Taniguchi & Tosaki: K – Der unbekannte Held des Himalaya

Ein mysteriöser Bergsteiger, der schier übernatürliche Kräfte besitzt und die Berge zu verstehen scheint, ist der Held „K“. Der große japanische Mangaka Jiro Taniguchi probiert sich hier an den majestätischen Hochgebirgslandschaften, die ihm später großen Ruhm einbringen sollen. In fünf vergleichsweise kurzen Stories werden K’s Taten von Autor Shiro Tosaka erzählt und zum Teil atemberaubend in Szene gesetzt. Der Comic-Verlag Schreiber & Leser setzt seine Taniguchi-Reihe mit diesem packenden Kleinod fort.

Der Himalaya, das Dach der Welt, ist der Schauplatz der Abenteuer von „K“, einem schweigsamen Bersteiger, der sich unter den Sherpas und Trägern in dem Dorf Askole niedergelassen hat. Hier lebt K mit der jungen Lena ein einfaches Leben. Doch wenn es in den Bergen ein Unglück gibt, alle Hoffnung auf Bergrettung verloren scheint, erinnert sich einer der Einheimischen oder Träger an K, der unter den Sherpas einen beinahe gottähnlichen Status innehat. Doch K hütet auch ein Geheimnis und seine Beweggründe, eine aussichtslose Rettung oder einen unmöglichen Aufstieg anzugehen bleiben im Verborgenen.

In fünf klassischen Bergsteiger-Abenteuern erzählen Autor Shiro Tosaki und Zeichner Jiro Taniguchi von Ks Taten. Die Stories ähneln einander in gewisser Weise und Szenarist Tosaki arbeitete auch nur bei diesen Abenteuern mit Taniguchi zusammen. Es war auch nicht zu recherchieren, ob der ehemalige Lehrer weiter als Mangaka erfolgreich war. Zunächst bleibt in der Story „K2“ der Sohn eines reichen Ölmagnaten beim Versuch den K2 über die Nordwand zu besteigen, in jener Wand hängen. K lässt sich nicht von dem Geld des Vaters überreden, die schwierige Rettungsmission zu übernehmen, sondern hat andere Beweggründe. Anschließend kommt K unter die Räder wie weiland Silvester Stallone in dem Action-Film „Cliffhanger – Nur die Starken überleben“ (1993). in der Gewalt von Gaunern wird K zum Aufstieg auf den „Pumo Ri“ gezwungen. Dort gilt es etwas sehr Wertvolles zu bergen. Die drei weiteren Stories sind jeweils zweiteilig.

In der Story „Everest“ geht es für K um die Ehre: Bei einer Bergsteigergruppe verunglückt der erfahrene Bergführer, den Man „den Tiger des Himalaya“ nennt und dessen Sohn bittet K. den Vater zu bergen. Doch K ist am Boden zerstört und muss erst mit sich selbst ins Reine kommen, bevor er den Everest besteigen kann. In „Makalu“ braucht K gerade Arbeit und heuert als Träger an. Vor die Wahl zwischen einer japanischen und einer britischen Seilschaft gestellt, geht K mit den Briten, auch weil dieses Mal Lena dabei ist und die Tour einfacher scheint. Doch dann verunglückt der japanische Bergsteiger in einer Lawine. Der Sherpa lässt den Japaner zurück, um Hilfe zu holen.

Abschließend geht es vom Dach der Welt hinab, aber doch näher an die Götter heran. Erneut verunglückt ein junger amerikanischer Bergsteiger, dieses Mal auf dem „Kailas“, dem heiligen Berg der Hindus und Buddhisten. Totz großzügier Entlohnung findet sich niemand, der Kailas zu besteigen. Auf Göttern trampelt man nicht herum. Ein junger Freund von K versucht es dennoch, scheitert aber. K springt ein und lernt die Drachen des Himalaya kennen.

