Faust: Absenz des Allerhöchsten

Man sollte sich Alexander Sokurows „Faust“–Verfilmung (2011) nähern wie einem ambitionierten Theaterstück, das sehr frei mit der klassischen Goethe-Vorlage umgeht. „Faust“ will kein Mainstream-Kino sein, sondern verfolgt zielsicher eine künstlerische Vision. Folgerichtig ist Sokurows Faust zeitgemäß nihilistisch, filmisch experimentell und visionär, aber auch zäh und ansteckend pessimistisch. Aus dem Archiv: Ein literarischer Filmversuch.

Der große russische Regisseur Alexander Sokurow („Russian Ark, „Francofonia“) hat sich 2011 mit der Verfilmung des Literaturklassikers Einiges vorgenommen und macht es dem Publikum nicht gerade leicht. Schon die Entstehung des Film ist eigenwillig und fast manisch: Goethes „Faust“ wird in dem Drehbuch von Sokurow und Yuri Arabow umgedeutet und sehr frei interpretiert.

Aus Respekt vor der deutschen Kultur wurde der Film mit großteils deutschen und österreichischen, also sprachmächtigen, Schauspielern auf Deutsch gedreht, um dann anschließend nachsynchronisiert zu werden. Zumeist von den Schauspielern selbst. Nur der Mephisto beziehungsweise der Wucherer Adam Adasinsky, wurde, obwohl er sein Tanztheater seit Jahren in Dresden betreibt, von „Sponge Bobs“ Synchronstimme vertont.

Doch damit nicht genug, Sokurow entscheidet sich auch gegen alle Kino-Gewohnheiten für ein Bildformat von 1: 1,33, also einem fast quadratischen Film, der die Geschehnisse von vorherein mit bizarrem Surrealismus versieht. Außerdem arbeitet “Faust“ häufig mit Speziallinsen, die die Gesichter seltsam verzerrt und absurd erscheinen lassen.

Auch inhaltlich lehnt sich der Film-Faust weit aus dem Fenster und siedelt den Doktor Faust (Johannes Zeiler) in einer Stadt kurz vor der Moderne an: Mechanik bestimmt das Bild und auch die Weltsicht, doch von neumodischem, fantastischen Steampunk weit und breit keine Spur.

Der wissensdurstige Professor ist ein Handwerker geworden, der mit ungerührter Mine und Kittelschürze mit bloßen Händen in den Eingeweiden von Leichen wühlt, um die Seele zu finden, an deren Existenz er freilich selbst nicht ernsthaft glaubt. Dafür ist ihm der Handlanger Wagner (Georg Friedrich) so treu ergeben, dass es im Duett fast wie eine Frankenstein-Parodie wirkt.

Doch der ehrenwerte Doktor hat Geldsorgen, die sein pragmatischer, als Armenarzt arbeitender Vater (Sigurdur Sulason) nicht zu mildern bereit ist. So bleibt dem Faust nur der Wucherer (Adam Adasinsky), der selbstredend auf die Seele des Professors aus ist; sonst hat der Gelehrte ja auch nicht viel als Pfand zu bieten. Letztlich philosophiert sich das ungleiche Paar über alltägliche Belanglosigkeiten zum ausweglosem Ende, an dem Faust seine Schuld zu begleichen hat und Mephisto in die Unterwelt begleiten muss.

Auch die Sache mit dem Gretchen interpretiert Regisseur Sokurow durchaus von Original abweichend: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“, braucht Margarete (Isolde Dychauk) dem Herr Professor eigentlich nicht zu stellen, den es ist offensichtlich, dass dieser mit höheren Mächten wenig am Hut hat und die gesamte Filmwelt vermittelt die endgültige Absenz des Allerhöchsten.

Nach 139 Minuten bleibt den Zuschauer:innen also genügend Material, über das es nachzusinnen lohnen würde. In künstlerischer Hinsicht ist Sokurows Faust-Vision ebenso waghalsig wie großteils gelungen, allein die Muße zur weiterführenden Auseinandersetzung ist ob der Vorstellung geschwunden. Wie sehniges Fleisch haben schon die Darsteller den desillusionierenden Diskurs zermürbt. Der Zuschauer geht nicht gestärkt mit der neuen Energie eines gut breiteten Mahles sondern vollgestopft, müde und schlapp aus dem Kampf um die Seele heraus, der eigentlich keiner war, denn der Gewinner stand schon zu Beginn fest.

Wie sich „Faust“ in Alexander Sokurows Macht-Tetralogie einfügt, kann ich nicht beurteilen, da ich „Moloch“ (1999), „Taurus (2001, hierzulande nicht veröffentlicht), und „Die Sonne“ (2005, lief nur auf der Berlinale) schlicht nicht kenne.

Alexander Sokurows „Faust“, sehr frei nach Goethes Vorlage ist visuell und inhaltlich keine leichte Kost und wohl nur denjenigen zu empfehlen, die hohe Filmkunst oder die visionäre Auseinandersetzung mit einem Theater-Klassiker suchen. Alle anderen tun sich mit einem Kinobesuch keinen Gefallen.

„Faust“
OT: Faust“
Genre: Drama, Literatur,
Länge: 140 Minuten, RUS, D, 2011
Regie: Alexander Sokurow
Darsteller: Johannes Zeiler, Isloda Dychauk, Anton Adasinsky
FSK: ab 12 Jahren,
Vertrieb: MFA, Alive
Kinostart: 19.01.2012
DVD- & BD-VÖ: 08.05.2012

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