Nebel im August: Tödliche Pflege

Die aktuelle Weltlage schlägt mir nicht erst seit gestern auf den Magen. Daher präsentiert brutstatt.de in loser Folge Filmreviews aus dem Archiv, die sich unter dem Motto #WeltImKrieg beschäftigen. Heute „Nebel im August!von 2016. das Drama nach dem Leben von Ernst Lossa erzählt von der nationalsozialistischen Ausmerzung „Lebensunwerten Lebens“.

Zu den vielen Abscheulichkeiten des nationalsozialistischen Regimes zählt auch die Rassenhygiene, in deren Folge „lebensunwertes Leben“ konsequent ausgemerzt wurde. Der sehenswerte deutsche Spielfilm „Nebel im August“ widmet sich diesem schwierigen Thema anhand des tatsächlichen Schicksals des Jungen Ernst Lossa und entwirft zugleich ein Bild der systematisch agierenden Maschinerie der Euthanasie.

Im Jahr 1940 kommt der 13-jährige Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) in eine psychiatrische Anstalt. Ernst ist sich ziemlich sicher, dass er nicht hierher gehört, aber nach Aufenthalten in diversen Erziehungsheimen, die ihn als nicht erziehbar eingestuft haben, ist die Psychiatrie die letzte Station. Ernst wird zum Handlanger des Hausmeisters abgestellt und lernt so die apathische, bettlägerige Amelie kennen, die sich außer von Schwester Sophia (Fritzi Haberland) nur von ihm füttern lässt. Außerdem freundet er sich mit der etwa gleichalten Nandl (Jule Hermann) an, die an epileptischen Anfällen leidet.

Systematisches Wegsperren und Aussortieren

Doch regelmäßig muss Anstaltsleiter Dr. Veithausen (Sebastian Koch) Patienten auch aussortieren, bei denen keine gesundheitliche Besserung in Sicht ist. Diese werden dann mit Transporten in die Vernichtungsanstalt im Hessischen Hadamar gebracht. Ernst hofft derweil noch immer, dass sein Vater ihn aus dem Heim abholen kommt. Vater Lossa (Karl Marcovics) taucht auch auf, darf seinen Sohn aber nicht aus der Anstalt mitnehmen. Denn als fahrender Händler der Volksgruppe der Jenischen ist er nicht sesshaft und kann keinen festen Wohnsitz nachweisen.

Während Ernst also weiter auf den Vater wartet, werden die Transporte nach Hadamar eingestellt, weil sie die Bevölkerung beunruhigen. Die Kliniken sollen nun selbst für den Selektionsprozess sorgen. Zur Unterstützung lässt Dr. Veithausen die Krankenschwester Edith (Henriette Confurius) kommen, die mit Patiententötungen Erfahrung hat. Die katholische Schwester Sophia wird indes in tiefe Gewissensfragen gestürzt und auch Ernst fällt auf, dass immer mehr Patienten sterben. Er beginnt zu rebellieren und gerät damit selbst in höchste Gefahr.

Erst im Jahr 2008 hat der Journalist Robert Domes den Tatsachenroman „Nebel im August. Die Lebensgeschichte von Ernst Lossa“ im Jugendbuch-Verlag cbt veröffentlicht, auf den sich auch der Film stützt. Dabei ist das Drehbuch des erfolgreichen TV-Autors Holger Carsten Schmidt („ Mord in Eberswalde“, „Mord auf Amrum“) keineswegs explizit als Jugendfilm konzipiert, wenngleich auch das funktioniert hätte. Statt dessen nimmt Regisseur Kai Wessel („Hilde“, „Klemperer – Ein Leben für Deutschland“) die Gelegenheit wahr, anhand des Schicksals von Ernst Lossa auch die Mechanismen der Tötungsmaschinerie aufzuzeigen.

Von völkischen Pflichten und hippokratischen Eiden

Uniformierte Nazis tauchen in dem historischen Drama, das sich im Wesentlichen im Alltag der psychiatrischen Anstalt abspielt, kaum auf. Aber der freundliche Arzt und Anstaltsleiter Veithausen entpuppt sich im Verlauf des Films nicht nur als jemand, der regimetreu seine völkische Pflicht erfüllt, sondern als Mitdenker und Innovator, der aus scheinbar rationalen Gründen heraus aktiv mithilft, das System zu optimieren.

Statt der mit Himbeersaft verschleierten Verabreichung von Barbituraten zur Tötung der Patienten, entwickelt Veithausen die so genannte E-Kost (kurz Form für Entzugskost), bei der die Patienten mit Lebensmitteln, denen jeglicher Nährwert entzogen wurde, in den Tod gefüttert werden – und die Methode hilft damit auch noch der Kosteneinsparung. Handlungs- und Aufklärungselemente wie dieses sind dabei immer nahtlos und homogen in die Handlung eingefügt.

Es geht also weniger um die Veranschaulichung des uniformierten Terrors als vielmehr darum zu zeigen, wie weit sich das nationalsozialistische Gedankengut auch in Wissenschaft und Medizin verbreitet hat. Sebastian Kochs Arzt ist alles andere als ein unsympathischer, verbohrter Nazi und gerade darin und in seiner vermeintlich rationalen Weltsicht liegt das eigentlich erschreckende Element in „Nebel im August“.

Drama nach Tatsachenroman

In visueller Hinsicht kann „Nebel im August“ vollauf überzeugen, aber alle Elemente in „Nebel im August“ sind der historischen Wichtigkeit der Handlung untergeordnet. Daher lässt sich die verfilmte Geschichte Ernst Lossas ganz wunderbar neben die des polnischen Judenjungen Srulik stellen, die Regisseur Pepe Danquart 2014 unter dem Titel „Lauf, Junge, lauf“ in die Kinos brachte. Aber auch andere aktuellere deutsche Kinoproduktionen, die sich mit historischen und zeitgeschichtlichen Personen befassen haben einen ähnlichen Gesamtlook, der schon beinahe typisch wirkt. Da wären beispielsweise „Hannah Arendt“ (2012) oder „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015) zu nennen.

Aber die Ausstattung, die Kostüme und auch der Handlungsort wirken überzeugend zeitgemäß, die schauspielerischen Leistungen, auch und gerade bei den jungen Darstellern, sind durchweg differenziert und überzeugend. Hinzu kommt eine unaufgeregte, aber souveräne Kameraführung, die immer nahe bei den Figuren ist und über weite Strecken des Films der Hauptfigur Ernst folgt. Kameramann Hagen Bogdanski („“Das Leben der Anderen“, „Der Medicus“, „Young Victoria“) findet mit viel Erfahrung gelungene und dynamische Blickwinkel.

Das historische und biografische Drama „Nebel im August“ macht auf ein weiteres Kapitel nationalsozialistischer Greueltaten aufmerksam, das filmisch bislang wenig aufgearbeitet wurde. Neben dem wichtigen Thema hat „Nebel im August“ aber auch eine sehenswerte Geschichte zu erzählen.

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Nebel im August
OT: Nebel im Aufust
Genre: Drama, Historisches
Länge: 121 Minuten, D, 2016
Vorlage: „Nebel im August. Die Lebensgeschichte von Ernst Lossa“ von Robert Domes
Regie: Kai Wessels
Schauspiel: Ivo Pietzker, Henriette Confurius, Fritzi Haberland,
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 29.09.20216
DVD- & BD-VÖ: 09.03.2017

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