Constance Tomb – Exploding Head: Album Review

Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben. Und mein Review ist definitiv zu spät. Wer auf den richtigen Moment wartet, hat angeblich ein gutes Timing. Im Fall von „Constance Tomb“, die mit „Exploding Head“ ein furioses Debütalbum hinlegen, trifft weder das eine noch das andere zu. Stattdessen surft Tony Reed, der Mastermind hinter „Constance Tomb“, auf einer Welle, die über Dortmund und Berlin nach Seattle schwappte, aber dazu später mehr. Bereit, den Kopf explodieren zu lassen?

Nervöse, ja hektische Energie kommt da aus den Speakern geplatzt. Ein garstiges, klirrendes Riff, ein Paukenschlag und ein Gesang, der an die räudigen Anklagen eines Jello Biafra denken lässt. „Spiritual Stairway“ ist mit Siebenmeilenstiefeln unterwegs zur Erleuchtung. Bis es dann im Mittelteil heavy wieder Richtung Erdboden geht. „Poison for the Will (Well) of Mankind“ doomt es da aus den Boxen. Gefolgt von einem ebenso elegischen wie melodischen Gitarrensolo, das den Song zu Grabe trägt. Was für ein Album-Auftakt!

Der ist freilich nicht ganz neu, sondern datiert wie die anderen 12 Kompositionen auf dem Album „Exploding Head“ aus den späten 1980er-Jahren. Seinerzeit hat Tony Reed von Mos Generator-, Hot Spring Water- und – nicht minder wichtig – von Produzenten-Ruhm seine erste Band am Start. Constance Tomb klingt wie ein Frauenname bei Edgar Allan Poe, bedeutet aber auch so viel wie „konstantes Grab“ und bringt als Bandbezeichnung die Teenage Angst der damaligen Goth-Bewegung trefflich auf den Punkt.

Irrer Zeitsprung in ein neues Jahrtausend und in einen anderen Musikkosmos. Fast vierzig Jahre später kommen die Songs von damals endlich angemessen zu Gehör, quasi wiederbelebt und aus dem Sarg gezerrt; aber keineswegs zombiehaft apathisch, sondern quicklebendig und mit erheblicher Energie und Lebensfreude. Das Schöne an „Exploding Head“ ist, dass diese musikalische Entdeckung im Grunde eine kleine Underground-Sensation ist. Aber das mögen klügere Geister anders sehen.

„All Sonic Manipulations by Reed“

Inspiration für die Musik von Constance Tomb war Tony Reeds (damaliges) Faible für Gothic-Rock und Post-Punk der ersten Stunde, und das hört mensch den Songs auch an. Doch das ist beileibe nicht alles: Reed ist bekannt für heavy Sounds und Stoner Rock, und so kommen auf „Exploding Head“ auch diese Einflüsse zum Vorschein und zum Tragen. Zusammen mit den beiden neuen Mitstreitern Christian Roney am Schlagzeug und Bo McConaghie am Bass hat Tony Reed die Songs neu eingespielt und „reimagined“, also neu interpretiert. Das ist schon sehr zeitgemäß geworden und setzt gehörig Energie frei. Spannend bleibt, wie sich Constance Tomb auf der Bühne so schlagen. Die Deutschland-Tour mit Daily Thompson beginnt heute Abend (Tourdates unten).

Nach dem Auftakt von „Spiritual Stairway“ groovt „Amokt“ souverän an und lässt es mittig melodischer weitertreiben. „Doomsday Subliminalist“ kommt ebenfalls mit energetischem Midtempo daher und die Band rockt dynamisch. Mit „Neurosleep“ bekommt das Album für mich einen ersten Höhepunkt: toller Drum-Groove, melodische Pig Squeals auf der Gitarre und ein Refrain, der nach großem Alternative Rock der 1990er klingt.

„Rose“ täuscht dann derbe Heaviness an, kommt aber im melodischen Tempo viel weiter als gedacht. „Terror Kiss“ kommt im Doppelpack mit „Big Brother Doom“. Einzeln genommen treibt der „Terror Kiss“ stampfend und mit Cult-Attitüde zügig auf das Heiligtum zu, auch wenn der Kuss hier mit Erstickungsanfällen einhergeht. Für mich tatsächlich der zweite große Hit. „Big Brother Doom“ haut dann ebenfalls ein feistes Riff raus und kommt mit INXS-Attitüde auf den Tanzboden.

„Dormant for 37 Years“

„Last Picture Show“ hält das Tempo gleichermaßen hoch wie den Gitarrensound klirrend und im nervösen Bereich. Weiter geht die flotte Abfahrt mit „Hellbaby“, das mich schon feist an die Dead Kennedys erinnert. Der Song „Constance Tomb“ sorgt dann mit atmosphärischer Melodie für eine Erholungspause. „The Chronic Unemployed“ marschieren flott und dynamisch zu Spoken Vocals. Das ergibt einen feinen Stampfer.

„Control“ fällt weniger soundtechnisch als in Sachen Heaviness und Stoner-Attitüde aus dem musikalischen Konzept. Die Gitarre zaubert großartige Melodien hervor und der Gesang nimmt sich fast 2 Minuten Zeit, bevor er in den Song einsteigt. Im letzten Drittel des Sechsminüters drosselt die Band nochmals das Tempo. Den Album-Abschluss macht „Blood Red Eternity“ mit einer Songdynamik, die schon die Anfänge des sich Ende der Achtziger herauskristallisierenden Seattle-Sounds aufzeigt.

Schließlich kommt Tony Reed aus Port Orchard bei Seattle, und die Songs stammen aus der Zeit, als es zwar die Melvins schon gab, aber Nirvana und Soundgarden gerade die ersten Platten auf den Markt brachten. So ist auch die Cover-Optik von Constance Tombs „Exploding Head“ sehr auf das Wesentliche reduziert. Drei Typen, fies ausgeleuchtet und bleich überbelichtet, vor schwarzem Hintergrund und in einem Zeichenstrich-Rahmen, quasi einem Strichmännchen-Sarg. Das hat schon was von jener stilbildenden Sub-Pop-Ästhetik.

Tony Reed hat Constance Tomb nicht erst mit diesem Album wieder ausgegraben. 2020 und auch 2025 hat Reed inhaltlich identische, schlicht Constance Tomb betitelte Alben veröffentlicht. Nachzuverfolgen auf Tonys Bandcamp-Seite. (Wo sich für alle, die es interessiert, auch ein freier Download des empfehlenswerten Albums „Some Covers 2017–2024“ findet.) Auf den Constance-Tomb-Veröffentlichungen sind die damaligen Demoaufnahmen von 10 seinerzeit komponierten Songs zu hören, eingespielt von Reed allein an allen Instrumenten und mit mäßig filigranem Sound.

„Music recorded live at Mystic“

Dann kommen Daily Thompson aus Dortmund des Weges und schicken nicht nur Recordings zum Mastern nach Seattle, sondern nehmen auch in Port Orchard bei Reed ihre Alben auf. Ich stelle mir vor, da mag die Idee Gestalt angenommen haben, die alte Band mit neuen Mitstreitern wiederzubeleben und die Lieder in angemessenem Sound neu einzuspielen. Fragt sich nur, wie Constance Tomb ihre Musik unter die Leute kriegen? Glücklicherweise veröffentlichen Daily Thompson auf einem der langlebigsten und charmantesten Indie-Labels der Welt, auf Noisolution Records. Der Showrunner Arne Gesemann hat nicht nur eine Spürnase für tolle Musik, sondern auch die Verve und Chuzpe, um so eine Vintage-Perle wie „Constance Tomb“ an den Start zu bringen. Genau so, wie Noisolution im vergangenen Jahr mit dem Mother-Tongue-Ableger Werewolf Etiquette eine absolute Überraschung in Sachen alternativer Rock-Underground rausgekloppt hat.

Constance Tomb erfinden das Rad nicht neu, hauen aber auch nicht auf ausgeklopften Beats rum, sondern haben 5 unbekannte Songs dazugepackt und zum Teil auch als Band neu arrangiert, und die bereits kursierenden Songs rocken im neuen kompakten Sound endlich richtig. Ich würde mal mutmaßen, dass Constance Tomb anno 1989 zwar Kritikerlob eingeheimst hätten, aber ihrer Zeit mit dem Sound irgendwie voraus und zwischen allen Stühlen gewesen wären. Später in den 1990ern gab es so viele ziemlich gute Alternative- und/oder Grungebands, die dann nach ein bis zwei starken Alben doch auf der Strecke geblieben sind, und auch da wären Constance Tomb keine Ausnahmeerscheinung gewesen.

Heute kommt „Exploding Head“ daher wie ein frisch ausgegrabenes Masterpiece und rockt mit zeitgemäßem Sound druckvoll und dennoch vintage im besten Sinne. Constance Tomb sind ihr eigenes Frankenstein-Monster. Salut an die gute alte Zeit? Fuck it, this is now. Ich freue mich über „Exploding Head“, ich freue mich auf mehr, ich freue mich auf tolle Stageparties. Raus aus dem Neurosleep und ab in die Clubs!

9 von 10 aufgebrochenen Mausoleen.

Constance Tomb – Exploding Head
Genre: Post-Punk, Heavy Wave, Alternative Rock, Proto-Grunge
Interpret: Constance Tomb
Länge: 37 Minuten, 13 Songs, USA/D 2026
Label: Noisolution Records
Format: CD, digital, Vinyl
VÖ: 23.10.2026

Constance Tomb bei Bandcamp
Exploding Head bei Noisolution
Constance Tomb bei Instagram

Tourdaten mit Daily Thompson

05.11.2026 DE – Düsseldorf – Pitcher
06.11.2026 DE – Oldenburg Cadillac
07.11.2026 DE – Flensburg – Kühlhaus
08.11.2026 DE – Hamburg – Hafenklang
10.11.2026 DE – Hannover – Cafe Glocksee
11.11.2026 DE – Berlin – Badehaus
12.11.2026 DE – Dresden – Chemiefabrik
13.11.2026 AT – Wien – Arena
14.11.2026 CZ – Prag – Subzero
16.11.2026 DE – Bamberg – Live Club
17.11.2026 DE – München – Backstage Club
18.11.2026 DE – Karlsruhe – Alte Hackerei
19.11.2026 DE – Mainz – Kulturclub schon schön
20.11.2026 DE – Bielefeld – Forum Bielefeld
21.11.2026 DE – Köln – Helios37

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