
Der italienische Politikwissenschaftler Giuliano da Empoli hat einen Roman über Putins Aufstieg zur Macht geschrieben. „Der Magier im Kreml“ erzählt aus Sicht eines (fiktiven) Beraters über das neue „Zarenreich“. Der Roman wurde zum internationalen Bestseller, wurde verfilmt und nun auch als Graphic Novel adaptiert. Comic-Künstler Luc Jacamon erzählt in tollen Bildern von der russischen Seele und von Sehnsucht und Fluch eines starken Mannes an der Macht.
Der junge Wadja wächst auf der Taimyrhalbinsel am nördlichen Polarmeer auf. Die Geschicke der Familie sind bereits mit der Politik Russlands und der UdSSR verflochten. Später als junger Mann studiert Wadim Baranow in Moskau Theater, arbeitet in der Phase von Glasnost und Perestroika zu Beginn der 1990er Jahre als Fernsehproduzent und bewegt sich in den Kreisen der jungen, reichen Russen, die die Gunst der Stunde zu nutzen wissen.
Doch nicht alle sind mit der demokratischen Politik des neuen Russland unter Boris Jelzin zufrieden und man munkelt, die Bevölkerung würde sich wieder einen starken Mann an der Spitze wünschen. Das bringt dem Oligarchen Beresowski auf die Idee, politischen Einfluss zu nehmen. Er kenne da einen ambitionierten Mann im russischen Geheimdienst. Und so lernt Wadja Wladimir Putin kennen und wird zu dessen Politikberater.
„Russland wird nie ein Land wie jedes andere sein.“ (Beresowski)
Strategisch und mit Gesten klarer Stärke gewinnt Putin die kommende Wahl und widmet sich auch sofort kriegerisch den Unabhängigkeitsbestrebungen Tschetscheniens, indem er gegen die tschetschenischen Terroristen mit Militärgewalt vorgeht. Beresowski ist bei Putin schnell aus dem Spiel, Wadja bleibt im Zentrum der Macht, im Kreml und an der Seite Putins. Dem gelingt es konsequent, die zarte demokratische russische Gesellschaft wieder in eine totalitäre zu verwandeln. Wie Beresowski sagt: „Ihr habt Russland wieder zu dem gemacht, was es immer war: ein riesiges Gefängnis.“ Fragt sich nur, wie lange Wadja Baranow in der Gunst des neuen Zaren bleibt.
Es ist noch nicht so lange her, dass der Autorenfilmer Olivier Assayas den Roman von Giuliano da Empoli verfilmt hat. Nun kommt eine Comic-Variante derselben Geschichte heraus und gibt Möglichkeiten des Vergleiches und des Umgangs mit dem Originalmaterial.
Da Empolis Roman wurde hoch gelobt, weil seine fiktive Realität die jüngste Geschichte Russlands und den Charakter Wladimir Putins zu erklären scheint. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn der Autor hat einen Berater Putins fiktionalisiert. Wadim Baranow soll sehr stark an Wladislaw Surkow angelehnt sein, der maßgeblich an Putins Aufstieg zur Macht mitgewirkt hat. Andere Personen in der Geschichte kommen, wie Wladimir Putin, unter ihrem realen Namen vor, so wie der Oligarch Beresowski und der Magnat Michail Chodorkowski, der im Roman Wadja die Freundin ausspannt.
„Ich habe über ihr Konzept der Vertikale nachgedacht.“ (Putin)
In Jacamons Graphic Novel ist Wadja ein charmanter, scharf konturierter Mann, der seine Geschichte in ruhigen Worten darlegt, eingerahmt in winterliche Jagderinnerungen mit dem adeligen Großvater. Im Film wird Wadja von Paul Dano verkörpert und ähnelt optisch eher dem realen Surkow. Und während im Film Chodorkowski einen anderen Namen erhält, bleibt das Comic-Szenario beim Klarnamen. Aber all das sind Anzeichen unterschiedlicher und legitimer Lesart und Schwerpunktlegung des Ausgangswerks.
Womit dieser Text endlich auf einen wesentlichen Faktor von bildlichen Umsetzungen zu sprechen kommt, der für das Gelingen ebenso wichtig ist, der Look. Assayas Film hat sich für diffus ausgeleuchtete Innenräume entschieden. Auf den Korridoren der Macht werkeln Einflüsse im Schatten, die unbekannt bleiben wollen. In den Panels des Kreml herrscht vor allem Winter. Kälte in fast allen Bildern. Fahle Städte und Wölfe, die durch die Kälte streifen. Sicherlich gibt es auch kurze Lichtphasen in der sommerlichen Exotik Georgiens oder auf knallbunten Partys, aber der vorherrschende Eindruck ist der eines russischen Winters.
„Es war offensichtlich, dass der Zar die olympischen Spiele als Höhepunkt seiner Herrschaft betrachtete.“ (Baranow)
Und es ist bezeichnend, dass die Geschichte beginnt mit einem von Wadja angeschossenen Bären, dem Symbol Russlands, der in winterlichen Wäldern von einem Rudel Wölfe gehetzt und gestellt wird. Die Wölfe auf dem Moskauer Twerskaja-Boulevard statt jener „Wölfe an der Wall Street“. Im letzten Drittel wird die Erzählung, die in mehrere Kapitel unterteilt ist, etwas zu abgehackt, weil die betrachteten Zeitpunkte und Szenen zu weit auseinanderliegen und eher aufgezählt als inszeniert werden.
Optisch ist die großformatige Graphic Novel, die hierzulande bei Schreiber & Leser erscheint, ein Hochgenuss. Luc Jacamon, der mit Szenarist Matz die Serie „Der Killer“ verantwortet, schöpft aus dem Vollen. Dynamisches Erzählen mit variierender Panelgröße und Anordnung. Eine cineastische Mischung aus Close-ups, Totalen und dynamischen Sequenzen, was schon eine Kunst ist, denn in „Der Magier im Kreml“ wird vor allem geredet und erzählt. Der Action-Anteil ist quasi zu vernachlässigen, und dennoch fließen die Illustrationen packend ineinander.
Auffällig und erstaunlich beeindruckend sind außerdem die Schnee-Effekte, die einen Gutteil der Zeichnungen atmosphärisch unterstützen oder gar prägen und die immer wieder für wunderbare Lebendigkeit in den Illustrationen sorgen. Abschließend waren da noch die tollen Landschaften, die auch gerne mal ganzseitig ausfallen und sehr atmosphärisch rüberkommen.
In Sachen politischer oder historischer Graphic Novel wird es dieses Jahr kaum packender werden als mit Luc Jacamons Adaption des Erfolgsromans „Der Magier im Kreml“ über den Aufstieg Wladimir Putins. Das ist nicht nur toll erzählt, es ist auch wunderbar umgesetzt und mir fast lieber als die Verfilmung.
9 von 10
Luc Jacamon – Der Magier im Kreml
OT: Le Mage du Kremlin, Casterman, 2026
Genre: Drama, Politik, Graphic Novel
Autor und Illustrator: Luc Jacamon
Vorlage: Gleichnamiger Roman von Giuliano da Empoli
Übersetzung: Resl Rebiersch
ISBN: 978-3-96582-247-4
Verlag: Schreiber & Leser, Hardcover, 144 Seiten
VÖ: 11.08.2026



