Moon Knight – Mitternachtssonne: Charlie Huston Collection

Immer wenn ein Superheld den Sprung aus den Comics schafft und auf der Leinwand oder dem Bildschirm landet, hat das zur Folge, dass im Medium Comic einige wegweisende Titel ausgegraben werden. So auch bei „Moon Knight“ der mit Oscar Isaac in der Titelrolle bei Disney Plus angelaufen ist. Panini Comics veröffentlicht dazu den kompletten Serienlauf von Autor Charlie Huston. Der ist abgründig, brutal, muskelbepackt und lesenswert. Aufgrund der psychologischen Düsternis des (Anti-)Helden aber nicht uneingeschränkt für eine junge Zielgruppe zu empfehlen.

Allerdings ist Moon Knight, der selbsternannte Rächer und Beschützer der nächtlichen Wanderer, ohnehin schon mit einer ziemlich eigenwilligen Auslegung des Heldendaseins in Marvels Superhelden-Kosmos aufgetaucht. Mitte der 1970er Jahre ließen Autor Doug Moench und Zeichner Don Perlin den ehemaligen Söldner Marc Spector auf die Leserschaft los.

Spector war seinerzeit Söldner und starb bei einem Auftrag. Doch der ägyptische Gott Konshu nutzte die Gelegeneheit und erweckte Spector mit übersinnlichen Kräften wieder zum Leben, um der gewalttätige Hohepriester der Gottheit zu werden. Konshu ist zwar der Beschützer der nächtlichen Reisenden, doch er verlangt immer auch einen Blutzoll. Soviel zur Einleitung.

Moon Knight – Die Geschichte des Anti-Helden

Bei Panini Comics sind über die Jahre einige, meist lesenswerte „Moon Knight“-Sammelbände und -Serien erschienen, und im Laufe der Zeit hat die Figur einige Veränderungen durchgemacht. So hat der ehemalige Söldner auch eine gespaltene Persönlichkeit und ist zeitweise als Taxifahrer Jake Lockley oder als Millionär Steven Grant unterwegs gewesen. Zum Teil ist das in dem „Willkommen im neuen Ägypten“-Storybogen von Jeff Lemire zum Tragen gekommen.

Der Autor Charlie Huston hat 2006 eine finstere und brutale Neudefinition des Mondritters gewagt, die großen Anklang fand und inzwischen Kultstatus genießt. Die ersten sechs US-Ausgaben des vorliegenden Bandes erscheinen bereits 2017 bei Panini unter dem Titel „Wächter der Nacht“ und sind bei Brutstatt.de auch vorgestellt worden. Das Artwork stammt im Wesentlichen von David Finch und Kolorist Frank D’Armata. Insgesamt steht die Serie in der Tradition jener Antihelden, die typische Produkte der Neunziger Jahre waren. Dazu gehören vor allem einige von Autor Garth Ennis geschaffene- oder maßgeblich geformte- Charaktere wie etwas Preacher und auch der Hellblazer Johnny Constantine.

Marvels Punisher hatte gleichfalls eine derbe Hochphase. Doch auch bei Marvels Konkurrenten DC Comics ging es finster zu, man denke nur an einige legendäre Batman-Stories und der ehemalige Spider-Man Zeichner und Publikumsliebling Todd McFarlane hatte mit seinem finsteren Antihelden „Spawn“ mehr als nur eine Duftmarke gesetzt. Alle diese Titel und Stories sind eher für ein erwachseneres Publikum gedacht, dass im Zuge der Grunge-Welle aus Seattle aus dem Mainstream-Heldencomics herausgewachsen schien.

„Am Boden“ und gebrochen

Aber „Mitternachtssonne“ ist von 2006 und eine eigene Geschichte. Marc Spector ist am Ende, die Einsätze als „Moon Knight“ fordern ihren körperlichen und geistigen Tribut und Marc sitzt im Rollstuhl und pumpt sich mit Schmerzmitteln voll. Seien Freunde haben sich weitegehend von dem selbstmittleidigem, verbitterten Ex-Söldner abgewendet und Marc fristet seine Tage abwechselnd apathisch und wahnsinnig.

