In dem Drama „Von Scham und Geld“ verliert die Familie eines Kleinbauern im Kosovo ihre Existenzgrundlage und ist gezwungen, sich in der Stadt ein neues Leben aufzubauen. Der dritte Film von Regisseur Visar Morina wurde auf dem renommierten Sundance-Festival ausgezeichnet. Nun bringt der Exystent Filmverleih das Drama auch hierzulande in die Kinos. Zu sehen ab dem 24. September.
Shaban (Astrit Kabashi) lebt mit seiner Frau Hatixe (Flonja Kodheli) und seinen drei Töchtern als Milchbauer auf dem kleinen Familienhof in einem kleinen Dorf im Kosovo. Dort lebt auch Shabans gesamte Großfamilie, bestehend aus der Mutter (Fiona Gllavica), dem alleinstehenden jüngsten Bruder und der Familie des dritten Bruders, der Lehrer ist. Man hat sich arrangiert mit der spärlichen, aber geregelten Existenz.
Als der jüngste Bruder Liridon viel Geld braucht, um als Altenpfleger nach Deutschland zu gehen, kommt es zum Streit mit dem dritten Bruder, der nicht will, dass die Mutter an ihr Gespartes geht. Und dann ist nicht nur Liridon verschwunden, sondern auch die Kühe.
Shaban und Hatixe gehen mit ihren Kindern und der Mutter nach Pristina zu der Familie von Hatixes Schwester Nana (Kumrije Hoxha). Die ist mit einem Clubbesitzer verheiratet, der aus wohlhabendem Hause stammt. Während Lara versucht, schwanger zu werden, greift Schwager Alban (Alban Ukai) Shaban unter die Arme und lässt ihn in seinem Club putzen. Hatixe hilft bei der Versorgung von Laras Schwiegervater, der apathisch im Rollstuhl sitzt. Doch das Geld reicht nicht, um Shabans Familie zu versorgen, und die Situation spitzt sich zu.
Wo sind die Kühe?
Es ist ein böses Erwachen, wenn einen die Ehefrau fragt, wo denn die Kühe geblieben sind. Jene Nutztiere, die die Familie ernähren und die Grundlage des bescheidenen ländlichen Lebens gewesen sind. Und auch die angebotene Hilfe in der Stadt entpuppt sich als notorische Zwangslage. Was als Neuanfang erhofft war, beginnt mit permanenter Existenznot. Zuerst entpuppt sich die vermeintliche Mietzahlung als Wohnungskaution und die versprochene Arbeit stellt sich als Teilzeitbeschäftigung heraus.
Als sich Shaban dann notgedrungen auf der Straße als Tagelöhner verdingt, stößt das dem Schwager sauer auf, denn er ist um den Ruf seiner Familie besorgt. Das färbt auch auf das Verhältnis zwischen den Schwestern ab. Als Lara die ältere Hatixe fragt, ob sie es nicht beschämend finde, dass ihr Mann auf der Straße nach Arbeit sucht, antwortet Hatixe, Scham sei ein Luxus, und die Arbeit für die Familie des Schwagers verstärkt auch die eigene Abhängigkeit.
Die Goldreserve der Familie
Mit seinem dritten Film „Von Scham und Geld“ blickt Autorenfilmer Visar Morina („Vater“, „Exil“) auf die aktuelle Situation in seiner Heimat Kosovo. Die ehemalige Teilrepublik Jugoslawiens war schon seinerzeit die ärmste Region des Vielvölkerstaates. Der Krieg in den 1990er Jahren und das UN-Protektorat haben wenig an der Situation verbessert, und noch heute gilt der Kosovo als eines der ärmsten Länder Europas mit einer extrem hohen Arbeitslosigkeit.
„Von Scham und Geld“ bricht in seiner deskriptiven Dramaturgie nicht nur die Familiensituation in der Gegenwart auf, sondern rekapituliert damit auch die Entwicklung des Kosovo seit seiner Unabhängigkeit. Eine Zeit lang war Arbeitsmigration ein Versuch, aus den ärmlichen Verhältnissen auszubrechen. Häufig in Pflegeberufe in wirtschaftsstarken Ländern. So wie es Liridon plant und so wie Hatixe in der Familie ihrer Schwester eingespannt wird.
Wenn eine Region und eine Gesellschaft derart strukturschwach sind, dass es keinen geregelten Arbeitsmarkt gibt und kein sozialstaatliches Netz, wird Arbeit schnell zum Existenzkampf und zur Überlebensfrage. Tatsächlich steht Shaban die eigene Scham, um Arbeit, Gefallen und/oder Geld zu fragen, nur anfangs im Weg, als es ihm unangenehm ist, auf andere Leute zuzugehen. Später dann übernimmt vordergründig der Stolz, aber eben auch ein Selbstwertgefühl, das die systemische Ausbeutung nicht weiter tragen will.
Alles hat seinen Platz
Und dennoch bleiben Fragen, die „Von Scham und Geld“ aufwirft, die aber auch ablenken von der Geschichte von Shabans Familie. Es bleibt unergründet und klingt nur an, was für vermeintliche Flausen der jüngste Bruder schon im Kopf hatte. Fraglich bleibt auch, was mit dem Hof geschieht, als Shabans Familie dort weggeht? Warum beispielsweise bleibt die Mutter nicht vor Ort bei jenem dritten Bruder, der wohl eine halbwegs sichere Anstellung zu haben scheint. Möglicherweise ließe sich hier ein traditionelles Rollenverständnis anführen, möglicherweise geht es einzig um dramaturgische Verdichtung. Der Wirkung des Dramas tut das wenig Abbruch.
Ästhetisch setzt „Von Scham und Geld“ auf gedämpfte, erdige Farbtöne, ist mit der Kamera nahe bei den Charakteren und kann sich gelegentlich für eigenwillige Kamerafahrten entscheiden, etwa wenn der Blick durch und über die wartenden Tagelöhner und den Straßenverlauf entlang fährt. Oder auch, wenn Shaban nach einem Konflikt den Weg zurück geht. Da geht jemand, der seine Heimat nicht lassen will, wissend, dass es andernorts nicht leichter, sondern nur auf unterschiedliche Weise schwer ist.
Aus der Sicherheit eines halbwegs funktionierenden Sozialstaates und einer Wohlfahrtsgesellschaft mutet es beinahe archaisch an, wenn in einem europäischen Land, in dem mit Euro bezahlt wird, Familien von einem Tagelohn von 10 Euro leben müssen. Der Einblick in eines der ärmsten Länder Europas ist ebenso ernüchternd wie eindringlich und hat durchaus Aspekte, die über das konkrete Familiendrama hinausweisen.
7 von 10
Von Scham und Geld
OT: Shame and Money
Genre: Drama
Länge: 129 Minuten, KOS/D/SLO, 2026
Regie: Visar Morina
Schauspiel: Astrit Kabashi, Alkban Ukai, Flonja Kodheli
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: exystent Film
Kinostart: 24.09.2026
Von Scham und Geld bei Exystent Film
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