Astrid Lindgren – Die Menschheit hat ihren Verstand verloren: Tage des Kriegs

Als die Kriegstagebücher der schwedischen Autorin Astrid Lindgren im Jahr 2015 posthum veröffentlicht wurden, war das zwar keine literarische Sensation, wohl aber eine vielbeachtete Veröffentlichung, die nicht nur den schwedischen Alltag während der Kriegsjahre zeigt, sondern auch die Entwicklung einer jungen Frau und Mutter hin zu einer Schriftstellerin. Der norddeutsche Dokumentarfilmer Wilfried Hauke hat daraus nun eine sehenswerte Dokumentation gemacht, die nun auch für das Home-Entertainment erscheint.

Es kommt dann auch unweigerlich der Moment, in dem Pippi Langstrumpf das Licht der Welt erblickt. Was als ausgedachte gute Nachtgeschichten für die kranke und später wieder genesen Tochter Karin begann wurde von Astrid Lindgren zu einem Manuskript zusammengefasst, dass sie auch an Verlage verschickte. Heute ist es kaum denkbar, dass jemand die lebenslustigen, mutigen und auch anarchischen Kindergeschichten abgelehnt haben könnte. Und doch ist es so geschehen.

Doch Astrid Lindgren (1907 bis 2002) wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg zur Schriftstellerin. Die jungen Jahre der später so erfolgreichen Kinderbuchautorin, die der Welt neben Pippi Langstrumpf, noch Kalle Blomquist, Ronja Räubertochter und Michel aus Lönneberga schenkte wurden 2018 bereits als Spielfilm erfasst und sind als launiges Biopic durchaus empfehlenswert.

Nicht mehr nur „Schwedens Märchentante“. (Annika)

Nun also die Kriegsjahre in Schweden. Astrid wird bereits früh alleinstehend Mutter und lässt sich als Sekretärin ausbilden. In den 1930ern heiratet sie Sture Lindgren und zieht mit ihm nach Stockholm. Das Ehepaar, das inzwischen eine gemeinsame Tochtr hat, holt auch Astrids Sohn Lasse zur Familie zurück. Zu Kriegsbeginn, der in Schweden kaum Auswirkungen auf das Alltagsleben hatte, ist Astrid Lindgren bei einem Kriminalistik-Professor angestellt, 1940 wechselt sie zur Briefstelle des schwedischen Nachrichtendienstes. Bereits zu dieser Zeit schreibt die junge Frau auch Geschichten, doch erst nach dem Kriegsende entscheidet sie sich als Schriftstellerin zu leben.

Der Dokumentarist und Filmmacher Wolfgang Hauke arbeitet vornehmlich für das Fernsehen und weit über 30 zum Teil spielfilmlange Dokus gefilmt. Darunter eine Betrachtung des „Teppichs von Bayeux“, eine Miniserie über Penizilin und viele Skandinavische Themen. So wie etwa Die Serie „Die Küsten des Nordens“, das Porträt „Christina Wasa – Die wilde Königin“ oder „Edvard Munchs Dämonen“.

Für „Die Menschheit hat den Verstand verloren“ greift der Dokumentarfilmer auf eine Perspektive von Innen zurück. Dazu werden die Tagebuch-Passagen von der Schauspielerin Sofia Pekkari („Jäger – Tödliche Gier“) aus dem Off eingelesen und die Schauspilerin verkörpert Astrid Lindgren auch in Spielszenen. Angereichert wird die Doku außerdem mit schwarz weißen Archivmaterial jener Jahre.

„Für mich war sie immer jemand, der ziemlich genau wusste , was für sie richtig oder falsch war.“ (Karin)

Vor allem aber ist die Doku in enger Abstimmung mit der Familie entstanden und sowohl Astrids Tochter Karin als auch Astrids Enkelin Annika und ihr Urenkel Johan entstanden. Und im gemeinsamen Erinnern kommt in der Kombination mit den jeweiligen Tagebuchpassagen ein lebendiges und sehr persönliches Bild jener Zeit und von der damals noch nicht berühmten Mutter und Großmutter zustande. Die zeigt sich als sehr wacher Geist und politisch interessierter Mensch.

„Die Menschheit hat den Verstand verloren“ ist kunstvoll und kenntnisreich montiert und im stetigen Wechsel der stilistischen Mittel liegt eine große Dynamik durch die die noch nicht ganz literarischen Einträge zum leben erwachen. Das ist ein gelungener Weg um Sprache im Film erlebbar zumachen. Allerdings wird es bisweilen auch etwas plakativ, wenn der Off-Kommentar ausgerechnet für ein Kernstatement zur Schaupielerin wechselt, die dann in die Kamera blickt und sagt „Die Menschheit hat den Verstand verloren“. Anschließend wird wieder umgeschnitten zu Archivmaterial und Familiengespräch und die Tagebücher klingen wieder aus dem Off auf das Publikum nieder.

In Sachen deutsche Tonspur hat man sich entscheiden in den dokumentarischen Familiensequenzen keine Untertitel zu verwenden, sondern Voice Over. Die Spielszenen sind ohnehin synchronisiert, so dass sich ein durchgehend eingesprochenes Filmerlebnis bietet. Üblicherweise bin ich eher ein Freund von Untertiteln um dem babylonischen Stimmengewirr zu entgehen, aber die Entscheidung ist durchuas stimmig und aufgrund der verschiedenen filmischen Präsentationsweisen wahrscheinlich sogar zu bevorzugen.

„Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ ist ein sehenswerter Dokumentarfilm vor allem für Menschen, die sich für Literatur und die Autorin interessieren, aber auch um sehr persönliche Einblicke in die Phase des Historie in Schweden zu erleben.

6 von 10

Astrid Lindgren – Die Menschheit hat ihren Verstand verloren
Kriegstagbücher 1939-1945
OT: Astrid Lindgren – Die Menschheit hat ihren Verstand verloren
Genre: Doku, Biografie,
Länge: 103 Minuten, D/S, 2026
Regie: Wilfried Hauke
Mitwirkende: Karin Nyman, Johan Palmberg, Annika Lindgren, Sofia Pekkari
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Farbfilm Verleih
Kinostart: 22.01.2026
DVD-& BD-VÖ: 25.06.2026

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