The Light Below – Georgia: Album Review

Das Berliner Outfit „The Light Below“ hat ein wuchtiges Post-Metal-Album veröffentlicht, das schwere Sounds mit georgischem polyphonem Gesang verbindet. Den steuert das Frauen-Vokal-Ensemble Akhla bei. Die Musik wurde immerhin noch von Steve Albini aufgenommen. Bei My Proud Mountain ist „Georgia“ nun in allen Formaten erschienen.

Hoagy Carmichael hatte anderes im Sinn, als er den Jazz-Standard „Georgia on my Mind“ komponierte. Georgia bezeichnet im Englischen aber auch den Staat Georgien. Das Land im Südkaukasus war während des Bestehens der UdSSR eine der Sowjet-Republiken, aber vorher und auch hinterher wieder ein eigenständiger Staat. Politisch ist das Land nicht sonderlich stabil, aber das tut hier nun nix zur Sache.

Wohl aber das immaterielle Weltkuturerbe Georgiens: nämlich der polyphone Gesang, der seit 2001 in die Liste der UNESCO aufgenommen wurde. Das ist nun keineswegs nur Infotainment für das Bildungsbürgertum, sondern sinnstiftende Vorbemerkung für das vorliegende musikalische Projekt. Und hier fangen meine Probleme an.

Nicht falsch verstehen, ich finde das Album großartig, die Kombi funktioniert für mich ganz hervorragend und als Pagan-Metal für Fortgeschrittene sowieso. Aber irgendwie hapert es noch bei mir. Da ruckelts im Karton und in der Wahrnehmung der Angelegenheit.

Abrissbirne trifft Weltkulturerbe

Sobald jemand singt, wird ja immer gerne von Chor gesprochen. Ich bin da etwas pingeliger: Chor ist, wenn alle Stimmen mehrfach besetzt sind. Chor ist bei Manowar in der Kirche, bei den Gefangenen in „Nabucco“. Bei den hinreißend singenden Damen vom Akhla-Ensemble ist das nicht der Fall. Ich mache da schon ein Quintett aus, wenngleich im Zusammenhang mit The Light Below nur vier Sängerinnen zu sehen sind.

Ich verstehe schon, dass das einer headbangenden lärmbegeisterten Meute nur schwer vermittelbar zu sein scheint. Und dennoch; auch die schwedischen Post-Metaller Cult of Luna haben ja so einen Kultur-Anspruch. Und musikalisch ist das in Teilen durchaus vergleichbar zu dem was The Light Below auf „Georgia“ abliefern. Und das Artwork soll extra auf die besondere Athom angepasst sein und ist sehr gelungen. Nichtsdestotrotz kommen mir auch die Motorpsycho Alben-Cover der Gullväg Trilogy in den assoziativen Sinn.

Erwähnt wird auch Steve Albini, seines Zeichens selbst Musiker und weltbekannter Produzent, allerdings ist Albini im Mai 2024 verstorben. Wenn der nun die Musik aufgenommen hat und Akhla vor einigen Monaten die bereits 2020 eingesungenen Acapella-Versionen von zwei der auf „Georgia“ vertretenen Liedern bei youtube veröffentlichen, frage ich mich schon, was da so lange gebraucht hat? Womöglich war noch Feinjustierung anzugehen. The Light Below hat auch so einen Projektcharakter.

Heavy Vocal-Arrangements

Wie dem auch sei. Bereits Igor Stravinsky war begeistert vom polyphonen georgischen Gesang und hat sich davon inspirieren lassen. Dieser ursprüngliche und vielgestaltige Gesang hat etwas Althergebrachtes, das auch das Innere vibrieren lässt. Möglicherweise mag der eine oder die andere Hörerin mit den weiblichen Stimmlagen so seine Probleme haben, aber so weit ist dies nicht von Symphonic Metal entfernt. Es braucht nur etwas Gewöhnung, weil die Klangfarbe eine andere ist.

Die Kombination von dieser Art mehrstimmigem weiblichen Gesang und den schweren Beats und verzerrten Riffs ist schon majestätisch und faszinierend. Und das gilt auch für die Songs, die wohl weitgehend aus dem Fundus traditionellen georgischen Liedguts stammen. Den Instrumentalisten von The Light Below gebührt nun die Ehre, dafür moderne, rockige und stimmige Arrangements gefunden zu haben. Das ist ziemlich überzeugend gelungen. Und macht mir persönlich ganz erheblichen Spaß, zu dem sich hinreißend Headbangen lässt.

Experimentelle Folklore

Insgesamt reicht der musikalische Spannungbogen (innerhalb der postmetallischen Genresetzungen) von heavy Rockern über atmosphärische Elegien bis hin zu fast tanzbaren alternativen Metal Hymnen. Möglicherweise wäre ein anderer Album-Einstieg als „Arulalo“ etwas zugänglicher gewesen, aber auf diese Weise baut sich der Gesang als wesentliches Trademark des Sounds charismatisch auf. Und das nur von einem Drone unterstützte abschließende „Deli Deli“ rundet das Album den Kreis vollendend hinreißend ab.

Die längeren Songs scheinen bei mir etwas besser zu verfangen, weil sie intensiver Atmosphäre aufbauen. Und auch das etwas Eingängigere weiß zu gefallen. Anspieltipps wären also vielleicht das weitgehend getragene „Kliralesa“ und das epische „Batonebo“ und das groovy „Bicho“. Es lohnt sich auf jeden Fall ein Ohr zu riskieren.

The Light Below legen mit „Georgia“ ein außergewöhnliches Post-Metal-Album vor. Die Kombination von Heavy Rock und georgischem polyphonen Gesang ist zwar ungewohnt und fordernd, erweist sich aber als sehr charismatisch. Das hand- und stimmwerkliche Geschick der Musiker:innen tut ein Übriges. Ein Schmankerl für abenteuerlustige Fans schwerer Töne.

Bewertung: 9 von 10.

The Light Below – Georgia
Genre: Post Metal,
Länge: 41 Minuten, D, 2026 (11 Songs)
Interpret: The Light Below
Label: My Proud Mountain
Vertrieb: Cargo Records
Format: CD, digital, Vinyl
VÖ: 320.01.2026

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