Die lange Straße: Jubiläumsfeiern in Grafenberg

Die Fernsehserie „Die lange Straße“ entstand in der DDR 1979 und wurde anlässlich des 30jährigen Staatsjubiläums gedreht und im September 1979 innerhalb wenige Tage ausgestrahlt. Das Serienformat begleitet die Familie Hollmann durch die Jahrzehnte, durch wichtige Ereignisse für die DDR und durch die fiktive Heimatstadt Grafenberg. Oft genug gibt es etwa zu feiern. Onegate, die Vertriebsgesellschaft von Studio Hamburg Enterprises, veröffentlicht die TV-Serie im November 2022 wieder für das Home-Entertainment.

Michel Hollmann (Arthur Müller) hat die Schnauze eigentlich voll vom Straßenbau. Da steht du in den Nachkriegsjahren am Stadtrand von Grafenberg im Märkischen und sollst eine Straße bauen für ein Gummiwerk, das noch nicht einmal in Planung ist.

In Planung ist im Jahr 1949 vieles, auch die Gründung eines ostdeutschen Staates aus der Sowjetische Besetzten Zone (SBZ) heraus. Die Deutsche Demokratische Republik kommt. Doch für Michel Hollmann ist erstmal wichtiger anzubauen. Denn Ehefrau Lotte (Walfriede Schmitt) hätte gerne mehr Komfort und die fast erwachsene Tochter Gerda (Brigitte Raatz) sieht in der Kleinstadt keine Perspektive für sich. Fragt sich, ob Gerda studieren geht, oder gleich in den Westen. Immerhin hatte Tante Elli bereits angeboten, dass die Nichte in ihrem Bekleidungsgeschäft in einer Niedersächsischen Stadt mitarbeiten könnte.

„Der Mensch lebt heute, nicht übermorgen.“ (Michel Hollmann)

Doch Michel ist nicht der einzige Hollmann, der Familienprobleme hat. Sein älterer Bruder Karl ist Bürgermeister und hat eine Affäre mit seiner Sekretärin. Karls vernachlässigter Sohn Jürgen fährt der Mutter ungefragt nach Berlin hinterher, wo diese geschäftlich zu tun hat.

Auch Hollmanns Schwester Hanna Prohl, die mit dem Fischer Hermann (Klaus Manchen) verheiratet ist, der sich immer wieder mit dem Müller um Fischerei-Rechte streiten muss, hat es nicht gerade leicht. Die letzte Schwester, Edeltraut (Karin Gregorek) ist immerhin mit einem Fabrikanten verheiratet. Doch Berthold Bennert (Hans Teuscher) sieht die Sozialisierungsbemühungen mit Skepsis und sorgt sich auch um die Fabrik.

Und dann sind da noch viele Grafenberger Bürger und Michels Kollegen wie Joachim Gärtner, Wolfgang Prossek, und Walter Rose (Helmuth Schellhardt) und der Parteifunktionär des Landkreises, die immer wieder auftauchen.
Die Serie mit einer Gesamtspielzeit von annähernd acht Stunden ist in fünf spielfilmlange Episoden aufgeteilt, die jeweils eine Phase aus der DDR-Historie beleuchten. Das Szenario und die Handlung stammen aus der Feder von Schriftsteller und Drehbuchautor Gerhard Bengsch (1928 bis 2004), der bis zum Ende der DDR zu den produktivsten Drehbuchautoren der Republik gehörte.

Nach der Wende verfasste Bengsch nur noch wenig Stoffe für das TV, widmete sich aber wieder der Schriftstellerei. Inszeniert wurden die ersten beiden Folgen von Regisseur Christian Steinke, die letzten drei Episoden von Peter Wolwerth. Es scheint plausibel, die Episoden dieser dreißig Jahre umspannenden Chronik in ihrer Handlung einzeln vorzustellen und anschließend ein Serienfazit zu ziehen.

1. Die Geburtstagsfeier

Im Serienauftakt „Die Geburtstagsfeier“ werden zunächst die handelnden Personen vorgestellt. Die Kleinstadt Grafenberg liegt grenznah und auch nicht allzu weit von Berlin entfernt, was vor allem anfangs noch zu vielen Bezügen nach Westdeutschland führt. Für die Bewohner der SBZ ist es völlig normal im „Westen“ zu arbeiten und dort Verwandte zu besuchen oder Sachen einzukaufen.

