The Hydden – Epic Anesthetic: Album Review

Erstkontakt in der norddeutschen Tiefebene: Versteckt rockendes Alpenduo legt mit elektronisch anmutenden Grooves ein gehöriges Brett vor. Da kann man (oder frau) schon mal die eingerosteten Tanzkeulen schwingen und in die mehrstimmigen Refrains einfallen. „The Hydden“ legen mit „Epic Anesthetic“ ihr drittes Album beim dritten Label vor und das sitzt dieses Mal in Hamburg. Der Sound ist einfach treibend. Und jetzt alle: Go, go, go, go…

Es ist definitiv eine Herausforderung sich in der aktuellen Musikszene abzuheben. Egal welche Musik jemand macht, immer gibt es Vorbilder, Mitmusiker und etliche Faktoren, die Musiker:innen nicht in der Hand haben, die aber über Bekanntheit und Erfolg entscheiden. Soundtechnisch sind „The Hydden“ da einer ganz heißen Scheiße auf der Spur. Diese Beats, dieses Schlagzeug wummert, als käme es direkt aus der Soundmaschine und sorgt so für einen blubbernden Nachhall, der irgendwie nicht Rock ist, aber auch noch nicht Rave.

Wenn dann noch fette Riffs dazu kommen, geht die Luzie ab und die erstaunlich melodiösen Refrains werden außerdem mehrstimmig mit Harmoniegesang vorgetragen. Da kommt eine Mischung raus, auf die eigentlich fast jeder kann. Meint zumindest der Rezensent. Und der täuscht sich eigentlich immer, was Mainstreamtauglichkeit und Hitpotential angeht…irgendwie bin ich wohl anders verdrahtet.

Ich wette ihr seht auf der Tanzflache gut aus

Wie auch immer: Seit einigen Jahren machen Schlagzeuger Roli Würsch und Gitarrist Roger Hämmerli zusammen als „The Hydden“ Musik, die ich – wie so vieles bislang – nicht wahrgenommen habe. Wie etliche solcher Duos haben sich „The Hydden“ mehr oder minder dem Garagenrock verschreiben.

Das Debut „Anthems for the Wild and Hungry“ erschien 2018. Ein Jahr später folgte „Vagabond Songs“ und die Band hatte den stonermäßigen Grundsound wohl etwas nachjustiert. Mehrstimmige Vocals, melodiösere Refrains und vor allem elektronische Elemente führten dazu, einen eigenen Sound zu kreieren. Und die Bemühungen haben sich gelohnt.

Man merkt den beiden Kumpels an, dass sie am gemeinsamen Abrocken Spaß haben und die Basics des Duos liegen immer noch in klassischem Garagenrock, mal mehr Stoner, mal ein bisschen Psychobilly, dann wieder Bluesrock, aber meist mit Druck nach vorne.

„Epic Anesthetic“ erscheint – zumindest als Vinyl und digital – beim Hamburger Label brillJant Sounds, im bandeigenen Online-Shop ist auch noch eine CD angekündigt. Zwölf Songs geben Würsch und Hämmerli zum Besten und legen dabei ordentlich vor.

Der Auftakt ist mächtig und irre tanzbar. Eigentlich die gesamte erste Seite des (gedachten) Vinyls, denn es liegt die Digitalversion in der Playlist. Die zweite Hälfte kommt dann (gefühlt?) etwas konventioneller daher und nicht mehr ganz so elektrobeatig. Da sind noch E-Spielereinen drin, aber der hypnotische, auf epische Weise narkotisierende, hypnotische Groove kommt deutlich weniger zur Geltung.

