Die aktuelle Weltlage schlägt mir nicht erst seit gestern auf den Magen. Daher präsentiert brutstatt.de in loser Folge Filmreviews aus dem Archiv, die sich unter dem Motto #WeltImKrieg mit Konflikten und ihren Folgen beschäftigen. Heute „Circles“ von 2013. Der Text erschien zum Kinostart. Ausgehend von einer wahren Begebenheit im Bosnienkrieg erzählt das Drama „Circles“ (OT: Krugovi) von jenen Menschen, die von einer tragischen Heldentat betroffen beziehungsweise beteiligt waren und den Auswirkungen auf deren weiteres Leben. Eine filmische Erkundung über Heldentum, Schuld, Vergebung und Trauer.
1993, Trebinje in Bosnien: Der serbische Soldat Marko (Vuk Kostic) macht sich auf den Weg zurück zum Dienst. Vorher besucht er noch seine Freundin Nada (Hristina Popovic) bei ihrer Arbeit und tritt sich mit seinem Freund, dem Arzt Nebosja (Nebosja Glogovac), auf einen Kaffee. Auf dem Marktplatz der Stadt werden die beiden Zeuge, wie serbische Soldaten den muslimischen Kioskbesitzer Haris (Leon Lucev) brutal misshandeln. Marko schreitet ein und bezahlt dafür mit dem Leben.
Zwölf Jahre sind seit der tragischen Heldentat vergangen. Haris lebt nun in Deutschland und hat dort eine Familie und arbeitet in einer Autofabrik am Fließband. Eines Tages steht Nada mit ihrem Sohn vor seiner Tür und braucht seine Hilfe: sie ist vor ihrem brutalen Ehemann geflohen und muss sich verstecken.
In Trebinje errichtet Markos Vater Ranko (Alexandar Bercek) eine Kirche. Der Restaurator will das Gottteshaus, das einem Staudamm weichen musste, Stein für Stein auf einem Berg in der Nähe der Stadt wieder aufbauen. Eines Tages schleppt sein Hilfsarbeiter einen Freund an, der Arbeit für die Semesterferien sucht. Doch Ranko will Bogdan (Nikola Rakocevic) nicht auf seiner Baustelle sehen. Zunächst versteht der junge Mann das nicht, doch es stellt sich heraus, dass Bogdan der Sohn von einem der Soldaten ist, die für Markos Tod verantwortlich waren. Trotzdem taucht Bogdan mit beharrlicher Sturheit auf der Baustelle auf.
Eine Kirche errichten
Der Arzt Nebosja arbeitet inzwischen als Chirurg in einem großen Belgrader Krankenhaus. Eines Tages wird ein lebensgefährlich verletztes Unfallopfer eingeliefert und Nebosja erkennt in dem Mann den Soldaten Todor (Boris Isakovic), der für den Tod von Marko hauptverantwortlich ist.
Der serbische Regisseur Srdan Golubovich hat bereits mit seinem letzten Film „Kopka – Die Falle“ die Befindlichkeiten seiner Heimat psychologisch ausgelotet. Die Drehbuchautorin Melina Koljevic und Kameramann Alexandar Ilic waren schon damals mit von der Partie. Diese Zusammenarbeit macht sich auch in „Circles – Krugovi“ in einer stimmigen Filmsprache bemerkbar und trägt zu der Intensität des Dramas erheblich bei.
Auch wenn es hauptsächlich um die Verfassung der Charaktere geht und ihr Umgehen mit diesem fatalen Einschnitt in ihr Leben, spiegelt sich das in den kargen und klaren Aufnahmen der jeweiligen Lebensumstände wider. Es gelingt Golubovic die unterschiedlichen Einzelschicksale stimmig und dramaturgisch überzeugend zusammenzuführen. Beinahe meditativ ist das Bild der sich ausbreitenden Wellenkreise, wenn ein Stein ins Wasser geworfen wird, das alles überragende Leitmotiv des Films.
