Chronos – Fluss der Zeit: Im Osten Europas

Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist der Dokumentarfilmer Volker Koepp in Europas Osten unterwegs und spürt den vergangen Leben nach. Mit „Chronos – Fluss der Zeit“ macht sich der mittlerweile 81jährige noch einmal auf um die Menschen, Städte, Landschaften und Flüsse erneut zu besuchen. Das titelgebende Chronos bezieht sich dabei (auch) auf den römischen Namen der Memel.

Wer sich auf „Chronos“ einlässt braucht selbst ein wenig Zeit. Mehr als drei Stunden lang präsentiert Koepp Menschen, Orte und Schicksale. Und auch der Filmmacher brauchte mehr Zeit als geplant. Das 2020 begonnene Filmprojekt solle eigentlich bereits 2021 beendet sein. Doch dann passierte die Corona-Pandemie, vieles kam zum Stillstand und anschließend hat Russland die Ukraine angegriffen. Auch das macht Film-Drehs extrem kompliziert. Und dennoch ist „Chronos – Der Fluss der Zeit“ am Ende fertig geworden und reicht bis in die aktuelle Gegenwart.

Der Begriff Sarmatien beschrieb in der Antike mal ein Gebiet das östlich des Flusses Weichsel liegt und vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee reicht. Der deutsche Dichter Johannes Bobrowski, geboren 1917 in Tilsit, nahm den Begriff wieder auf um seine Lyrik zu verorten. Volker Koepp („Gehen oder Bleiben“) kam auch über Bobrowski und die eigene Herkunft (geboren in Stettin) zur filmischen Beschäftigung mit Europas Osten, der eine so wendungsreiche Historie hat und so viele Ethnien beherbergt.

2013 drehte Volker Koepp den Film „In Sarmatien“ der auch Halt macht in der Ukraine, in Belarus und in Polen. Nun knüpft „Chronos“ aus an jenen Film an und fragt nach bei jenen, die einst vorgestellt und befragt wurden, wie es denn ergangen ist. Und ebenso hält „Chronos“ auch Rückschau auf Koepps frühere Reisen und Filme in dieses Sarmatien. Da werden Ausschnitte aus einem halben Jahrhundert Dokumentarschaffen zusammengefügt und dennoch ist „Chronos“ allenfalls ein Zwischenfazit.

Wieder in Sarmatien

Die aktuellen Konflikte, vor allem der russische Krieg bestimmen Koepps aktuellen Film schon sehr, doch zugleich ordnet der Film eben auch ein, dass Machtverhältnisse und territoriale Verschiebungen östlich der Weichsel schon immer das Leid der Menschen bestimmt haben. Die Betrachtungen und Begegnungen riechen von der Republik Moldau bis hin zum Memeldelta im Kurischen Haff an der Ostsee.

Unter anderem trifft Koepp die ehemalige Publizistin Anetta Kahane, die belarussische Dichterin Volha Hapeyeva, und die aus der Ukraine stammende Professorin Tetyana Hoggan-Kloubert. Uns so knüpft der Film immer wieder an frühere Betrachtungen an, und das Publikum mag selbst Bezüge und Zusammenhänge herstellen. Eindrücklich sind dann immer wieder überraschende und intuitive Szenenwechsel. So wie die Straßenbetrachtungen aus dem ukrainischen Czernowitz aus dem Jahr 2023, mitten im Krieg.

Volker Koepp hat eine ganz eigene Art Dokumentarfilme zu drehen. Den Menschen, die er trifft, lässt er Freiraum zu erzählen. Das schweift gelegentlich ab und ist doch immer faszinierend. Koepp selbst fragt nach und greift so unaufgeregt in das Filmgeschehen ein. Das Publikum begleitet den Filmmacher eher, als dass es sein Werk aufnimmt. Die ruhige, unaufgeregte Atmosphäre lässt immer auch Raum für eigene Gedanken und Betrachtungen. Und so können die Begegnungen mit den Menschen auch ein- und nachwirken.

Vielleicht ist „Chronos – der Fluss der Zeit“ nicht der beste Film und in Volker Koepps umfangreiches Gesamtwerk einzusteigen, aber die 198 Minuten sind klug verbracht, sofern mensch sich für das Land und die Leute in Sarmatien interessieren. Ein epischer Bilderbogen.

Chronos – Fluss der Zeit
OT: Chronos – Fluss der Zeit
Genre: Dokumentarfilm
Länge: 198 Minuten, D, 2026
Regie: Volker Koepp
FSK: ohne Altersbeschränkung
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 12.03.2026

Chronos bei Edition Salzgeber

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