Zwar ist den Grafenbergern schon bewusst, dass sich die Dinge in der kommenden DDR anders entwickeln als in den übrigen Besatzungszonen, aber Heimat bliebt nun einmal Heimat. Viel eher sind Michel Hollmann und Kollegen mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Damit, Normalität in den Alltag zu bekommen. Immer wieder stoßen die Menschen dabei auf Relikte aus dem Krieg, die auch schon mal lebensgefährlich sein können. Wie die vermeintliche Landmine auf der Straßenbaustelle.

Der Serienauftakt ist aufgrund der vielen Personen etwas sperrig, und gelegentlich kommt da auch sozialistisches Gedankengut im professoralen Duktus zur Aufführung, aber dieser Michel Hollmann ist – sehr zum Leidwesen seines Bruders Karl – alles andere als überzeugter Sozialist.

2. Der Tag X

Im zweiten Teil springen die Ereignisse ins Jahr 1953. In Grafenberg ist die geplante Gummifabrik nicht einen Tag näher gerückt und die Straßenbaukolonne hat kaum etwas zu tun. Hollmann und Prossek haben beim Müller angeheuert. Und Michel will seine Laube weiter ausbauen.

Die Bennert-Fabrik bekommt „Westbesuch“ von Adam Weise, Bennerts ehemaligem Kompagnon, der immer noch 20 % der Firmenanteile hält und in Westdeutschland für Bennerts Handelsbeziehungen sorgt. Als Hollmann seine Tochter besuchen will, müssen er und Prossek mit dem Fuhrwerk rüber, weil der Transporter im der Werkstatt ist.

„Die einen bauen die DDR, die anderen ihre Laube.“

Dabei muss Michel Hollmann lernen, dass er doch in krumme Geschäfte verwickelt ist, und Gerda lebt auch nicht mehr bei Tante Elli. Sie träumt von einer Karriere als Fotomodell und ist mit einem Fotografen nach Köln gegangen.

Während der westdeutsche Radiosender RIAS von Demonstrationen vor der Handelsvertretung der „Mitteldeutschen Machthaber“ schwelt auch in der SBZ die Unzufriedenheit mit der Entwicklung. Der so genannte „Tag X“, der 17. Juni 1953, bringt im gesamten sowjetischen Besatzungsgebiet Streiks, Proteste und die Forderungen nach Regierungswechsel, mehr Demokratie und Freiheit. Doch die Aufstände werden militärisch eingedämmt und niedergeschlagen.

In der Rückschau, geht das DDR-Fernsehen zum 30. Jahrestag ziemlich offen mit den Geschehnissen vom 17. Juni um, wobei es selbstredend klar ist, dass hier aus dem Westsektor gezündelt wurde um den DDR Fortschritt zu unterwandern und dem Kriegs-Brückenkopf Westberlin zu militarisieren. Sehenswert dargestellt ist das durchaus. Und eventuell lässt sich die Episode thematisch als Selbständigkeitsbemühungen des jungen Staates zusammenfassen.

3. „Ein jeder gibt den Wert sich selbst“

Die dritte Episode setzt im Jahr 1957 ein. Politisch und gesellschaftlich kommt es nicht zu entscheidenden Einschnitten. Jedoch ist das Gummiwerk endlich fertig. Statt mit der Straßenbau-Brigade in andere Städte zu ziehen, entscheidet sich ausgerechnet Michel Hollmann in Grafenberg zu bleiben.

Zusammen mit einem alten Kollegen und verdientem Parteigenossen bessert er nun Straßenpflaster aus und ist in seiner Unterbeschäftigung unzufrieden. Das wird noch verstärkt, weil Lotte im Kindergarten der Garnfabrik arbeiten will. Auch Nachrichten von Tochter Gerda bringen Verdruss. Die posiert nackt für Zeitungsfotos. Weil die Kölner Textil-Messe ansteht, bittet Lotte ihre Schwägerin Edith dort auch einmal nach Gerda zu sehen. Doch die DDR-Textiler haben ganz andere Sorgen, jemand hat ihren Messestand verwüstet und die Messeleitung bittet das Kombinat wieder abzureisen.

Michel wird derweil angeboten, sich doch als Straßenbaumeister fortzubilden, doch er hat keine große Lust auf Schule. Stattdessen heuert er beim Gummiwerk an. Wo man ihm als erstes eine Facharbeiter-Fortbildung nahelegt.

Tatsächlich ist die dritte Episode eine der stärksten der Serie. Die sozialistischen Floskeln halten sich in Grenzen, es geht um Planwirtschaft und Fortschritt, auch für den einzelnen. Aber es kommt verstärkt auch zu persönlichen Entwicklungen und die Kinder werden erwachsen. Das erfordert neue Darsteller. Heinz Hollmann (Detlef Gieß) liebäugelt mit einem Kunststudium, doch die Akademie kann mit seinem Stil nichts anfangen und auch mit seiner ehrlichen Art.

Heinz Vetter Harald Bennert (Ulrich Anschütz) will nicht in die väterliche Firma einsteigen und entdeckt beim Militärdienst seine Liebe zur Fliegerei. Jürgen Hollmann (Walter Plathe), Sohn des Bürgermeisters, beginnt zusammen mit seiner Freundin Karin Rose, der Tochter des Leiters der Gummifabrik, ein Studium.

4. „Im Sternbild des Löwen“

Episode Vier erzählt dann die Geschehnisse im Jahr 1961. Dabei rücken einerseits die jungen Leute weiter in den Brennpunkt, andererseits geht es darum endgültig mit alten Seilschaften aufzuräumen. Michel Hollmann kommt in der Gummifabrik gut klar und wird aus Personalmangel Maschinenführer, obwohl ihm die Qualifikation fehlt.
Kollege Joachim Gärtner ist mit den Zuständen unzufrieden, läuft aber mit seinen Verbesserungsvorschlägen immer wieder auf. Man hält ihm immer wieder eine Rolle bei den Protesten am 17. Juni vor, obwohl er dafür im Zuchthaus gesessen hat. Als Gerda zu Besuch kommt, lernen die beiden sich besser kennen.

Karin Rose hat ganz andere Probleme. Sie ist schwanger und will abtreiben. Dafür sucht sie im Westen einen Arzt, doch der verlangt viel Geld. Karins Freund Jürgen wendet sich an Cousin Heinz und der fragt den Vater um Unterstützung. Doch dann kommt etwas anderes dazwischen.

„Dieser Nervenkrieg auf der Ätherwelle!“ (Funktionär in Sitzung)

Währenddessen bekommt auch Bennert Besuch von Kompagnon Weise. Der unkt weiter vom baldigen Ende der DDR, weil ja auch massenhaft die Leute abhauen. Weise braucht eine Vollmacht von Bennert. Denn die gemeinsame Firma hatte vor DDR Zeiten eine andere Fabrik aufgekauft, die nun Volkseigener Betrieb (VEB) ist. Doch Weise spekuliert auf die Restitution verstaatlichter Betreibe, wenn es aus ist mit der DDR. Dann beginnt die DDR damit ihre Grenze zu sichern und zu schließen. In Berlin wird eine Mauer gebaut.

Die vierte Folge ist schillernd und abwechslungsreich und dadurch, dass die junge Generation viel zur Handlung beiträgt kommt eine gewisse Verjüngung und Modernisierung in die Angelegenheit. Neue Themen werden angesprochen. Die Vollmachtfrage nimmt in gewisser Weise die Änderungen der Besitzverhältnisse nach der Wende vorweg. Ebenso ist auch Abtreibung ein hochpolitisches Thema, die in der DDR früher legalisiert wurde als in der Bundesrepublik (Fristenregelung ab 1972).

Aufschlussreich auch der Einwand Karl Hollmanns, bereits in den Dreißigern habe man im Arbeitertheater „Cyankali“ aufgeführt. Das Stück von Friedrich Wolf wurde 1977 für das DDR -TV inszeniert und liegt auch als empfehlenswerte und sorgfältig editierte DVD des Filmmuseums Potsdam vor. Mit Fassungen von 1977 und 1930 und umfangreichem Bonusmaterial. Erhältlich bei Absolut Medien.

5. Millionenmichel

In der abschließenden Episode „Millionenmichel“ zieht die Serie noch einmal Bilanz. In Grafenberg wird 800jähriges Stadtjubiläum gefeiert mit Festumzug, Kirmes und Feuerwerk. Fabrikleiter Walter Rose will sich mit Joachim Gärtner aussöhnen, der inzwischen Ingenieur ist und mit Gerda eine Familie gegründet hat. Michel wird für seine Arbeitsverdienste geehrt und auch das ist Grund genug sich an Vergangenes zu erinnern. Und so wartet der Serienabschluss noch mit drei kleinen Episoden auf. Zunächst „Eine Denkschrift“ im Jahr 1970 als Joachim Gärtner statt eines neuen Reifenwerkes lieber das alte renovieren will.

Dann in „Bennert & Sohn“ soll die Fabrik im Jahr 1972 endgültig verstaatlicht werden. Bennert Senior denkt nicht ans Aufhören und unternimmt einen letzten Versuch seinen Sohn, der inzwischen Ziviler Pilot ist, in die Firmenführung zu holen. Anschließend wird Michel Hollmann 1974 als „Millionenmichel“ verspottet, weil er gegenüber einem Journalisten aufrechnet, wie teuer die kleinen nicht funktionierenden Arbeits- und Fabrikabläufe den Arbeiter und den Staat zu stehen kommen. Zum Schluss ist der gealterte, aber inzwischen überzeugt sozialistische Michel Hollmann wieder damit beschäftigt eine Laube zu bauen. Wie sollte es anders sein?

Abschließend nimmt sich „Die lange Straße“ noch einmal einen wohlwollenden Rückblick der auch auf das Gute, das Erreichte und die Leistung in der DDR schaut, ganz nach dem Motto, die Entbehrungen haben sich doch gelohnt. Es geht voran und bald feiern wir ein weiteres Richtfest. Da sind noch Probleme und die werden auch nicht aufhören, aber eigentlich läuft es doch. Dass Gerda Hollmann (der Liebe wegen) wieder nach Grafenberg übergesiedelt ist, wird ganz selbstverständlich erzählt. Dabei fallen sowohl die westdeutsche Karriere wie auch die Geschäftsidee von Tante Elli irgendwie unter den Tisch. So substanzlos verflüchtigen sich fixe Ideen.

„Warum wollen wir unsere Welt immer schöner und besser zeigen als sie ist?“ (Heinz Hollmann)

Insgesamt ist „Die lange Straße“ auch als Zeitdokument heute durchaus noch relevant. Auch und weil die DDR nicht mehr existiert, wohl aber ein Teil der deutschen Geschichte ist. Anders als das ebenfalls in den 1970ern entstandene „Ernst Thälmann“-Porträt hält sich der „Propaganda“-Anteil eher in Grenzen. Andererseits ist die TV-Dorfchronik „Wege übers Land“ für das DDR Fernsehen noch immer ein selten erreichter Standard.

Die TV-Serie „Die lange Straße“ wurde anlässlich der ersten DVD-Veröffentlichung 2012 restauriert und kann sich durchaus sehen lassen. Zwar ist das Format noch immer nicht High Density, aber das hat wohl auch keiner erwartet. Merklich ist ein Wechsel in der Regie nach der zweiten Folge. Dann sind die Bilder klarer und präziser und in den Dialogen ist die Kamera näher an den Charakteren. Insgesamt bleibt die Inszenierung immer noch vergleichsweise statisch, aber durch die Außenkulissen der fiktiven Stadt Grafenberg gibt es Auflockerung genug.

„Die lange Straße“ verlangt von heutigen Zuschauern auch einen langen Atem. Die Art wie seinerzeit erzählt wurde unterscheidet sich schon erheblich von aktuellen Serienformaten. Doch die Familien-und Kleinstadtchronik aus der nicht mehr existenten DDR ist durchaus unterhaltsam und sobald die Vielzahl der Figuren erst einmal bekannt sind, entwickelt sich eine realistische Sozialdynamik, der durchaus eine gewisse Zeitzeugenschaft gelingt, ohne allzu sehr ins Erzieherische abzugleiten, das vielen ostdeutschen TV-Produktionen innewohnte. Zwar kommt „Die Lange Straße“ nicht ansatzweise an Edgar Seitz unübertroffenene mehrstaffelige Regionalchronik „Heimat“ heran, aber die Grafenberger Episoden haben ihren Charme.

Serien-Wertung: 6 out of 10 stars (6 / 10)

Die lange Straße
OT: Die lange Straße
Genre: TV-Serie, Drama, Zeitgeschichte
Länge: 470 Minuten, DDR, 1979
Idee & Geschichte: Gerhard Bengsch
Dramaturgie: Wenzel Renner
Regie: Christian Steinke (1 & 2), Peter Wekwerth (3-5)
Darsteller:innen: Alfred Müller, Walfriede Schmitt, Günter Naumann, Karin Gregorek,
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Onegate
TV-Ausstrahlung: September 1979
DVD-Erstveröffentlichung: 13.10.2012
DVD-VÖ: 10.11.2022

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