Eher zufällig wird aus einem Klavierstimmer mit Gehörproblemen ein Safeknacker. Der kriminelle Lifestyle ist verlockend, aber nicht ohne Risiken. Filmemacher Daniel Roher, der für seine Doku „Nawalni“ mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, erzählt in seinem Spielfilmdebüt von Identität und Lebensträumen. Zu sehen im Kino ab dem 2. Juli 2026 mit einem hinreißenden Dustin Hoffman.
Harry Horowitz (Dustin Hoffman) ist in Musikerkreisen eine Institution. Als Klavierstimmer ist er seit Jahrzehnten dabei, wenn es gilt, die Tasteninstrumente wiederzubeleben. Nun hat es Harry am Herzen und er denkt ans Aufhören. In Niki White (Leo Woodall) hat er einen gelehrigen und kompetenten Mitarbeiter, der die Firma auch übernehmen soll.
Der junge Mann rennt konstant mit Ohrenschutz herum, denn er leidet an Hyperakusis, einer krankhaften Überempfindlichkeit gegen Geräusche. Das Leiden hat Niki bereits eine hoffnungsvolle Karriere als Musiker und Komponist gekostet, trotz eines absoluten Gehörs, also der Fähigkeit, Töne richtig zu erkennen. Nun hat er sich im Arbeitsalltag bei Ersatzvater Harry eingerichtet. Als der eines Tages die Kombination für seinen privaten Safe vergessen hat, nimmt Niki das Teil kurzerhand mit nach Hause und lernt dabei, dass auch Tresore mittels sensiblen Gehörs zu öffnen sind.
Dann lernt Niki während der Arbeit im Konservatorium die Studentin Ruthie (Havanna Rose Liu) kennen, die sich auf ihren Abschluss als Komponistin vorbereitet. Die Studentin ist von dem Klavierstimmer, der sich als Klassikexperte aufspielt, wenig begeistert. Bis die Feuchtigkeit in ihrem Appartement das eigene Instrument unspielbar gemacht hat. Niki hilft gerne und die beiden beginnen eine Beziehung.
„Wie lange dauert der Lärm noch?“
Während Harry mit Herzproblemen im Krankenhaus liegt, erledigt Niki die Aufträge allein. Eines Abends wird er vom Lärm der Sicherheitsleute in einer Villa dermaßen bei der Arbeit gestört, dass sich das Klavier nicht stimmen lässt. Die Security ist gerade damit beschäftigt, den Safe des Hauses zu bearbeiten. Niki hilft aus, damit er endlich seinen Job erledigen kann – und so kommt der junge Mann mit dem sensiblen Gehör zu einer weiteren Einkommensmöglichkeit, die auch Harrys Rechnungen bezahlen kann.
„The Piano Tuner“ beginnt ausgesprochen launig mit dem Arbeitsalltag von Harry und Niki, die schon mal gebeten werden, die Toilette zu reparieren, sie sind ja schließlich Handwerker. Und nachdem diese Malocherrolle etabliert ist, wird das Leben der beiden Klavierstimmer immer facettenreicher. Harry kennt quasi alle Jazzgrößen der Stadt und an einer Stelle hat Herbie Hancock höchstselbst sogar einen kleinen Auftritt. Niki nun wieder war bis zu einem Schicksalsschlag ein Wunderkind am Piano. Nun ist er froh, dass er seine Tage übersteht und wieder funktioniert.
„Solange, wie er dauert…“
Und weil das alles so hinreißend und auch musikalisch und rhythmisch inszeniert und editiert ist, groovt und swingt sich das ungleiche Duo durch die Stadt, dass es eine Freude ist. Harry redet quasi ununterbrochen und Niki bleibt arg maulfaul. Doch es ist bald klar, dass Niki schon noch mehr vom Leben möchte, als nur die Tage zu überstehen. Eine Romanze mit Ruthie ist da schon mal ein guter Anfang.
Doch auch Ruthie hat ihre Wünsche und Träume. Sie will Komponistin werden und nach dem Konservatorium als Assistentin, aka Meisterschülerin, bei einem renommierten Komponisten unterkommen. Da ist es wenig hilfreich, dass ausgerechnet der Klavierstimmer so kenntnisreich in der Musikhistorie ist, dass er Ruthies Inspirationen aufdecken kann. Allein der Mann bleibt den Beweis seiner Klavierkunst schuldig. Die Rivalität ist auch nicht gerade förderlich für eine Beziehung.
„…außer, du kriegst den Safe auf.“
Während es beim Safeknacken für Niki darum geht, mit seinen Gaben kreativ umzugehen und die Starre, die das Karriere-Aus an anderer Lebensstelle hinterlassen hat, mit Erfolgserlebnissen zu füllen, stellen sich in der Beziehung zu Ruthie Fragen nach der Identität. Wer bin ich ohne meine Fähigkeiten? Was bleibt vom Individuum, vom Menschen, wenn das Klavierspielen nicht mehr möglich ist? Was motiviert eine, morgens aufzustehen? Welche Ziele will mensch im Leben noch verfolgen? Was Ruthie mit der Prüfung noch bevorsteht, hat Niki auf andere Weise quasi schon hinter sich.
In Sachen Safeknacken hat Uri, der Boss der Sicherheitsfirma, andere Vorstellungen von der Länge des Beschäftigungsverhältnisses als Niki. Der will vor allem Schulden abzahlen und dann wieder ehrlich werden. Doch das gestaltet sich schwierig und „The Piano Tuner“ dreht die Schraube noch eine Runde an. In den Genre- und Motivmix von Daniel Roher kommt noch Brutalität hinzu. Und zu den interessanten Charakteren auch noch flotte Milieu- und Klassenstudien.
Im Grunde kann das Publikum „The Piano Tuner“ für etwas überladen halten, denn der Film ist Heist Movie, Coming of Age, Romanze und Thriller in einem. Doch weil sich alles so musikalisch zusammenfügt, ergibt das Ganze eine stimmige Lebensreise, bei der mensch gerne dabei ist. Und Dustin Hoffman als Wackeldackel ist schon ein schöner Gag.
8 von 10
The Piano Tuner
OT: Tuner
Genre: Drama, Krimi, Komödie
Länge: 107 Minuten, USA, 2025
Regie: Daniel Roher
Schauspiel: Leo Woodall, Dustin Hoffman, Havanna Rose Liu
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: DCM
Kinostart: 02.07.2026




