Aquaman: Held von Atlantis 1 – Stille Wasser

Alle Jubeljahre wieder bekommen die amerikanischen Superhelden eine Frischzellenkur. Im vorliegenden Fall von „Aquaman“ hat DC Comics einen Glücksgriff getan. Sicherlich befeuert vom Kinoerfolg des „Aquaman“ hat die neue Autorin Kelly Sue DeConnick zum Auftakt einer neuen epischen Story gerufen, die nicht nur ein perfekter Einstig für neue Leser ist, sondern auch neue weite Horizonte erschließt. Dabei beginnt alles – wie so oft – mit fehlender Erinnerung.

Da haben diese seltsamen alten Leute, die im „Dorf des stillen Wassers“ leben einen Fremden aus dem Meer gefischt. Alle nennen den wasserscheuen Burschen Andy, nur Caille, die einzige junge Frau, nennt ihn Arrausio. Es geht hier an der Küste seltsam zu und das Meer ist nicht gut zu den Leuten. Einge sagen, es sei die Salzgöttin Nammu, die ihre Rache nimmt, indem sie das Meer versalzt und die Fische tötet. Dann beschließen die Bewohner des Dorfes des stillen Wassers, dass Caille, die der Überlieferung nach Nammus Tochter sein soll, zu ihrer Mutter zurückgebracht werden muss, um den Fluch zu brechen. Ausgerechnet der wasserscheue Andy fühlt sich berufen, die junge Frau zu eskortieren.

Geneigte und aufmerksame Leser werden sich denken können, dass es sich bei dem gestrandeten mit Gedächtnisverlust um Aquaman handelt. Ähnlich wie weiland bei der Rebirth von „Wonder Woman“ kann sich auch dieser Held nicht erinnern, wer er ist oder wo er herkommt. Nun ist ein Amnesie keine wahnwitzig neue Erfindung, um eine Story zu beginnen, aber sie ermöglicht – erzähltechnisch vergleichsweise elegant – eine Neuausrichtung ausgefahrener Geschichten oder allzu vertrauter Helden. Wenn man nicht wie weiland in der amerikanischen Familien-Soap „Dallas“ den toten Ewing Bruder nach etlichen Serien-Folgen als geduschten Tagtraum wiederaufstehen lässt. Da Patrick Duffy seinerzeit auch den TV-„Mann aus dem Meer“ (OT: „Man from Atlantis“) verkörperte, hat dieser Exkurs in die Fernsehgeschichte durchaus einen aquatischen Bezug.

Call of the Wild

Herkunfts- und erinnerungslos hängt Aquaman also in ungewohnter Umgebung herum. Zudem ist der Atlanter etwas verwildert und mit wilder Mähne und blondem Bart erinnert er sowohl an den Film-Aquaman Jason Momoa als auch an jene Phase der DC-Historie, in der Autor Peter David in den 1990ern unserer Helden wieder Fantasy-tauglicher machte. Wunderbar nachzulesen in der „Aquaman“-Anthologie. „Aquaman – Held von Atlantis“ schließt bewusst an diese Tradition an und hebt den submarinen Helden in die Gesellschaft uralter Naturgottheiten. Aber das sollte jeder selbst lesen.

Autorin Kelly Sue DeConnick gehört spätestens seit ihrer großartigen emanzipierten Neuausrichtung von Captain Marvel (ebenfalls verfilmt mit Brie Larsen) zu den ganz großen Autoren in der Superhelden-Sparte. Ihr Auftakt zu einem „neuen“ Aquaman ist ebenso spannende wie traditionsbewusst, zeugt von profunder Recherche und erzählerischem Ausnahmetalent. „Stille Wasser“ bringt starke neue Charaktere in das DC Universum und Leser bleiben gespannt wie sich die Story entwickelt und die neuen archaischen Elemente sich einfügen.

Doch ein Comic ist als Bildergeschichte immer nur so gut wie sein Artwork. Glücklicherweise passt der Fantasy-mäßige bisweilen etwas cartoonesque Stil des brasilianischen Zeichners Robson Rocha („Demon Knights“) perfekt zu dieser fantastischen „Aquaman“-Geschichte. Die Farbgebung von Sunny Cho ist ebenfalls perfekt für die Urgewalt der Elemente. Die aufbrausende See, die Naturkräfte und die Meeresmonster waren selten in besseren Händen. Dabei ist das Paneling ebenso variabel wie die Perspektiven, die die Leser bisweilen einnehmen.

„Aquaman – Held von Atlantis“ ist neben Greg Ruckas „Wonderwoman“ einer der stärksten Neuausrichtungen, die einem Superheld in den vergangenen Jahren zuteil geworden ist. Wenn Autorin Kelly Sue DeConnick auch weiterhin auf diesem Niveau abliefert, wird dies der stärkste „Aquaman“ seit der Erfindung von Fisherman’s Friend.

Comic-Wertung: 9 out of 10 stars (9 / 10)

Aquaman: Held Von Atlantis 1 – Stille Wasser
OT: Aquaman 43-47 „Unspoken Water“, DC Comics, 2019
Genre: Superhelden, Comic,
Autorin: Kelly Sue DeConnick
Zeichner: Robson Rocha
Farben: Sunny Cho
Übersetzung: Carolin Hidalgo
Verlag: Panini Comics, Softcover, 124 Seiten
VÖ: 03.12.2019


Aquaman 1 – Stille Wasser bei Panini Comics

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