
Einen Trip nach Japan verspricht Türchen #12 im #Filmadvent. Es war gerade mal ein paar Monate her, dass „Still the Water“, der letzte Film der japanischen Filmmacherin Naomi Kawase hierzulande in den Kinos anlief. Dann kam mit „Kirschblüten und rote Bohnen“ bereits ihr neues Werk auf die Leinwand. Die anrührende Geschichte zweier Außenseiter geht auf den ersten Blick zuckersüß durch den Magen und reiht sich perfekt in den Trend des kulinarischen Kinos ein. Aber „Kirschblüten und rote Bohnen“ hat mehr zu bieten.
An einer idyllischen Allee aus Kirschblüten in Tokio betreibt Einzelgänger Sentaro (Masatoshi Nagase) einen Dorayaki-Imbiss. Die traditionelle Süßspeise aus Pfannkuchen und süßer Bohnenpaste (An –wie der Originaltitel des Films) ist vor allem bei Teenagern beliebt. Weshalb die Schülerin Wakana (Kyara Uchida) Stammgast bei dem schweigsamen Wirt ist.
Sentaro sucht eine Aushilfe und eines Tages taucht die 76-jährige Tokue (Kirin Kiki) vor der Bude auf und bewirbt sich. So recht begeistert ist Sentaro nicht, aber die pfiffige alte Dame ist hartnäckig, kritisiert die Bohnenpaste seiner Dorayakis und lässt beim nächsten Mal eine Geschmacksprobe ihrer eigenen An-Paste da.
Weil er die Bohnenpaste nicht so recht hinbekommt, hat Sentaro bislang ein Fertigprodukt eingekauft und nur die Pfannkuchen selbst gebacken. Doch Tokues An überzeugt den anfangs skeptischen Imbissbudenbesitzer. Er stellt die kauzige alte Dame als Küchenhilfe ein. Doch um eine gute Bohnenpaste herzustellen braucht es Zeit und so beginnt Sentaros Tag jetzt in aller Herrgottsfrühe. Das zahlt sich allerdings schnell aus und die Kundschaft steht Schlage.
Süße Bohnenpaste de Luxe
Solange bis sich das Gerücht verbreitet, die alte Dame hätte Lepra. Sentaros Vermieterin legt ihm dringend ans Herz die alte Küchenhilfe wieder zu entlassen. Doch davon will der Imbisswirt nichts wissen. Inzwischen ist Wakana zuhause abgehauen und fängt an, in der Dorayaki-Bude auszuhelfen. Doch dann bleiben die Kunden aus.
Regisseurin Naomi Kawase („Radiance“) betritt mit „Kirschblüten und rote Bohnen“ in mehrerer Hinsicht Neuland. Und ausgerechnet dieser zutiefst japanische Film wurde mit Mitteln aus Deutschland und Frankreich koproduziert. Das Werk soll den internationalen Durchbruch für die Filmmacherin bringen. Das Konzept könnte tatsächlich aufgehen, denn die Geschichte dieser Wahlfamilie am Rande der Gesellschaft ist universell verständlich.
Und er vermittelt auf leicht nachvollziehbare Weise Werte wie Toleranz und Respekt. Durch die drei Generationen in dem Imbiss finden alle Altersgruppen einen emotionalen Zugang und die Zubereitung von Nahrung ist ein angesagtes Filmsujet das absolut mainstream-kompatibel ist.
Zudem ist die Besetzung absolut gelungen und die Dynamik zwischen den drei Hauptfiguren ist einfach großartig. Allein die Rollenverteilung zwischen Imbisswirt und Aushilfe ist sehenswert, die sich beim Kochen in Küchenmeisterin und Lehrling umkehrt. Dazu stattet Kirin Kiki ihre alte Dame mit charmanter Kauzigkeit, erstaunlicher Lebensfreude und viel Lebensweisheit aus.