Die Programmvorschau von Schreiber & Leser bringt es bereits auf den Punkt: in „K“ probiert Jiro Taniguchi Vieles aus, was er ein Jahrzehnt später in seinem großen mehrbändigen Bergsteiger-Epos „Gipfel der Götter“ zur Meisterschaft vollendet hat. So liegt der eigentliche Reiz dieser 1988 erschienenen (behauptet zumindest Wikipedia) und 1993 in einem Sammelband kompilierten und nun (erstmals?) auf Deutsch vorliegenden Abenteuer in der Kürze und Kompaktheit der Geschichten und der Action. Wie bei den großartigen Krimi-Miniaturen in „Benkei in New York“ kommen Autor und Zeichner schnell auf den Punkt, forcieren die Dynamik und die Spannung bis ins Unerträgliche – und in Sachen Story bisweilen auch ins arg Überzogene. Da kann die Leserschaft sich schon auf Bergsteiger-Garn vorbereiten.

An die Leserichtung müssen sich westliche Leser:innen ohnehin jedes Mal wieder gewöhnen. Auch kommt generell im Manga durch variables Paneling viel Dynamik zustande. Starren Seitenaufbau findet man in dieser Comic-Gattung eigentlich sehr selten. Das ist eher etwas für Graphic Novels und Comic-Romane. Ein bisschen wird der Lesespaß wie in einigen frühen Werken Taniguchis durch die Sound-Effekte getrübt, was sich übersetzungsbedingt nicht ändern lässt.

Sound-Effekte im Comic sind diese Bieps und Clongs, die meistens auch lautmalerische durchs Bild tänzeln. Taniguchi („Ikaru“) macht das im Japanischen sehr beeindruckend und Leser:innen bekommen den Wind, den Regen und das Eis beinahe ebenso zu spüren wie K – allerdings in japanischen Schriftzeichen, die zwar übersetzt sind aber dann nur klein am Rand des Sound-Effekts zu lesen. Das ist ein bisschen vergleichbar mit dem Sound, der übrigbleibt, wenn ein Kinofilm auf dem heimischen Fernsehgerät landet. Aber wie gesagt, das lässt sich nicht ändern.

Während Taniguchis Zeichnungen ziemlich packend sind, hapert es bisweilen an den nicht immer überzeugenden Berggeschichten. Da wiederholen sich mantra-artig K‘s Fähigkeiten sich wie ein wildes Tier an die Natur anzupassen, da werden seine Fertigkeiten beschworen, die er bei der völkischen Minderheit der Kunjoot erworben hat. Aber zu Tosakis Ehrenrettung sei erwähnt, dass es eher schwierig ist aus den beengten Abenteuersetting eines Comic-Magazin-Beitrags, das ja vor allem mit repetitiven, schnell erkennbaren Trademarks unterhalten soll, immer etwas Originelles zu zaubern.

Taniguchi indes inszeniert die Hochgebirge mit großer Lust an den Konturen und den Schattierungen. Wie auch in dem ebenfalls 1988 erschienenen „Ice Age Chronicle of the Earth“ wird die unwirtliche harsche Landschaft sehr dynamisch in Szene gesetzt. Der Mensch wirkt klein, verloren und nichtig angesichts dieser Naturgewalt, die auch etwas Pantheistisches hat, nicht nur im Kailas selbst, sondern im ganzen Himalaja. Das ist schon beeindruckend anzuschauen, wenn die geneigten Leser:innen erst einmal einen Blick geübt haben für diese Schönheit.

Mit den gesammelten Abenteuern des Bergsteigers „K“, schließt der Verlag Schreiber & Leser eine weitere Lücke im umfangreichen und lesenswerten Werk des 2017 verstorbenen Manga-Künstlers Jiro Taniguchi. Das ist klassisches, existentialistisches Abenteuer-Comic für erwachsene Leser.

Comic-Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

K
OT: „K“
Genre: Manga, Comic, Abenteuer
Autor: Shiro Tosaki
Zeichnungen: Jiro Taniguchi
Übersetzung: Tsuwame & Resl Rebiersch
ISBN: 978-3-96582-053-1
Verlag: Schreiber & Leser, broschiert, S/W, 296 Seiten
VÖ: 06.01.2021

Jiro Taniguchi bei Schreiber & Leser

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