Benkei in New York: Feinsinniger Racheengel

Vielleicht scheinen die zeitlosen Mangas von Jiro Taniguchi hierzulande etwas aus der Mode gekommen, sonderlich spektakulär sind die unaufgeregten n auf den ersten Blick meist nicht. Und doch lobte der englische Comic-Autor Warren Ellis „Benkei in New York“ seinerzeit beim US-Release 1996 als „besser als 96 % aller amerikanischen Krimis, die gerade erscheinen“. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Rahmen der Jiro Taniguchi Reihe bei Schreiber & Leser ist „Benkei in New York“ gerade erschienen – meines Wissens als deutsche Erstveröffentlichung. Überzeugt euch selbst.

Der unscheinbare Herr, der in einem New Yorker Regenguss einen weiteren Schutzsuchenden auf einen Whisky in seine Bar einlädt, hat nichts Beunruhigendes an sich. Und dennoch geht diese Einladung für den Mann, der sich nur unterstellen wolle, tödlich aus. Benkei hatte einen Tod zu erledigen.

Wer dieser Benkei ist, bleibt rätselhaft und immer wieder diffus. Klar ist, der Mann mittleren Alters hat Stil, mag gutes Essen, verabscheut Schusswaffen und ist ein begnadeter Kunstfälscher. Letzteres liegt auch daran, dass sich Benkei Gemälde mit einem blick einprägen kann. Das wird im Lauf von dessen New Yorker Abenteuern noch wichtig werden. Und dann ist Benkei eben auch ein Auftragskiller. Einer , der nicht jeden Job annimmt, sondern nur die Opfer um die Ecke bringt, die es seiner Meinung nach verdient haben.

Mythologisch ist oder besser war Benkei ein Kriegermönch (Sohei) im 12 Jahrhundert. Im Laufe der Jahre gingen dessen Abenteuer und Heldentaten in die japanische Folklore ein, woraus sich ein fast mythologischer Ruf als sehr loyaler und gerechter Kämpfer erhalten hat. Sehr wahrscheinlich haben Autor Jinpachi Mori und Zeichner Jiro Taniguchi ihren modernen Benkei als Reinkarnation des Charakters begriffen und ihn als Racheengel im zeitgenössischen Amerika neu erfunden. Eventuell ist der Name aber auch nur eine Anspielung. Wichtig ist letztlich, dass dieser Manga-Benkei ebenso gewitzt wie tödlich zur Sache geht.

In Japan sind die sieben Morde des Benkei, die in diesem Sammelband zusammengefasst sind, von 1991 bis 1996 als Einzelabenteuer in einer Zeitschrift erschienen. Allgemeinere Ausführungen zum Thema „Manga“ erspare ich mir an dieser Stelle. Es verwundert also nicht, dass die sieben Kapitel („Haggis“, „Am Haken“, „Rückfall“, „Der Schrei“, „Schwertfisch“, „Das Halsband“, „Im Keller“) jeweils in sich abgeschlossen sind. Die Rahmenbegebenheiten entwickeln sich für eine klassische Krimi-Serie typisch nur marginal weiter.

Dabei ist jede einzelne Episode ein Meisterstück. Im Nachhinein geben die Titel jeweils einen Hinweis auf das Thema oder Motiv, aber auf die absonderlichen, ein bisschen abseitigen und bisweilen zynischen Morde muss man erst einmal kommen. Mori (verstorben 2015), der schon in jungen Jahren als Manga-Autor Erfolg hatte, ist ein Meister der kriminalistischen Kurzgeschichte, wie er Edgar Allen Poe oder Ray Bradbury in nichts Nachsteht. Das alleine würde „Benkei in New York“ schon zu einem Krimi-Genuss machen.

Das Artwork von Jiro Taniguchi („Ice Age Chronicle of the Earth“, „Ikarus“) ist in seiner klassischen, europäisch geprägten Schlichtheit eine perfekte Umsetzung dieser Geschichten und der Figur. Vieles in den Zeichnungen, den Panels und dem Seitenaufbau ist klares Understatement. So dass sich der Detailreichtum einer Ansicht, der Schattenwurf eines Porträts, die Dynamik einer Kampfsequenz erst beim mehrmaligen Durchblättern entfaltet, da Leser:innen beim ersten Durchgang zu sehr von der Geschichte gebannt waren.

Ein wahrer Leckerbissen für Comic-Fans (und meine Lieblingsepisode) ist das dritte Kapitel „Rückfall“ in dem die Story ohne Dialoge auskommt und nur ein paar off-sätze braucht, um die Auseinandersetzung zu umreißen. Alle Panels (mit einer Ausnahme) sind bei unterschiedlicher Höhe seitenbreit angelegt, was bisweilen eine cinemascope-artige Wirkung hat, bei der ich mir wünschte, der Sammelband wäre großformatiger. Dazu entbrennt ein ausufernder Schwertkampf wie weiland in dem Fantasy-Abenteuerfilm „Highlander“ und es gelingt Taniguchi die Intensität des Kampfes und der Panels tatsächlich wortlos zu steigern.

Mit den sieben lässigen Krimi-Kurzgeschichten ist dem Kreativduo Jinpachi Mori und Hiro Taniguchi ein echter Genre-Klassiker gelungen. „Benkei braucht sich nicht hinter den bekannteren Werken von Mori oder Taniguchi zu verstecken. Starkes, knackiges Story-Writing und großartiges grafisches Erzählen sorgen für hinreißend tödliche Unterhaltung. Schöner Morden mit dem kunstfälschenden Kriegermönch.

Comic-Wertung: 9 out of 10 stars (9 / 10)

jiro Taniguchi / Jinpachi Mori: Benkei in New York
OT: N.Y.の弁慶, (N.Y. no Benkei), J, 1991-96
Autor: Jinpachi Mori
Zeichner: Jiro Taniguchi
Übersetzung: Tsuwame & Resl Rebiersch
ISBN: 978-3-96582-032-6
Verlag: Schreiber & Leser, Broschur, S/W, 224 Seiten
VÖ: 01.09.2020

Benkei in New York bei Schreiber & Leser

PS: An dieser Stelle muss ich auch noch Jiro Taniguchis „Venedig“-Band erwähnen, der 2019 bei Carlsen Comics erschienen ist. Der farbige Stadtrundgang nach Postkarten von Taniguchis Mutter ist einfach wunderschön und ist allen Venedig-Fans wärmstens zu empfehlen.

PPS: Falls jemand sträflicher Weise nicht weiß, wer Warren Ellis ist, so verweise ich auf die bei brutstatt.de vorgestellten Comics „Supergod“ und „Moon Knight“ (Volume 5 – Band 1). Von dort aus führen vertiefende Links weiter.

%d Bloggern gefällt das: