Der Gesang der Flusskrebse: Der Roman

Weil Im August hierzulande in den Kinos die Bestseller-Verfilmung zu Delia Owens Erfolgsroman „Der Gesang der Flusskrebse“ gestartet ist, hat der Hanser Verlag eine Taschenbuch-Neuauflage des Romans veröffentlicht. Der Zusatz „Jetzt ein Kinofilm“ darf dabei wohl ebenso wenig fehlen wie der Hinweis auf einen ergänzten neuen Text der Autorin. Aber dazu später mehr.

Der Tod eines jungen Mannes aus besseren Kreisen verstört die Bewohner der Küstenstadt Barkley Cove in North Carolina. Chase Andrews Leiche wird unterhalb eines vergessenen Feuerwachturmes in den umliegenden Marschen gefunden. Zwar sind sich die Polizisten nicht sicher, dass es sich um ein Verbrechen handelt, doch die Abwesenheit von Spuren erregt Verdacht. Die Bewohner von Barkley Cove sind schnell mit einer Verdächtigen zur Hand: Kya Clark, die allein in den Marschlanden lebt, hat den ehemaligen Quarterback der Highschool-Mannschaft ermordet.

Die Handlung

Kya in den 1950ern allein mit ihrem Vater in einer heruntergekommenen Hütte in den Marschlanden auf. Der alkoholkranke, zur Gewalt neigende Vater hat zuerst seine Frau und dann auch Kyas ältere Geschwister aus dem Haushalt vertreiben. Nur das kleine Mädchen wurde vergessen und hat sich seitdem mit der Situation arrangiert. Der Vater vernachlässigt seine Tochter.

Die Marsch ist von jeher ein Rückzugsort für gesellschaftliche Außenseiter. Die Polizei kommt kaum einmal hierher und auch die Schulbehörde lässt sich nur einige Male blicken. Die einzigen Kontakte von Kya sind das afroamerikanische Ehepaar Jumpin‘ und Mabel, die in der Marsch einen kleinen Handelsposten betreiben und der Junge Tate.

Tate war ein Freund von Kyas älterem Bruder bis Kyas Vater ihn hinausgeworfen hat. Als Kya, angelockt von der Aussicht auf eine warme Mahlzeit, erstmals in die die Schule in Barkley Cove geht, wird sie von den Mitschülern gehänselt und verzichtet daraufhin auf weitere Schulbildung.

Stattdessen lernt sie von der Natur, die sie mit großer Neugier und Aufmerksamkeit beobachtet. Später dann freundet sie sich mit Tate an, der ihr Lesen und Schreiben beibringt. Und so schafft es Kya in den Marschlanden zu eine attraktiven jungen Frau zu werden, die nicht nur Tate auffällt, sondern auch Chase Andrews, dem Sohn des örtlichen autohaus-Besitzers und notorischer Frauenheld.

Der Aufbau

Der Roman „Der Gesang der Flusskrebse“ erzählt die Geschichte der Kya Clark im Grunde chronologisch von ihrer Kindheit bis zu dem Zeitpunkt des Gerichtsverfahrens gegen die junge Frau. Allerdings stellt der Roman den tod im Jahr 1969 als Prolog vorweg bevor zurück ins Jahr 1952geht. Immer wieder unterbrechen kurze Einschübe der Polizeiermittlung die Erzählung von Kyas Leben.

Darüber hinaus ist der Roman in zwei Abschnitte unterteilt. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Kindheit und Jugend im der Marsch, der zweite Teil beschäftigt sich mit den Beziehungen Kyas zu Chase und Tate und dem Mordprozess. Die Unterteilung in „Marsch“ und „Sumpf“ folgt der Symbolik, die die Autorin den jeweiligen Feuchtgebieten im Prolog zuordnet.

„Marschland ist nicht gleich Sumpf. Marschland ist ein Ort des Lichts, wo Gras in Wasser wächst und Wasser in den Himmel fließt. …Sumpfwasser ist still und dunkel, hat das Lucht mit seinem schlammigen Schlund verschluckt.“

Wiederkehrende Elemente in dem Roman sind Naturschilderungen und Gedichte, die von einer fiktiven Heimatdichterin verfasst sind. Fast den ganzen Roman über behält die Erzählung die Perspektive Kyas bei. Anders etwa als in dem Kinofilm, in dem auch der Anwalt Tom Milton eine Erzählerperspektive einnimmt. Auch ist der Roman dramaturgisch anders aufgebaut und betont somit eher das unabhängige Leben des Marschmädchens. Das führt auch dazu, dass der zweite Teil, in dem der Prozess große Teile einnimmt, etwas weniger packend zu lesen ist.

