Sissies – Cockroach Swing: Album Review

Da tanzt die Küchenschabe nicht nur in der durchgefeierten WG-Küche, sondern gewöhnt sich auch noch das breitbeinige Headbangen an. Sissies aus Hamburg, nicht zu verwechseln mit „The Sissies“ aus Bloomington, legen mit „Cockroach Swing“ ein derbe abgehendes Album vor. Die Band bezeichnet ihren Stil als Doompunk, ich würde es als räudigen Hardrock mit Streetpunk Attitüde wegsortieren. Aber bevor der Tonträger ins Regal wandert, sollte die geneigte Hörerschaft ein Ohr riskieren.

Es ist nicht viel rauszukriegen über die Band, die wohl in den 1990ern mal zwei Alben veröffentlicht hat, „Fixed“ und „Juice“. Dafür gute Kritiken, Szenebeachtung und diverse Gigs mit anderen schwer rockenden Kombos internationaler Gute an Land gezogen hat. Mir sagte das alles wenig, die Band hält sich bedeckt mit Infos. Was seither im Bandbetrieb geschehen ist und warum nun ein neuer Tonträger auf die Gemeinde losgelassen wird? Wer weiß. Der Bandname, der sich mit Weicheier oder Memmen übersetzen ließe, ist jedenfalls derb ironisch, denn der Sound ist nix für zarte Ohren.

Möglicherweise könnte die Band irgendwie medial etwas mehr Präsenz zeigen, wenn sie schon neue Musik auf den Markt schmeißt, aber da hatten jüngst Monolith aus Bremen auch so ihre fremdelnden Momente. Möglicherweise ist das auch Underground Absicht. Immerhin hat die Band auf dem aktuellen Ox-CD-Sampler nen Auftritt. Aber frägte man mich, gäbe ich zu bedenken, dass Sissies nicht Tool sind. Da sollte ne Band schon mal die Nase in die Kamera halten und medialen Rummelsnuff machen.

„Bruce Lee sein Grab“

Es mag dem Sextett ein Anliegen gewesen sein, einen Nachfolger für das damalige Schaffen zu kreieren und an die seligen Zeiten anzuknüpfen. Die Songs sollen aus dem gesamten Zeitraum der letzten zwei Dekaden stammen und wurden nun mit beachtlichem Schub und wuchtigem Sound in den Studios von Beatseaks-Mitglied Thomas Götz auf Tonträger gebannt. Herausgekommen ist „Cockroach Swing“ und der macht mächtig Wirbel im der Kakerlaken-Kolonie.

Geboten werden auf „Cockroach Swing“ zehn Songs, die allesamt im schwermetallischen Schubbereich liegen, ihre Punk Wurzeln aber niemals verhehlen können oder wollen. Mich erinnert das zum Auftakt an die (positiv gemeinte) Räudigkeit der frühen Rose Tattoo. Die Australier waren seinerzeit die bösere und gefährlichere Version von AC/DC und machten Aussie Rock mit rostigen Ecken und Kanten.

Weil ja derzeit alles ziemlich gehypt wird, was an Punk & Co aus Melbourne kommt, könnten Sissie in dem Sektor auf eine willige Fanbase treffen. „Cockroach Swing“ eröffnet den Liederreigen und kommt mit deftigem Sund, schweren Gitarrenwänden und uptemo ums Eck. „“Bloodlust“ setzt eher auf harten Groove und melodischeren Refrain ohne an Energie zu verlieren. „Bruce Lee sein Grab“ ist der erste von drei Songs mit deutschen Texten und reimt gekonnt „Scheiß auf Helden aus and‘ren Welten“. Alles ma schön im Kiez lassen.

Muchas Preguntas zur Bandgeschichte

„No Preguntas“ (Keine Fragen) gibt dann aber auch nur bedingt Antworten hat aber ein gnarliges Gitarrensolo zu bieten, das wirkt, als wäre der Anfang rückwärts aufgenommen worden. „Nicht lang Fackeln im Sturm“ hat dann wieder einen popkulturellen Wortwitz zu bieten, den ich als Mittfuffziger wohl eher verstehe als der gemeine Nachwuchspunk. Die Botschaft ist jedenfalls klar: Standhaft bleiben bei Gegenwind.

Seite B beginnt mit „Protest“ im getragenen Midtempo-Bereich und bedient das Doom-Element der Musik, packt mich aber nur bedingt. „Nordsee“ geht wieder flotter zur Sache, Texte wieder deutsch und heimatlich nach Hark Bohms Film „Nordsee ist Mordsee“. „She Junk of the Week“ ist einfach so an mir vorbeigetrudelt ohne unterscheidbaren Eindruck zu hinterlassen. „Black“ hingegen mag sich auf den schwarzen Block oder das vermummte Randalieren an sich beziehen, beziehungsweise den Tourismus in jenem Bereich des Aktivismus. Der Ruf nach dem Anwalt wird im Refrain wiederholt und klagend erhoben.

Zum Abschluss eines wahrlich wuchtigen und großteils phett gegossenen Albums gibt es mit „5 Reasons“ die wohl abwechslungsreichste Nummer der Scheibe. Der Auftakt ist behäbig und schwer und lange instrumental, dann wird’s gesungen flotter und zum Ausklang gibt’s noch ein paar Gitarrentakte ohne Verzerrer.

Die Sissies aus Hamburg haben mit „Cockroach Swing“ eine wuchtige, aggressionsgeladene Platte veröffentlicht, die ebenso zeitlos ist wie eindeutig im Neunziger Heavy Rock verhaftet. Das knüpft wahrscheinlich an das damalige Musizeren der Band an, ist mutmaßlich um klassen geiler produziert und mag mit ebenso großer Wahrscheinlicheit zwischen den Genrestühlen Heavy Rock und Street Punk durchrutschen wie von den jeweiligen Fans abgefeiert werden. Keine Neuerfindung dessen was Mötorhead und Konsorten einst auf den Weg brachten aber ein gelungener Beitrag zur hanseatischen Hard Rock Historie. Welcome back!

Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

Sissies: Cockroach Swing
Genre: Heavy Rock, Doom Punk
Länge: 37 Minuten (10 Songs), D, 2024
Interpret: Sissies
Label: Waxlife Records
Vertrieb: Sounds of Subterranea
Format: Vinyl, digital,
VÖ: 03.05.2024

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