Flo LeBeau – Epilepsy: Album Review

Da ist er wieder der Berner mit der Wandergitarre und hat für die punkverliebte Hörerschaft eine Schallplatte mit Mutmachliedern aufgenommen. „Epilepsy“ erzählt von vielen kleinen und großen Momenten und hat neben jeder persönlichen Komponente auch eine Menge zu erzählen. Ich feiere das, weil die Musik und die Lieder sich nackt und verwundbar machen – und genau deswegen so direkt berührt. „Epilepsy“ erscheint am 12. Juni 2026 in allen gängigen Formaten. Wofür werden Schiffe nochmal gebaut?

Irgendwann in meiner Heavy Metal verseuchten Jugend besangen die Jungs von Tank „T.w.d.a.m.o.“(Das, woraus Träume gemacht sind) und wahrscheinlich ging es nur wieder um irgendwelche Frauen, aber in meinem kleinen Kopf wurde daraus eine eingängige Hymne darüber, das Träumen nicht zu vergessen.

„Do you know your trigger?

Nun endet Flo Le Beau sein Debutalbum mit „Growth“ und legt nach einem Haufen toll produzierter Songs eine Lo-Fi-Bandaufnahme vor um davon zu singen, das Schiffe nicht dafür gebaut sind, im Hafen herumzulungern. Oder auch frei nach dem Kirchenlied von Paul Gerhardt (1607 – 1676): „Gehe aus, mein Herz und suche Freud – In dieser schönen Sommerzeit.“ Dann kickt bei Flo freilich doch noch ein zweiter fett produzierter Liedteil rein und bringt ein wunderbares, kurzweiliges Album zum Abschluss.

It’s your gravedigger

Anfang, wo es anfängt: „Soliliquy“ ist ein Mutmachlied für die kommende Generation, sich zu engagieren und herauszufinden, was eine:r im Leben wichtig ist. Das beginnt mit viel Hall und einiger akustischer Distanz. Es gefällt mit eingängiger Melodie und markantem Refrain und mit gedoppeltem Gesang. Die Hörerschaft kann sich also fallen lassen, in eine akustische Reise, die direkt das Tempo anzieht und Julius Caesar am „Rubicon“ in den Kopf schaut. Die Redewendung „den Rubicon überschreiten“ könnt ihr jetzt selbst nachschlagen. Der Song ist ein Groove Monster, das als zweite Gitarrenspur noch eine coole Melodiefigur bekommt und haufenweise Aahs und Oohs. Das macht schon sehr viel Spaß.

Überhaupt gelingt es Flo LeBeau nach der EP “Song of Spring“ (2024) nun sehr eindrücklich ein abwechslungsreiches Album zusammenzustellen. Das ist beileibe nicht so einfach wie es sich anhört, wenn der Künstler es gewohnt ist, auf der Bühne nur zur Akustikgitarre zu singen. Denn was live funktioniert und vom eigenen Charisma und den Entertainment-Qualitäten gestützt wird, kann auf Konserve schon mal eintönig werden. Aber das weiß der Flo und so hat er sich ohne Berührungsängste und Puristenzweifel und zum teil auch mit Crowdfunding auch mal weitere Instrumente und Rhythmus-Ideen dazugeholt. Das funktioniert, ohne dass der punkige DIY-Ansatz verloren geht.

Bisweilen wird jener Ansatz aber auch bewusst in den Hintergrund gedrängt und kann (auch dank von der Szene abgesegneter Mitstreiter) schon mal in Richtung Broadway Musical ausschlagen. „Give Me Some PMA“ ist einfach ein wunderbares Lied, das toll arrangiert ist, aber vom Schrammelpunk auf der Akustikgitarre etwas entfernt. Das animierte Video ist bereits lange vorab ausgekoppelt worden und hat bereits Eindruck gemacht.

If you know your trigger

Doch das Außergewöhnliche funktioniert nur, wenn das Fundament solide ist. Songs wie „We need to Talk“, „Doctor“ und „Know your Trigger“ gehen an jedem Lagerfeuer durch und auch bei jeder Punkrock-Sause. Das hat voluminöse Akkorde, das hat Schmackes und Leidenschaft. Mich reist das mit und haut mich auch mal um.

The “we” gets bigger“

Und dann gibt es da noch zwei weitere Schmankerl. „Work“ geht Sprechgesangig los wie Eugene Hütz das bei den Gypsy Punks von Gogol Bordello macht und stampft sich dann durch eine alternative Folkhyme. „Throw that Stone“ ist dann mein persönlicher Favorite. Zu arpeggierten Akkorden werden im Sample die Nebenwirkungen eines Medikaments vom Beipackzettel gelesen. Dann geht der Song los und ist eine mitreißende Hymne, deren Refrain „Protected Use of Power“ mench auch anders aus deuten könnte. Das fasst mich schon sehr an und ist ebenso klassischer Protestsong Marke NWA wie eine sehr persönliche Selbstschau.

Wobei nun noch der Albumtitel „Epilepsy“ kurz nochmal Erwähnung findet. Flo LeBeau leidet an dieser Krankheit und geht damit ganz offen um. Da es dem Künstler wichtig ist, gibt’s unter dem Review noch einen Link zum Thema. Dennoch hatte ich auch keine Lust die Album-Vorstellung auf diesem Aspekt zu verkürzen. Schließlich ist das Individuum nicht nur durch den Gesundheitszustand bestimmt und der Künstler hat durchaus etwas zu sagen, was weit über Befindlichkeitsprosa hinausgeht. Insofern habt ihr das jetzt mal gehört und könnt euch wieder dem großartigen Album eines engagierten Punk-Liedermachers widmen.

Flo LeBeau hat das Herz am rechten Fleck und will immer noch die Welt besser machen als sie derzeit ist. Das sei nicht so schwer, möchte mensch nun meinen, es ist ja scheiße genug. Aber genau dann nicht nur weiterzumachen, sondern auch Mut und Zuversicht zu verbreiten ist ganz großes Kino. Wer sich irgendwo zwischen Akustikpunk und Schrammelfolk wohlfühlt und kein Technikgedöns braucht um abzufeiern, der ist hier richtig. Mehr Positive Mentale Attitude bitte! Jetzt schon mein Feel Good Album des Sommers.

8 von 10

Flo LeBeau: Epilepsy
Genre: Akustik Punk, Folk,
Interpret: Flo LeBeau
Länge: 10 Songs, CH, 2026
Format:vinyl, CD, digital
Label: Little Rebel Records
VÖ: 12.06.2026


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Porträt über Flo und die Epilepsie

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