Ansichten am Donnerstag # 18: “(This is not a) Love Song”

“This is not a love Song” nöhlte John Lydon alias Johnny Rotten mitten in den 80ern ins Mikro und verschaffte seiner Band P.I.L. paradoxerweise einen Hit (#5 in UK). Paradox insofern, als dass “Love Song” die (geistige) Weichspülerei der Hitparaden und der Musikindustrie geißelt und sich durch plakatives Behaupten des Gegenteils genau dem verweigert, was Mr. Lydon anstrebt. Durch die Anti-Haltung gelingt der kommerzielle Coup.

Ungefähr im gleichen Zeitraum begann der Kult um den FC St.Pauli mit den Fakten, dass Torhüter Ippig in der besetzten Hamburger Hafenstraße wohnte und die alternativen Hausbesetzer das Millerntorstadion mit Piratenflagge kaperten. Was daraus wurde und wie das heute aussieht, lässt sich derzeit (2008) im Kino anschauen: “St. Pauli: Rausgehen – Warmmachen -Weghauen.” zeigt das aktuelle Treiben beim Zweitligisten. Mich als Fan spricht das sowieso an.

Anti-Werbung

Was mich allerdings irritiert ist der Merchandise-Stand der Kiez-Kicker während des Rockfestivals im dänischen Roskilde. Das ist zwar geschäftstüchtig und die lustigen Leibchen sind auch sehr kleidsam, aber mir geht das zu weit. Nun, Pauli ist Kult (was auch immer das impliziert) und jeder will gerne teilhaben. Ich selbst oute mich gerne als “Weltpokalsiegerbesieger”-T-Shirt-Träger.

Selbstverständlich gönne ich dem Verein jede müde Mark und jedes bisschen Publicity – genau wie der verhinderten Sex Pistole Johnny Rotten. Das Kokettieren mit dem Alternativen gehört in beiden Fällen zu einem funktionierenden Image. Es mag sogar ein wenig den Lebensstil prägen, doch es funktioniert nach den gleichen Mechanismen wie der kommerzielle Mainstream. Also behaupte keiner, er würde nicht dazugehören.

Viel Spaß im Kino.

(ursprünglich veröffentlicht bei cinetrend.de am07.08.2008)

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