür überzeugt das Zeitkolorit umso mehr. Die aufkommenden britischen Nazis und die angespannte gesellschaftliche Stimmung aufgrund wirtschaftlicher Krisen, die lange Phasen der 1970er bestimmen soll, macht sich hier schon breit.

Wolfskopf“

Im dritten und abschließenden Fall „Wolfskopf“ (OT: „Zenana“) untersucht Morse einen eigenartigen Unfall an der Mädchenschule Lady Matildas College. Das College ist Oxfords letztes, das nur Mädchen unterrichtet. Im Präsidium wird darüber debattiert, dies zu ändern und auch Jungen zuzulassen. Den passionierten Kreuzworträtsel-Fan Morse interessiert das herzlich wenig. Er hat etwas Neues zum Grübeln: Vielleicht ist der Todesfall am College gar kein Unglück und reiht sich in eine Serie tödlicher Unfälle in Der Gegend.

Weder Bright noch Thursday wollen davon etwas wissen. Es kommt zum Eklat am Tatort und Morse bittet um Versetzung während Thursday vor lauter Schuldgefühlen und Sorge des Nachtens persönlich am Uferweg patrouiliert.

Der Originaltitel „Zenanda“ bezeichnet im muslimischen und hinduistischen Kulturkreis ein Wohnhaus für Frauen. Das bezieht sich nicht nur auf das College, das zur Debatte steht, sondern nimmt auch Bezug auf die beiden übergeordneten gesellschaftlichen Themen dieser Staffel Emanzipation und Rassismus. Der Kriminalfall ist knifflig und pfiffig konstruiert. Doch das eigentlich Furiose an der Folge ist das menschliche Drama, die Spannungen auf der Dienststelle und im Privatleben der Ermittler, das in ein fulminantes Finale mündet. Dramaturgisch ist das ganz große Kunst und treibt die Neugier, wie es mit Morse & Co weitergeht, ins Bodenlose. (9/10)

Gossip

Und um noch einmal auf die Liebe zum Detail und zur Vorlage zu verweisen, die „Endeavour“ auszeichnet: Hier eine Info aus dem deutschen Pressetext von Heike Glück: „Kleine Trivia am Rande: In Folge 1 geht es um die allererste Konferenz der Frauenbefreiungsbewegung, die in Wirklichkeit im Ruskin College in Oxford stattfand. Eine der Organisatorinnen war Sally Alexander, eine bekannte Feministin der frühen 70er-Jahre. Alexander war auch die erste Ehefrau des Schauspielers John Thaw, dem „Ur-Morse“ und Mutter der Schauspielerin Abigail Thaw (Dorothea Frazil). Alexander wird in einer stummen Rolle von Molly-Mae Whitmey dargestellt, der leiblichen Tochter von Abigail Thaw und Enkelin von John Thaw und Sally Alexander.“ So geht Fortführung im Sinne der Erfinder in Vollendung.

Insgesamt ist die siebente Staffel von „Der junge Inspektor Morse“ ausgesprochen düster ausgefallen, was zwar dem Zeitgeist und der Ernüchterung der sich entwickelnden Charaktere geschuldet ist, aber den nostalgischen Charme der Serie ziemlich ankratzt. Hier geht es bisweilen fast „skandinavisch noir“ zu. Dabei bleibt es durchaus turbulent und in jeder Beziehung spannend. Zwar ist in der siebenten Runde der jugendliche Aufbruchscharme der Serie gewichen, aber „Endeavour“ gehört noch immer zu den überragenden Krimi-Serienformaten unserer Tage.

Serien-Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Der junge Inspektor Morse – Staffel 7
OT: Endeavour, Season 7
Genre: TV-Serie, Krimi,
Länge: ca. 270 Minuten (3 x 90 Min.) + Bonus, UK, 2020
Idee & Drehbücher: Russel Lewis, nach Charakteren von Colin Dexter
Regie: Shaun Evans, Zam Salim, Kate Saxon
Darsteller: Shaun Evans, Sean Rigby, Anton Lesser, Abigail Thaw, Roger Allam
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Edel Motion,
DVD-VÖ: 21.01.2022

Copyright der bilder bei itv/edel/

„Der junge Inspektor Morse“ beim ZDF

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