In dieser Situation macht das mysteriöse Komitee, das aus den Erben des ehemaligen Komitees besteht, einen Versuch der Erzfeind ein für alle mal auszuschalten. Man heuert einen psychologischen Berater an und hetzt Moon Knights Erzfeind auf den scheinbar Wehrlosen. Doch die Attacken haben einen anderen Effekt und Spector beginnt ums Überleben zu kämpfen.

„Moon Knight – Mitternachtssonne“ umfasst den gesamten 13 US-Ausgaben-Run von Autor Charlie Huston. Die ersten Acht Ausgaben werden von Zeichner David Finch in Szene gesetzt, bevor Mico Suayan für vier Ausgaben übernimmt und Tomm Crooker den Abschluss illustriert.

Finchs Zeichenstil ist muskelbepackt, explizit und dynamisch wie es für die Neunziger Mode war. Das ergänzt sich kongenial mit der inhaltlichen Ausrichtung der Abenteuer. Im Prinzip erzählt Huston in jeweils sechs US-Ausgaben langen Stories zwei unterschiedliche Geschichten. In „Ganz unten“ ist der Held am Boden und weiß kaum, ob er seiner eigenen Wahrnehmung trauen kann. Immer wieder taucht Konshu selbst auf und auch der Bushmaster lässt sich blicken. Da wird dem Helden gewissermaßen die Maske abgerissen und darunter ist kein Gesicht mehr, sondern rohes Fleisch zu sehen, das an „Iron Maiden“s Maskottchen Eddie erinnert. Im der zweiten Storyline geht es dann ans Überleben, daran, sich zur Wehr zu setzen. Aber lest selbst.

Die bleiche Gestalt am Himmel

Alles in Allem ist dieser Sammelband schon recht brutal und vor allen psychologisch nicht ganz ohne. Das ist ausgesprochen fesselnd umgesetzt, auch wenn es anfangs ein wenig dauert, sich in das Setting einzulesen und die Charaktere und Wahnfiguren auseinanderhalten zu können.

David Finch hat einen großartigen Stil, der mit fotorealistischen Sound- und Tempoeffekten angereichert ist. Gelegentlich erinnern gerade die Porträts an die Cover-Artworks von Glen Fabry zu Garth Ennis Hellblazer-Run, aber das nur am Rande. Wer sich mit der düsteren, testosteron-gesteuerten Optik wohlfühlt, kommt in „Moon Knight: Mitternachtssonne“ voll auf seine Kosten.

Einsteigern in die Figur und die Mythologie dahinter sei eher der aktuelle „Moon Knight“-Titel: „Eine neue Mission“ empfohlen, der parallel zur TV-Serie herausgekommen ist. Oder aber der immer noch herausragende Neuanfang von Warren Ellis und Declan Shalvey aus dem Jahr 2014 „Aus dem Reich der Toten“.

Aufgrund ihres Kult-Status ist die Moon Knight Collection von Autor Charlie Huston absolut empfehlenswert. Wer allerdings schon den 2017 erschienenen Band „Wächter der Nacht“ im Regal stehen hat, kann sich nur halbwegs auf neues Lesefutter freuen. Die Aufmachung und das Hardcover sind schon schön. Und die Story „Mitternachtssonne“ ist großes Kino.

Comic-Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Moon Knight – Mitternachtssonne: Charlie Huston Collection
OT: Moon Knight (2006) 1-13, Marvel Comics, 2006/2007
Genre: Comics, Superhelden,
Autor: Charlie Huston
Zeichner: David Finch, Tomm Coker, Mico Suayan
Farben: Frank D’Armata, Dean White
Übersetzung: Jürgen Petz
ISBN: 9783741626296
Verlag: Panini Comics, 356 Seiten, Hardcover
VÖ: 17.05.2022


Moon Knight – Mitternachtssonne bei Panini Comics

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