Daily Thompson – Glue: Album Review

Auf ihrem siebenten Studioalbum „Glue“, dem vierten für das Kreuzberger Label Noisolution, machen Daily Thompson aus Dortmund ein ganz schönes Fass auf. Dieses Songdestillat hat durchaus andere Soundnoten als den gewohnten und geliebten fuzzigen Stoner Rock. Auf „Glue“ sind Daily Thompson so Zen wie wie nie, ein musikalischer Superkleber gegen das auseinanderbrechender Welt.

Nach 42 Minuten sind acht eingängige und riffige Rocksongs vorbei. Das letzte, was zu hören ist, nachdem die Instrumente verhallen, ist ein zweistimmig gesungenes „We are“. Viel schöner kann mensch das großartige neue Album des Dortmunder Trios Daily Thompson nicht auf den Punkt bringen. Hier muss sich niemand mehr beweisen, die Band hat lange genug auf derben, heavy Fuzz Sounds herumgekaut und eigentlich auf jedem Album auch eine gewisse alternative Bandbreite in Sachen Heavy Rock und Sounds der Neunziger vorgestellt. Doch auf „Glue“ scheint es fast, als hätte sich der Fokus verschoben.

In den Songs ist eine derartige Weite, dass mensch beim Hören quasi erstmal richtig durchatmen kann. Das war teilweise auch schon auf dem ebenfalls bei Tony Reed in der Nähe von Seattle aufgenommenen Vorgänger „Chuparosa“ der Fall. Gerade bei epischen „Diamond Waves“. Da hat das Riff einen ozeanischen Horizont und der Gesang eine melodische Sehnsucht, die mich schwer begeistern. Auf „Glue“ sind fast alle Songs in jener offenen, entspannten Musikalität gehalten, dass es bei aller toughen Riff-Reiterei eine heitere Gelassenheit ausstrahlt.

„Do the workout“

Nun mag der eine oder andere in den Songs ganz arge Reminiszenzen an Grunge und Alternative Rock der 90s vorfinden und es mag zur Verortung des Albums auch stimmig sein, da einzelne Künstler und Bands zu erwähnen, aber im seiner Gesamtheit ist „Glue“ ein Daily Thompson Album und Danny, Babbelz und Mephi leben und rocken hier und jetzt, hauen großartige Songs raus, die sich auch und vor allem nach Daily Thompson anhören.

Nach eigener Aussage (nachzulesen im ausführlichen Interview bei rockblog.bluesspot) hat die Band den Aufnahmeprozess dieses Mal bewusst offener gestaltet. Beim Vorgänger hat Produzent Tony Reed, der ohnehin alle DT-Alben gemastert hat, im Studio in Port Orchard quasi nur die Aufnahmeknöpfe gedrückt, die Songs waren bereits fertig und lange genug geprobt um sie live im Studio einzuspielen. Anders bei „Glue“: Input des Produzenten war ausdrücklich erwünscht, und das Trio hat im Studio auch mit den Songs herumexperimentiert. Immer nach der Prämisse, Hauptsache es dient dem Lied. Und das Ergebnis überzeugt auf ganzer Linie. Noch nie waren Daily Thompson in ihrem Musizieren so bei sich und so im Augenblick wie mensch das auch auf der Bühne gerne miterlebt.

Mit heiterer Gelassenheit und einen erheblichen Gespür für Melodien und Arrangements hauen Daily Thompson ein Album raus, bei dem eigentlich jeder Song etwas Besonderes ist. Erstaunlich an dem großartig klingenden Album ist der Klangraum, den die Riffs auftun. Daneben ist de Rhythmus-Sektion gleichzeitig so tight wie immer, geht aber entspannter zu Werke, um dann im richtigen Moment die Intensität zu steigern.

„No, i can’t let go.“

Beim Opener „Heart of Bones“ geht es eingängig und nöhlig fuzzy zu, wie bei Meister Mascis. Es geht darum endlich wieder was zu spüren. Im vorab ausgekoppelten Video wird bereits klar, dass wir dringend mehr Liebe brauchen in der Welt. Sodann knüpft „Workout“ mit einem feinen Bass (?)-Lick an und es geht melodisch verzerrt weiter. „Stop & Go“, „High & Low“ im Refrain und ein hinreißendes Gitarrensolo.

„Fake a Smile“ beginnt balladesk und kommt in ein lockeres Rollen bei dem das Mitwippen obligatorisch ist. Hinreißend ist dann der Moment, wenn der Refrain gedoppelt wird. Anders als zuvor, ist Mephis Vokalspur etwas in den Hintergrund gemixt. Das hat den Effekt von Echo und Backing Vocals zugleich und gibt dem Refrain eine tolle Tiefe. „Chains“ ist dann der erste längere Track auf dem Album. Da sind deutliche Verbeugungen vor Pearl Jam zu spüren und der Song zählt zu meinen Lieblingen auf dem Album. Auch und gerade, weil es im zweiten Teil, ab Minute 4, hinreißend riffig wird.