Die Verfilmung

Im Grunde genommen aber sollten alle, die die Verfilmung mochten auch den Roman genießen können und umgekehrt. Allerdings ist die Dramaturgie in der Verfilmung durchaus flotter und deutlich ausgewogener in Bezug auf die einzelnen Teile. Dafür bietet der Roman schönere Naturbeobachtungen.

Das verwundert auch nicht, wenn man bedenkt, dass Delia Owens selbst Biologin ist, die Jahrzehnte lang mit ihrem inzwischen geschiedenen Ehemann in Afrika Wildtiere studiert hat und darüber auch drei Erinnerungsbücher mit Mark Owens verfasst hat. Biografisch dürfte auch die Erinnerung an die außergewöhnliche Landschaft in North Carolina geprägt sein, wohin die Familie der Jungen Autorin immer wieder in die Sommerfrische fuhr.

Etwas weiter hergeholt scheint da der Aspekt, dass der Mord in dem Roman Parallelen aufweisen würde zu einem nicht aufgeklärten Todesfall in Sambia, der sich ereignete, während die Owens dort Wildtiere studierten und vor Wilderern zu schützen versuchten. Bis heute sollen die Owens in Sambia als Zeugen des Todesfalls befragt werden. Delia Owens gilt nicht als Verdächtige, um das deutlich zu sagen.

Es gibt noch zwei Aspekte die zu erwähnen sind. Zum einen wirbt die deutsche Neuauflage mit einem ergänzenden Text der Autorin. Dieser ist zwei Seiten lang und gibt die Eindrücke und Gefühle der Autorin angesichts der Verfilmung wieder. Das ist zwar nett, aber verzichtbar und keineswegs ein starkes Verkaufsargument. Die Artworks aus dem Film und die Illustrationen hingegen sind schon schön.

Der Sprachgebrauch

Die Übersetzung tut sich schwer mit den Sprachgebrauch des Romans gegenüber Afroamerikaner. Es gibt zwei kurze und im Grunde unbedeutende Szenen, in denen das zur Sprache kommt. Zum einen gebraucht die Autorin, die in den USA auch wegen des Sprachgebrauchs kritisiert wurde den Begriff „colored“, der hier mit „schwarz“ statt mit „farbig“ übersetzt wird. Die Übersetze erklären das plausibel mit dem Kontext der historischen Rassentheorie, aus dem der Begriff stammt.

An anderer Stelle des Buches wird die junge Kya Zeuge wie zwei weiße Jungs Afroamerikaner hänseln und beschimpfen. Die Übersetzung verzichtet darauf, das Schimpfwort auch zu verwenden und arbeitet stattdessen mit Auslassungszeichen. Das ist zwar wohlgemeint und auch sehr woke, aber ich halte das dennoch für zumindest unglücklich.

Schließlich handelt es sich um eine historisierende Erzählung und Rassentrennung und abfälliger Sprachgebrauch waren seinerzeit leide üblich. Das zu verschweigen oder zu tabuisieren, erscheint mit nicht angebracht. Hier wäre eine weitere erläuternde editorische Notiz eventuell zielführender gewesen. Im Kontext des Romans sind beide Momente unerheblich. Die Leserschaft kann das auch schlicht überblättern oder zur Kenntnis nehmen.

Delia Owens ist mit „Der Gesang der Flusskrebse“ eine faszinierende Geschichte über eine starke junge Frau gelungen. Das hat etwas von einem „Kasper Hauser“-Motiv, kommt aber über hinreißende Naturbeobachten zu einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte. Einiges in der Handlung bietet wenig Überraschung, doch „der Gesang der Flusskrebse“ ist eine sehr unterhaltsame Lesereise.

Roman-Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

Der Gesang der Flusskrebse
OT: Where the Crawdads sing
Genre: Roman
Länge: 458 Seiten, USA, 2018
Autorin: Delia Owens
Übersetzung: Ulrike Wasel & Klaus Timmermann,
ISBN: 978-3-446-27325-2
Format: Taschenbuch
Verlag: Hanser blau, München
VÖ der Neuauflage: August 2022

Verlagsseite zum Roman (mit Leseprobe)

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