A Missing Part: Taxi in Tokio

Das japanische Familienrecht ist schon eigenwillig. Bei Scheidung der Eltern wird einem Elternteil das komplette Sorgerecht zugesprochen. Der andere Elternteil hat weder Anteil daran noch ein Besuchsrecht. Oft genug sehen diese Elternteile ihre Kinder erst wieder, wenn diese volljährig und selbstbestimmt sind. In dem französischen Drama „A Missing Part“ versucht Roman Duris als Ausländer in Japan seine Tochter wiederzufinden.

Seit Jahren fährt Jerome genannt Jay (Roman Duris) in Japans Hauptstadt Tokio Taxi. Der Franzose kennt sich inzwischen so gut in der Stadt aus, dass er den Kollegen Routentipps geben kann. Doch im Grund ist der ehemalige Chefkoch und Restaurant-Besitzer nach Japan gekommen um seine Tochter zu finden. Seine japanische Frau ist mit dem Kind zurück nach Japan gegangen und den Kontakt abgebrochen.

Seither sucht Jay seine Tochter, die er schmerzlich vermisst. Eine Scheidung kommt für ihn nicht in Betracht, weil es den Kontaktverlust bestätigen würde. Eines Tages hilft er eine Französin, der es aktuell ähnlich geht und die nun vergeblich versucht, von den Behörden angehört zu werden. Jay nimmt die verzweifelte Frau kurz bei sich auf, denn eigentlich hat er die Suche nach neun Jahren aufgegeben und will nach Frankreich zurückkehren.

„Kindesentführung“ in einem fremden Land

Doch dann übernimmt er vertretungsweise die Fahrt eines Kollegen, der jeden Tag ein junges Mädchen zur Schule fährt. Jay ist sich sicher, dass Lily Nomura (Mei Cirne-Masuki) seine Tochter ist. Doch wie soll er dem Schulmädchen näherkommen, ohne es zu verschrecken?

Dem belgischen Flmmacher Guillaume Senez kam die Idee für das Filmthema als er zusammen mit Roman Duris („Eiffel in Love“, „Der Schaum der Tage“) den gemeinsamen Film „Nos Battailes“ (2018, deutsch: „Unsere Kämpfe“) in Japan vorgestellt hat. Die Faszination für das fernöstliche Land mischte sich mit dem Befremden über die Situation vieler geschiedenen nicht japanischer Eltern dort.

So speziell und eigenwillig das Thema auf den ersten Blick scheint, so dramatisch ist die Situation auch für die ausgeschlossenen Elternteile. Roman Duris verkörpert seinen taxifahrenden Küchenschef mit einer desillusionierten Routine, die gefangen ist in der sinnstiftenden Suche, von der keine Hoffnung mehr ausgeht. Als dann wieder Hoffnung auftaucht, zweifelt das Publikum ebenso wie Jays Vater an dessen Wahrnehmung. Zu naheliegend ist es, dass sich der Taxifahrer eine Fixe Idee gesucht hat, um sich nicht verändern zu müssen.

Schul-Taxi als Krankheitsvertretung

Über all dem launigen und abwechslungsreichen Taxi-Alltag eines Ausländers in einer der Städte mit dem komplexesten Verkehr weltweit schwebt aber die Große Lücke in Jays Leben, der fehlende Teil. Das ist bei der ruhigen aber durchaus faszinierenden Erzählweise des unaufgeregt gefilmten Dramas schon fanzinierend, wenn sich das Publikum auf die Familienkonstellation einlassen mag.

In „A Missing Part“ wird nicht wie bei „Kramer gegen Kramer“ der Streit in den Mittelpunkt gestellt, sondern die Verzweiflung, plötzlich ausgeschlossen und hilflos zu sein. Das Verhältnis der japanischen Gesellschaft zur Familie scheint ein spezielles zu sein. Nicht von ungefähr trifft der von Brendan Frazer gespielte Amerikaner in Japan in „Rental Family“ auch auf eine alleinerziehende Mutter, die den Ami braucht, um ihre Tochter an eine renommierte Schule zu bringen. Kulturelle Unterschiede lassen sich nicht ohne Weiteres in Kompromissen lösen.

Das ruhige französische Drama „A Missing Part“ erzählt auf unaufgeregte, aber durchaus dramatische Art von der Suche nach einer verlorenen Familie. Dabei lernt das westliche Publikum durch den Blick von Roman Duris Figur das alltägliche Japan auch ein bisschen besser kennen.

A Missing Part
OT: Un Part manquante
Genre: Drama
Länge: 98 Minuten, F, 2015
Regie: Guillaume Senez
Schauspiel: Roman Duris, Tsuyo Shimizo, Mei Cirne-Masuki
FSK: ab 6 Jahren
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 02.04.2026

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