Extrem laut und unglaublich nah: Zu viel ist nicht genug

Die aktuelle Weltlage schlägt mir nicht erst seit gestern auf den Magen. Daher präsentiert brutstatt.de in loser Folge Filmreviews aus dem Archiv, die sich unter dem Motto #WeltImKrieg beschäftigen. Heute „Extrem laut und unglaublich nah“ von 2011. Die Romanverfilmung von Stephen Daldry beschäftigt sich mit den Traumata, die die Anschläge vom 11.9.2001 in New York hinterlassen haben. Der Text entstand zum Kinostart 2012.

Der zwölfjährige Oscar Schell (Tom Horn) ist ein hochintelligentes aber auch ängstliches Kind. Die heile, behütete Familienwelt zerbricht urplötzlich, als Oscars Vater am 11. September 2011 zufällig einen Termin im World Trade Center hat und so zu einem Opfer des Terroranschlags wird. Während Oscars Mutter Linda (Sandra Bullock) mit Apathie auf den Schicksalsschlag reagiert, findet Oscar in den Sachen seines Vaters (Tom Hanks) einen versteckten Schlüssel. Der Junge glaubt, dass dies – wie früher – eine vom Vater inszenierte Suche ist und macht sich mit akribisch und methodisch auf, das Geheimnis des Schlüssels aufzudecken – in der Hoffnung eine Botschaft seines Vaters zu finden.

Die Suche führt Oscar zu dem Namen Black, der auf irgend eine Weise mit dem Schlüssel verbunden zu sein scheint. So nimmt sich Oscar vor, systematisch alle Blacks in New York zu fragen, ob sie seinen Vater gekannt haben. Eine schier endlose Odyssee beginnt – durch eine Stadt, die ihre Normalität sucht. Mutter Linda macht sich zunehmend Sorgen, über das in sich gekehrte Verhalten ihres Sohnes und auf seiner Suche bekommt Oscar unverhofft Gesellschaft von dem ominösen alten Mieter, der bei Oscars Großmutter eingezogen ist und nicht spricht.

Die Suche nach dem Verschwundenen

Vor den Anschlägen vom 11. September entfaltet „Extrem laut und unglaublich nah“ eine epische Suche und erzählt eine Familiengeschichte von Schmerz, Verlust und Trauer aber auch von Hoffnung Liebe und Vertrauen. Es wird schnell klar, dass der eigenwillige Oscar mit dieser Aufgabe einen Weg sucht, mit der Trauer umzugehen. Und Regisseur Stephen Daldry („Billy Elliot“, „Der Vorleser“) findet für die Ängste und die Selbstüberwindung des Jungen eindrucksvolle Bilder.

Doch die Geschichte ist überladen mit Motiven und Charakteren, die nur angedeutet werden und so zu Wegmarken auf Oscars unendlicher Suche verkommen. Die vielen Begegnungen mit dem „Blacks“ werden ebenso auf Situationen reduziert, wie die Familiengeschichte von Oscars Großmutter, die den aus Deutschland stammt und ihren Sohn, Oscars Vater, alleine aufgezogen hat. Auch Linda, die Mutter des Jungen, spielt in den Geschehnissen eine seltsam randständige Rolle.

Oscar selbst wird von Tom Horn großartig gespielt, und der hochintelligente Junge, der in einem Nebensatz erwähnt, dass man ihn mal auf das Asperger-Syndrom untersucht hat (Eine Art Autismus), ist auf seiner Expedition konstant gezwungen seine hypochondrischen Ängste zu überwinden. Doch dem Zwölfjährigen fällt es schwer seine Gefühle zuzulassen.

Nach dem Roman von Jonathan Safran Foer

Autor Jonathan Safran Foer hat ein Faible für kauzige, sehr eigenwillige Helden und auch Oscar passt in diese Spezies und gelegentlich schimmert eine Nähe zu Elija Wood durch, der in „Alles ist erleuchtet“ das filmische Alter Ego des Autors bei seiner Suche nach den Vorfahren verkörpert. Auch in „Extrem laut“ geht es auch um die Suche nach der Familie, vielleicht noch mehr als es um die Terroranschläge geht. Denn letztlich nutzt der Film diese nur als Hintergrund. Traumatische Verluste ließen sich auch anders erzählen. Es bleibt die Ahnung, dass „Extrem laut und unglaublich nah“ dem Phänomen 9/11, was auch immer das ausmacht, nicht einmal ansatzweise nahekommt.

So verwundert es nicht, dass Stephen Daldrys Bestseller-Verfilmung mit zunehmender Spieldauer immer weniger emotional zu packen weiß und die dramatische Ausgangslage sich wie auch Oscars Suche nach dem Schloss, in das der Schlüssel passen muss, immer mehr verzettelt und verheddert.

Stephen Daldrys Bestsellerverfilmung „Extrem laut und unglaublich nah“ ist zwar mit wunderbaren Darstellern besetzt, doch das Drama ist überladen und die Geschichte verzettelt sich in der Vielzahl der Motive, die zwar angedeutet aber nie erzählt werden. Die Bestseller-Verfilmung „Extrem laut und unglaublich nah“ nach einem Roman von Jonathan Safran Foer ist Kino mit großem Gefühl, bei dem ein seltsamer Nachgeschmack bleibt.

Extrem Llaut und unglaublich nah
OT: Extremely Loud & incredibley Close
Genre: Drama
Länge: 129 Minuten, USA, 2011
Regisseur: Stephen Daldry
Vorlage: Gleichnamiger Roman von Jonathan Safran Foer
Schauspiel: Tom Horn, Sandra Bullock, Max von Sydow
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Warner
Kinostart: 16.02.2012
DVD- & BD-VÖ: 22.06.2012

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