Ansichten am Donnerstag #36: Lücken in der Welt

In manchen Situationen erstaunt mich die Belanglosigkeit meines eigenen Geschwätzes so sehr, dass dringend Abhilfe Not tut. Wie auch heute beim Abfassen einer wöchentlichen Kino-Kolumne. Was sind schon Blockbuster, Quoten und Rezensionen im Angesicht der Lücken die ein Tod hinterlässt.

Zugegeben, Michael Jackson habe ich nur als Medien-Phänomen wahrgenommen. Beeinflusst hat Jackson meine persönliche Lebewelt nicht über die Tatsache hinaus, dass ich einst staunend zur Kenntnis nahm, dass Jacko Eddy Van Halen zum Einspielen eines Gitarrensolos verpflichtete. Der King of Pop hat mich weiter nie interessiert und doch, schien es mir heute stumpfsinnig betriebsblind, mich über Kinobelange auszulassen.

Auch Pina Bausch ist vor einigen Tagen verstorben. Die einflussreiche Tänzerin und Choreographin hatte ebenso wenig Kontakt mit meiner Existenz wie Jacko. Und doch betrifft und betrübt mich die Verwerfung die solche prominenten Tode im kollektiven Bewusstsein hinterlassen.

Zum Tod von Michael Jackson

Vielleicht ist es der Respekt vor dem Kreativen, vor dem, was schon der olle Goethe „Künstlerseele“ nannte und allen Menschen wünschte. Das meint nach meinem Verständnis weniger das Schaffen eines Kunstwerkes als vielmehr eine bestimmte Weise etwas zu tun, das Leben zu leben.

Der Künstler, der Mensch wird dabei vordergründig von dem getrieben, was die Ramones seinerzeit so treffend mit „Today your Love, Tomorrow the World“ als Maxime für die Weltherrschaft des Punkrock ausgaben. Und dieses kreative Moment ist es, das uns Respekt abnötigt und uns im Idealfall mit Schönheit verzückt.

Selbst wenn wir die Formen eines kreativen Ausdrucks, einer (Bild-, oder Ton-) Sprache nicht nachempfinden können, so bleibt doch das intuitive Erkennen, dass da jemand etwas hervorbringen musste, was nicht unausgesprochen bleiben mochte. Die einen schreien es hinaus, andere tanzen es in die Welt. Wieder andere drehen heute, hier und jetzt experimentelle Stummfilme in Schwarz-Weiß oder schreiben Gedichte:

WELTENDE
Es ist ein Weinen in der Welt,
Als ob der liebe Gott gestorben wär,
Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen…
Das Leben liegt in allen Herzen
Wie in Särgen.

Du! wir wollen uns tief küssen –
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.

(Else Lasker-Schüler, 1869 – 1945)

(ursprünglich veröffentlicht bei cinetrend.de, 02.07.2009)

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