Lernen von den Alten
Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde „Kirschblüten und rote Bohnen“ von der Kritik als eher seicht und etwas gefühlsduselig und rührselig empfunden. Anders als die hochgelobten Vorgängerfilme Kawases. Aber das ist nur eine Sicht der Dinge. Die Filmmacherin will sich weiterentwickeln und will ein größeres Publikum erreichen. Dazu dreht sie erstmals im urbanen Tokio und adaptiert erstmalig einen fremden Stoff.
Die literarische Vorlage stammt von dem japanischen Autor Durian Sukegawa (Im Dumont Verlag erschienen. Kawases großes Thema, der Konflikt zwischen Tradition und Moderne, findet sich in „Kirschblüten und rote Bohnen“ in der Herstellung der Paste wieder. Doch das ist keineswegs das Hauptthema des charmanten aber auch zu Herzen gehenden Dramas, sondern der Umgang Japans mit Leprakranken und den Vorurteilen Behinderten gegenüber. Und hier geht es für die japanische Gesellschaft ans Eingemachte und für den europäischen beziehungsweise westlichen Zuschauer ins Unbekannte und Unverständliche.
Nachdem ich „Kirschblüten und rote Bohnen“ gesehen hatte, wollten Fragen beantwortet werden. Was hat es mit der Krankheit Lepra auf sich? Wieso lebt die offensichtlich ganz gesunde alte Frau, die „nur“ etwas deformierte Hände hat, in einer Lepra-Quarantänestation? Warum bleiben dem Dorayaki-Imbiss die Kunden weg? Ein paar kurze Antworten, die auch deutlich machen, dass Naomi Kawases Drama eben nicht nur eine anrührende Geschichte von gesellschaftlichen Außenseitern erzählt.
Vorurteil und Tradition
Lepra ist ein der am wenigsten ansteckenden Infektionskrankheiten und gilt heute – je nach Ausprägung – grundsätzlich als therapierbar. Weltweit ist die Zahl der Leprafälle seit Jahrzehnten deutlich rückläufig und WHO versucht, die Krankheit ganz auszurotten. 2008 waren nach WHO Angaben weltweit nur noch rund 200 000 Infizierte registriert. Während Lepra in Europa seit Ende des 19. Jahrhunderts faktisch kaum eine Rolle spielte sieht die Lage in Asien schlechter aus. (1993 gab es in Asien noch 1,7 Millionen Leprakranke, in Europa circa 8000.)
In Japan wurden Leprakranke seit 1906 unter Zwangsquarantäne gestellt und dabei zwangssterilisiert und Schwangere auch zu Abtreibungen gezwungen. Erst 1996 wurde die Quarantäne aufgehoben, doch eine gesellschaftliche Reintegration der inzwischen zumeist alten und familienlosen Menschen war und ist kaum möglich. Es herrschen weiterhin große Vorurteile gegenüber Missgestalteten und Behinderten. Obwohl das japanische Parlament das Unrecht der Zwangsmaßnahmen anerkannt und Entschädigungen in Aussicht gestellt hat, lies ein entsprechendes Gesetz (zum Filmstart) noch immer auf sich warten.
Das japanische Drama „Kirschblüten und rote Bohnen“ ist ein sehenswerter, ergreifender Film mit tollen Darstellern und liebenswerten Charakteren am Rande der Gesellschaft. Dramaturgisch ist Geschichte dieser Wahlfamilie allerdings nicht so beeindruckend ausgefallen wie das eindringliche und wunderschöne „Still the Water“.
Kirschblüten und Rote Bohnen
OT: An
Genre: Drama,
Länge: 113 Minuten, J, 2014
Regie: Naomi Kawase
Schauspiel: Kirin Kiki, Kyara Uchida, Masatoshi Kagase,
FSK: ab 0 Jahren, ohne Altersbeschränkung
Vertrieb: Neue Visionen /Good Movies / Indigo
Kinostart: 31.12.2015
DVD- & BD-VÖ: 26.08.2016