Das Leben ist ein ständiges Geben und Nehmen

„Give & Take“ eröffnet das dreckige Dutzend auf „Epic Anesthetic“ mit diesem derben Beat und einem fetten Rockriff. Kein Wunder, dass der Song als Single ausgekoppelt wurde. Allerdings erst als zweite. Die Mischung ist schon faszinierend und weniger zwischen den Stühlen als ein catchy Amalgam. Gleiches gilt für das anschließende „Tattoo the Sound“. Ein schönes Motto und eine coole Gitarrenlinie, die von Sprechgesang in einen zweistimmigen Refrain geführt wird. Dann folgt mit „Night Bruises“ der Knaller des Albums und ich freue mich schon auf die nächtlichen Prellungen im Mosh Pit. So geht Festival-Hit zum Mitmachen. Bounce! Bounce!

Zwischenfazit nach einem Viertel: Hier hat ein kongeniales Duo eine Soundnische entdeckt, die ich abfeiern muss. Wobei mir schon klar ist, dass es Einflüsse und Vorläufer und Mitstreiter gibt. Aktuell sind etwa Royal Blood ähnlich unterwegs. Gelegentlich kommen mir The Black Keys in den Sinn, vor allem aber die Belgier Soulwax in ihrer späteren Phase, so „Any Minute Now“ (2004). Aber hier schimmern auch rockige Techno-Hits durch a la The Prodigy und Neunziger-Konsorten. Und es liegt nicht nur am Drumsound, sondern auch an den Arrangements.

„Hey Now, Right Now“ nimmt das Tempo raus und setzt auf Hymnen-Modus. Poppige Refrain zum Mitsingen und Indie-Vibes inklusive. „Turonno“ legt bluesrockig vor, macht elektromäßig weiter und klingt dann soulig aus. „If this is it“ setzt dann auf den eigenwilligen, screamo-mäßigen Gesang.

Und ganz wichtig nach dem Sport: Ausschütteln

Seite zwei beginnt dann mit dem langsamen, schweren Rocker „Only Sun“ und legt mit „Power vs. Force“ weiter wuchtig headbangend vor. „Alibi Run“ ist eine punkiger Mitgröhler. „Sunset Stripes“ hat eine stonermäßige „Stop and Go“-Dynamik und „The Calling“ wurde wohl aufgrund seiner melodiösen Qualitäten als erste Single ausgesucht. Abschließend gibt es dann mit „Shake it Out“ ein bisschen Yoga Abschluss mit auf den Weg. Nein, nicht wirklich, hier wird nervöser Psychobilly intoniert. Mit einer Portion Coolness und Humor.

Feine Platte. Das Duo hat seinen Sound definitiv gefunden. Wie eingangs erwähnt, kommen die Elektro-Sperenzchen in der zweiten Halbzeit nicht mehr so in der Wucht zur Geltung, sondern als Sound-Effekte. Das kommt etwas traditioneller als moderner Garage-Rock rüber. Mir ist die aufgepimpte Sound-Variante deutlich lieber. Mal sehen wie das live rüberkommt. Aktuell sind „The Hydden“ auf Tour.

Mit Gitarre und Schlagzeug lässt sich viel Schub machen und „The Hydden“ haben es auf ihrem dritten Album „Epic Anethethic“ drauf. Vor allem die Bereicherung des minimalistischen Sounds um Harmonien und elektronische Komponenten weiß zu überzeugen und groovt wie Hölle. Das ist vom Vibe durchaus in der Nähe rockiger 90th Technospielarten. Gefühlt, wird die zweite Hälfte der neuen Scheibe etwas traditioneller abgerockt, da fehlt bei allem Wumms dann etwas das Eigene. Es lohnt sich ein Ohr zu riskieren und die Herren auch live auszutesten. Da wäre ein gediegenes Bergfest drin.

Album-Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

The Hydden – Epic Anesthetic
Genre: Rock, Heavy, Alternative
Länge: 12 Songs, 42 Minuten, CH, 2022
Interpret: The Hydden
Label: BrilliJant Sounds, Hamburg
Vertrieb: Indigo
Vinyl & Digital-VÖ: 28.10.2022
CD-VÖ: 17.11.2022 (mailorder only?)

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