Father Mother Sister Brother: Kaffee, Tee und leere Räume

Independent-Film-Ikone Jim Jarmusch hat nach Jahren mal wieder einen Film am Start. Der Mann des lakonischen Humors und der schrägen Typen untersucht in einem Filmischen Dreisprung Familienkonstellationen zwischen Eltern und erwachsenen Kindern. Dafür gab es in Venedig im vergangenen Herbst eine Auszeichnung als Bester Film. Nun kommt „Father Mother Sister Brother“ am 26. Februar 2026 auch hierzulande in die Kinos.

Der Titel von Jim Jarmuschs 14. Spielfilm ist keineswegs eine Aufzählung. Wer genau hinschaut, wird die fehlenden Satzordungszeichen bemerken. Das hat durchaus Methode, ebenso die Nähe zwischen Schwester und Bruder im Plakatschriftzug. Daran mögen Interpretationsfreudige bereits die drei Episoden diesen „behutsamen Tryptichons“ ablesen und auch eine psychologische Konstellation wie bei einer Familienaufstellung.

Nun denn; zunächst geht es mit dem Angestellten Jeff (Adam Driver) und seiner Schwester Emily (Mayim Bialik) aufs verschneite nordamerikanische Land. Der alleinlebende Vater (Tom Waits) macht den Nachkömmlingen gelegentlich mal Sorgen. Aber so richtig intensiv scheint der Geschwisteraustausch auch nicht zu sein. Beim Gespräch während der Fahrt stutzen die beiden schon gelegentlich. Beim Vater, der sich zauselig gibt, geht es auch eher bemüht zu.

„Den will ich einen echten Wagenlenker nennen, der einem Zorn, der so schnell ist wie der schnellste Wagen, einhalt gebieten kann.

Anschließend hat die Mutter (Charlotte Rampling) ihre beiden erwachsenen Töchter zum Tee geladen. Die erfolgreiche Autorin wird mit zwei sehr unterschiedlichen Frauen konfrontiert. Hier die brave und bieder Timothea (Cate Blanchett), da die rosahaarige, dauerpleite Lilith (Vicky Krieps). Und wer dachte bei den Amis gehe es schon verkniffen zu, wird in Dubln eines Besseren belehrt.

Abschließend machen sich die afro-amerikanischen Zwillinge Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) in Paris auf Spurensuche ihrer verstorbenen Eltern. Die beiden reflektieren über ihre unkonventionelle Erziehung und ihre Kindheit auch und gerade in Paris.

„Father Mother Sister Brother“ ist ein typisches Beispiel für ein Kunstwerk, bei dem das Ganze mehr ist als die Summe aller Teile. So wird aus den teils behutsamen, teils verschrobenen Familiensituationen ein Ausloten komplizierter Beziehungen von Eltern und erwachsenen Kindern. Das sagt auch immer etwas aus über das Land oder das Leben, das die Familien geführt haben.

Die anderen haben keine Kraft; sie halten bloß die Zügel.“
(Dhammapada, nach Tolstois „Kalender de Weisheit“)

Wer schon einmal einen Jim Jamusch Film gesehen hat, weiß, dass es Raum genug gibt um sich eigene Gedanken zu machen. Im Gesamtwerk des kultverehrten Independent-Filmmachers markiert „Father Mother Sister Brother“ vielleicht so etwas wie ein mildes Alterswerk. Das ist bisweilen etwas zu trocken und zu spröde ausgefallen. Es lässt den hinreißenden Darsteller:innen aber genug Raum zur Entfaltung. Dadurch entstehen in jeder der drei Episoden – oder Teile des Tryptichons – hinreißende Szenen, die aufwiegen, dass der Film insgesamt etwas zu sehr mäandert.

Jarmusch hat in seiner Karriere immer wieder mit denselben Schaupsielerin gearbeitet und so gehören Cate Blanchett, Adam Driver und Tom Waits quasi zur Familie. Auch hat Jarmusch schon Episodenfilme vorgelegt („Night on Earth“) und Familienkonstellationen untersucht („Broken Flowers“). Was in „Father Mother Sister Brother“ auf die Leinwand gezaubert wird hat seine Momente und auch eine Erzählstruktur im Sinne einer Hegelschen Widerspruchslehre von These, Gegenthese und Synthese. Aber das war ja möglicherweise schon im Titel angelegt.

„Father Mother Sister Brother“ ist ein typischer und auch gelungener Jim Jarmusch Film. Ich gestehe, dass ich persönlich die früheren Filme knackiger und inspirierender finde. Doch weil’s immer schon ist, Bekannte wiederzutreffen und ich mich in Jarmuschs Welt und Weltsicht geborgen fühle, freue ich mich. Und ich gestehe weiter, dass ich in der Venedig Jury sitzend eher einem anderer Werk aus dem starken Wettbewerb einen Löwen zugeteilt hätte.

Bewertung: 7 von 10.

Father Mother Sister Brother
OT: Father Mother Sister Brother
Genre: Drama, Episodenfilm
Länge: 110 Minuten, USA/D/I/IR/F, 2025
Regie: Jim Jarmusch
Schauspiel: Cate Blanchett, Adam Driver, Tom Waits, Charlotte Rampling,
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Weltkino
Kinostart: 26.02.2026

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