Die aktuelle Weltlage schlägt mir nicht erst seit gestern auf den Magen. Daher präsentiert brutstatt.de in loser Folge Filmreviews aus dem Archiv, die sich unter dem Motto #WeltImKrieg beschäftigen. Heute „Die Moskauer Prozesse“ von 2014 über den russischen Umgang mit Portest und Kritik unter Putin. Der Text entstand zum Kino-Start.
Lagerhaft für musikalischen Protest, Zwangsarbeit aufgrund religionsfeindlicher Kunst. Der Fall Pussy Riot ging um die Welt und hat Russland auf die Anklagebang in Sachen Meinungsfreiheit gebracht. Der schweizer Theatermacher Milo Rau inszenierte 2013 in Moskau eine Art Bühnenexperiment über drei Prozesse gegen Künstler. Der ein Jahr später veröffentlichte Dokumentarfilm begleitet die Performance und rollt die Geschichte der Schauprozesse wieder auf.
Die Punk-Band Pussy Riot wurde 2012 verurteilt, weil die Frauen in einer Kirche einen Song gesungen haben, in dem die Nähe von Religion und Politik in Russland angeprangert wurde. Im Jahr 2003 wurde eine Kunstaustellung mit dem Titel „Vorsicht, Religion“ verwüstet und einige der Künstler wurden verurteilt. Auch die Macher der Ausstellung „Verbotene Kunst“ wurden heftig angefeindet und mussten Repressalien hinnehmen.
Der Unmut, der sich jeweils lautstark äußerte, kam aus der religiös ultra-orthodoxen Richtung und die Staatsmacht verlieh dem Protest gegen diese Kunstaktionen ihre Legitimation. In Russland ist das Band zwischen Staat und Kirche scheinbar sehr eng und Kritiker sprechen von einem Gottesstaat, in dem der moskauer Pope wesentlichen Einfluss auf die Politik nimmt.
Kunst und Musik in Russland
Milo Rau beschäftigt sich mit staatlichen Repressalien und Verletzungen des Menschenrechts weltweit und seine Theaterprojekte, die er mit dem 2007 gegründeten International Institut of Political Murder weiterverwertet und einer größeren Öffentlichkeit zugänglich macht, sind durchaus machtkritisch. 2010 machte die international beachteten Kino-Doku „Die letzten Tage der Ceausescus“ auf sich aufmerksam. 2017 folgte das Kongo-Tribunal.
„Die Moskauer Prozesse“ ist ein Theater-Experiment. Statt einer Bühne werden einige der Protagonisten der oben erwähnten kulturellen Konflikte zu einer mehrtägigen Gerichtsverhandlung eingeladen, um ihre Standpunkte noch einmal darzulegen. Anschließend soll eine Geschworenen-Jury darüber befinden, ob die Künstler sich in der beklagten Weise schuldig gemacht hatten. Der Film, der diesen Verhandlung begleitet wird noch um Interviewsequenzen mit den Beteiligten und um Archivaufnahmen ergänzt, so dass der Zuschauer ein recht umfassendes Bild der russischen Vorgänge und der Thematik bekommt.
Kunstgericht in Moskau
Der Zuschauer wundert sich kurz, wie denn das russische Justizsystem aufgebaut ist, denn der „Prozess“ wirkt mit seiner Geschworenenjury amerikanisiert, aber das ist wohl ein plakativer Nebeneffekt, der der besseren Veranschaulichung der Performance geschuldet ist. Schnell stellt sich dann allerdings Beklemmung ein, wenn die Gegner der Künstler zu Wort kommen.
Die Stimmung ist unterschwellig aggressiv und von einer Art Diskussion oder Dialog ist der Prozess weit entfernt. So dauert es auch nicht allzu lange, bis aufgebrachte orthodoxe Fundamentalisten von der Veranstaltung Wind bekommen und Einlass begehren. Rau muss die Performance unterbrechen und nur die Einmischung der mitmachenden „Gegner“ wendet eine Eskalation ab.
Klar wird auch, dass die These vom russischen „Gottesstaat“ so abwegig nicht ist. Es scheint fast so als hätten die Jahre des religionsfeindlichen staatlichen Kommunismus zu einer ganz besonderen Empfindlichkeit im Umgang mit dem Thema Religion geführt. Dabei scheinen die religiösen Kräfte im Land extrem fundamentalistisch und auch militant zu sein.
Ein russischer Gottesstaat?
Wie weit das auch für die große Gemeinschaft der Gläubigen zutrifft, lässt sich schlicht nicht sagen, denn die offensive, ja grelle Religionsbewahrung geht in diesen Fällen von einigen, allerdings einflussreichen Keimzellen aus. Und nach dem Film sind die Zuschauer keineswegs zuversichtlich, dass sich die russische Lage in dieser Hinsicht entspannen wird.
Filmisch kommt „Die Moskauer Prozesse“ eher schlicht und bewusst begleitend daher, das erinnert fast an „Direct Cinema“, Regisseur Rau kommentiert nur gelegentlich erläuternd, ansonsten ist der Zuschauer in dem von Untertiteln begleiteten Für und Wider der Argumente und Standpunkte gefangen, angehalten, sich selbst ein Bild zu machen.
„Die Moskauer Prozesse“ wird wohl vor allem ein politisch interessiertes Publikum in die Kinos ziehen, aber das Projekt als solches ist mehr als nur beachtlich und leistet einen wichtigen Diskussionsbeitrag. Ob das die russische Realität, mit der sich die Künstler auseinandersetzten müssen, beeinflusst, darf bezweifelt werden.
Die Moskauer Prozesse
OT: Die Moskauer Prozesse
Genre: Doku, Theater, Politik
Regie: Milo Rau
FSK: ab 6 Jahren
Verleih: Real Fiction /Good Movies
Kinostart: 24.03.2014
DVD-VÖ: 22.05.2015