Ein Leben retten
Wortkarg und gezeichnet suchen sich diese ihren Weg ins Leben. Mit den Bildern noch immer in Trümmern liegender Städte, heruntergekommenen Plattenbausiedlungen und karger, felsiger Landschaft zeichnet der Film so auch ein Bild des bosnischen Alltag in dem der Konflikt und die ethnischen Säuberungen noch längst nicht vergessen sind, die Menschen aber müde und abgekämpft ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen versuchen.
Dramaturgisch funktioniert „Circles“ vor allem durch eine große Auslassung zu Beginn des Filmes: Der Tod von Marko wird nicht gezeigt. Die Kamera folgt dem Weg des heldenhaften jungen Mannes bis zu dem Moment, wo er in den Konflikt eingreift und wendet sich dann ab. Erst am Ende, nachdem die Zuschauer die Charaktere kennengelernt haben, wird Markos gewaltsamer Tod nachgereicht.
Einiges muss sich der Zuschauer auch selbst erarbeiten und in den zwölf Jahren, die der Film erzählerisch umfasst, ohne sie tatsächlich abzubilden, fällt die Orientierung nicht immer leicht. Es bleiben auch Fragen offen und einige Figuren wirken nicht völlig überzeugend (vor allem der in Deutschland spielenden Handlung). Der mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Film hat in den etwas zu ausführlichen zwei Stunden Spielzeit auch einige Längen zu durchschreiten.
Mit der Lücke leben
Zentral ist in Golubovics Drama die Frage nach den Auswirkungen des Heldentums. Dabei steht weniger der heroische Akt im Zentrum, als vielmehr die Ernüchterung, nachdem sich die Frage nach dem Effekt stellt, in gewisser Weise die Schattenseiten des tödlichen Heldenmutes, die sich erst den Hinterbliebenen zeigt. Die Trauer und der Verlust eines persönlich wichtigen Menschen reißen scher zu schließende Lücken, Sinnlosigkeit steht unausgesprochen im Raum, ebenso Wut und Hass auf die Täter. Damit umzugehen und sein Leben wieder zu gestalten ist eine schwierige Last, an der die Protagonisten in „Circles“ noch lange tragen.
Haris, das muslimische Opfer will eine Lebensschuld begleichen, indem er der vollkommen entgleisten ja fast lebensmüden Nada auf die Beine hilft, und setzt dabei seine jetzige Existenz und seine Familie aufs Spiel. Ranko als Vater und Nebosja als bester Freund Markos sind hingegen mit Vergebung beschäftigt. Während der Arzt kaum in der Lage ist dem damaligen Täter, der noch immer keinerlei moralische Verantwortung für die Tat verspürt, die notwendige ärztliche Hilfe zukommen zu lassen, rückt auch die Frage nach der eigenen Verantwortung für den Tod des Freundes wieder ins Gedächtnis. Warum ist er selbst nicht eingeschritten, hat es zumindest versucht? Ranko wiederum hat sich eine archaische Lebensaufgabe gestellt, um zu trauern und weiterzuleben. Der Vater kann den Mördern nicht vergeben, aber Tragen ihre Kinder wirklich schuld?
Das Gelungene an „Circles – Krugovi“ ist, dass das Drama von einer Überpsychologisierung der Charaktere absieht und sie in ihrem Alltag zeigt, aber mit der Vergangenheit konfrontiert. Es gelingt dem klugen Drehbuch viele Aspekte des Themenkomplexes anzusprechen, ohne dabei didaktisch konstruiert zu wirken.
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Circles
OT: Krugovi
Genre: Drama,
Länge: 112 Minuten, 2013
Regie: Srdan Golubovich
Schauspiel: Alexandar Bercek, Leon Lucev, Nebosja Glogovac
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Barnsteiner / Lighthouse
Kinostart: 17.04.2014
DVD-VÖ: 22.05.2015





