Vom Traum unsinkbar zu sein: Fischkombinat

In 40 Jahren Großreederei ging kein einziges Schiff verloren … die Hochsee-Fischereiflotte der DDR zählte einst zu den größten der Welt. Mit der Wiedervereinigung wurde die Fischereiflotte abgewickelt und aufgelöst. In den mehr als 30 Jahren seither ging fast jedes Schiff verloren. Nun begibt sich Filmemacher Tom Fröhlich auf Spurensuche, ob es überhaupt noch welche der Kähne gibt. Ein Heimatfilm auf dem Meer, zu sehen im Kino ab dem 2. Juli 2026.

Kein Seemannsgarn ohne Shantychor, und so beginnt Tom Fröhlichs Doku „Vom Traum unsinkbar zu sein“ mit einem Seemannschor, der sich in einer leeren Werfthalle einfindet. Doch statt Seemannslieder zu schmettern, geht es erst einmal in atmosphärische Klänge, die dann auch von der Elektronik des Soundtracks übernommen werden. Der Chor kehrt wie in einer griechischen Tragödie später wieder.

Zunächst führt die Betrachtung über die verbliebenen Schiffe der ehemaligen Flotte des Volkseigenen Betriebs (VEB) Fischkombinat aus Rostock in die eisige antarktische Kälte. Hier ist das Fischereischiff „Nida“ auf Fischfang. Die Besatzung geht ihrem knochenharten Beruf nach und hat doch ganz unterschiedliche Motivationen und Träume. Für den Kapitän ist das Schiff wie eine Heimat, und die Nida fährt seit den 2000er Jahren unter litauischer Flagge.

Seeleute ohne Romantik

Früher war die Nida die ROS Wilhelm Rügheimer, die 1986 in Stralsund fertiggestellt wurde. Das Schiff tut seinen Dienst noch immer und zuverlässig. Aus dem Off verliest der in der DDR aufgewachsene Schauspieler Charlie Hübner die Fakten und Daten der „Nida“, so wie Kinder früher ihre Quartettkarten gegeneinander ins Rennen schickten. Da ist auch eine schelmische Nostalgie im Spiel. Sonst zitiert Hübner aus diversen Erinnerungen von ehemaligen Fischern der Flotte.

Ein weiteres Schiff, das zu der Flotte gehörte, ist die MS Stubnitz. Die wurde 1954 in Stralsund fertig und ist seit Jahrzehnten zu einem Kulturort umgewidmet. Seit etlichen Jahren liegt die MS Stubnitz nach internationalen Stationen als Kulturschiff in Hamburg an der Elbe. Aktuell gab es gerade Kontroversen über einen geeigneten Liegeplatz. Wenn Soundingenieur und Künstler Urs Blaser über die einzigartige Akustik in dem ehemaligen Laderaum des Fischerei-Kühlschiffs spricht, muss das Publikum das auch ein wenig glauben, denn der Film gibt das während der Konzertaufnahmen nur bedingt wieder.

Überhaupt wirkt die Episode über die Stubnitz im Filmzusammenhang eher der Vollständigkeit oder besser der Diversität wegen interessant. Eigentlich ist das Kulturschiff mit seiner ständigen Ausstellung über die Motorschiffe zu kurz betrachtet oder auch so weit von der Schifffahrt entfernt, dass es schon eigenwillig anmutet.

Wenige Seemeilen übers Mittelmeer

Dafür ist die Episode über die Irrfahrten der SAS Heringshai umso interessanter und wird im Filmverlauf mehrmals wieder aufgenommen. Denn zu Zeiten der Dreharbeiten lag das Schiff unter dem Namen Life in Spanien unter Zollaufsicht. Wie es dazu kam, interessiert nicht nur den Bootsbauer Oliver Schmidt, der die Heringshai nach der Wende mit einigen anderen Leuten quasi für einen Appel und ein Ei übernommen und instand gehalten hat. Irgendwann wurde die Trägerschaft im Verein nicht mehr durchführbar, nicht nur wegen der Kosten.

Und abschließend macht Tom Fröhlich noch die SAS Blauwal aus, die ihren letzten Hafen erreicht hat und abgewrackt wird. Die Blauwal war am längsten in den angestammten Gewässern als Hochseefischerei-Kahn in Betrieb. Leider gibt es da wenig Archivmaterial, sodass vieles Behauptung bleibt. In gewisser Weise wäre gerade die Weiterführung der eigenen Berufung nach dem Wegfall der Arbeitsstruktur interessant zu sehen gewesen.

Aber das mag meiner Ansicht geschuldet sein, dass Ostthemen und die Wendezeit noch immer nicht in ausreichendem Maße dokumentiert und diskutiert sind. Früher und heute, und gerade im Westen Deutschlands, will davon kaum einer noch etwas wissen, was über den bildhaften Begriff des Unrechtsstaats hinausgeht. Die Wiedervereinigung ist für viele gleichbedeutend mit einem Vergessen jenes 40 Jahre andauernden ostdeutschen Staates.

Umso schöner ist es, wenn sich aus der Recherche über die Hochseeflotte und deren Verbleib auch Fragen nach Heimat und Identität stellen. Die Seefahrt war schon immer von großer Sehnsucht getrieben, und „Vom Traum unsinkbar zu sein“ setzt kurzweilig und unterhaltsam einen werktätigen und selbstbewussten Chorgesang neben Freddy Quinn und Hans Albers. „Vom Traum unsinkbar zu sein“ ist nicht nur ein Heimatfilm auf dem Meer, sondern auch eine moderne Seefahrerballade.

8 von 10

Vom Traum unsinkbar zu sein – Ein Heimatfilm auf dem Meer
OT: Vom Traum unsinkbar zu sein
Genre: Doku, Seefahrt, Geschichte
Länge: 82 Minuten, D, 2025
Regie: Tom Fröhlich
Mitwirkende: Charlie Hübner, Oliver Schmidt, Chor „Luv und Lee“
FSK:
Verleih: jip film
Kinostart: 02.07.2026

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