„BTK“ ist ebenfalls ein langes Stück und Mephi sorgt hier für den Geang, so verstärkt sich der Kim Gordon Vibe, der hier für New York Style Alternative Rock sorgt. Ebenfalls schon als Video/Single veröffentlicht und ein Knaller-Song mit sich aufbauender Dynamik. „Here i Stand“ kommt mit minimalistischem Anspruch daher und die Gitarre kommt bis zum explodierenden Refrain gedämpft rüber. Vielleicht ist „Here i Stand“ der Song auf dem Album, der auch auf früheren Alben gut platziert wäre.

„In the summer heat“

„Siam“ ist der Song auf dem Album der am schwersten und düstersten wirkt. Wer nun an Cantrell, Staley und Konsorten denkt, liegt nicht verkehrt, hört aber auch zu kurz, denn Dannys Gitarre fräst sich durch den knackig wuchtigen Rhythmus wie das nur bei Daily Thompson geht. „Lovebugs“ geht flott und melodisch direkt in den Sommerabend. Der Refrain bleibt im Gehör stecken wie eine Maikäfer-Invasion und wer sich fragt, was den Lovebugs sind, ist genau so schlau wie ich. Möglicherweise eine June Bug Verballhornung, möglicherweise Slang für irgendwas, möglicherweise einfach eine schöne Metapher für ein freundlich um sich greifendes Virus. Es bleibt ein Mysterium, außer: dass Daily Thompson die Lovebugs sind. Ein toller Album-Abschluss.

Bleibt noch zu erwähnen, dass Daily Thompson ihr neues Album im Herbst auch live auf der Bühne vorstellen. Bei den Deutschland Gigs werden die Dortmunder begleitet von Constance Tomb. Die muss noch keiner kennen, oder keiner mehr erinnern. Bei Constance Tomb handelt es sich um eine frühe Band von Tony Reed, der ja auch Gitarrist ist (zu hören bei „Chains“), die demnächst bei Noisolution ein Album veröffentlicht. Wir bleiben gespannt. Tourdaten und Links unten.

Ein beliebter Zen-Witz am Hot Dog-Stand, der besser auf Englisch funktioniert ist: „Make me one with everything.“ Flott übersetzt vielleicht „Mach mich eins mit alles“. Und Daily Thompson haben dort am Pudget Sound nahe Seattle, im Port Orchard ihre Zen Arkade gefunden und sie auf „Glue“ in Vinyl gemeißelt. Mit dem Superkleber der die verköcherten Herzen wieder in Liebeskäfer verwandelt. Tolles Album, mein liebstes nach (oder neben) „Oumuamua“. Und jetzt alle: „We are….“.

9

Daily Thompson: Glue
Genre: Fuzz Rock, Alternative Rock
Länge: 42 Minuten, 8 Songs, D, 2026
Interpret: Daily Thompson
Label: Noisolution Records
Vertrieb: Edel
Format: CD, digital, Vinyl
VÖ: 21.08.2026

Homepage Daily Thompson
Glue bei Noisolution
Daily Thompson bei Bandcamp
‚Instagram mit Daily Thompson

DAILY THOMPSON on tour

20.06.2026 DE – Dortmund – Junkyard Open Air
03.07.2026 IT – Bologna – Indigest Festival
25.07.2026 BE – Assenede – Flanders Chopperbash
14.08.2026 DE – Recklinghausen – Backyard (Pre-Listeing Party)
29.08.2026 DE – Lichtenstein – Voice Of Art Festival

17.09.2026 US – Austin – RippleFest Texas
02.10.2026 ES – Almeria – Tabernas Desert Rock

11.10.2026 GB – Bournemouth – The Anvil
12.10.2026 GB – Bridgewater – The Cobblestone
13.10.2026 GB – London – The Devinshire Arms
14.10.2026 GB – Swansea – The Bunkhouse Bar
15.10.2026 GB – Huddersfield – The Parish
16.10.2026 GB – Edingburgh – Bannerman’s
17.10.2026 GB – Bristol – The Gryphon

18.10.2026 BE – Liège – Desertfest

05.11.2026 DE – Düsseldorf – Pitcher *
06.11.2026 DE – Oldenburg Cadillac *
07.11.2026 DE – Flensburg – Kühlhaus *
08.11.2026 DE – Hamburg – Hafenklang *
10.11.2026 DE – Hannover – Cafe Glocksee `*
11.11.2026 DE – Berlin – Badehaus *
12.11.2026 DE – Dresden – Chemiefabrik *
13.11.2026 AT – Wien – Arena *
14.11.2026 CZ – Prag – Subzero *
16.11.2026 DE – Bamberg – Live Club *
17.11.2026 DE – München – Backstage Club *
18.11.2026 DE – Karlsruhe – Alte Hackerei *
19.11.2026 DE – Mainz – Kulturclub schon schön *
20.11.2026 DE – Bielefeld – Forum Bielefeld *
21.11.2026 DE – Köln – Helios37 *
04.12.2026 DE – Dortmund – Piano

*with Constance Tomb (Noisolution)

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